[1007] Zweigesicht und Krallenvogel [Sousanna/Amalia]

Wenn die Sonne hinter das Appenningebirge sinkt, kriechen die Verdammten aus ihren Löchern. Dies sind ihre Geschichten.

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Amalia
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Re: [1007] Zweigesicht und Krallenvogel [Sousanna/Amalia]

Beitrag von Amalia » Mo 16. Apr 2018, 22:37

Als Amalia die sanfte Stimme der Ravons vernahm zuckte sie förmlich zusammen. Hastig versuchte sie sich die Blutreste unter dem saphirblauen Auge wegzuwischen. Sie versuchte sich zwar zu einem Lächeln zu zwingen, doch bedurfte es nicht eines geübten Blickes um die Scharade der Salubri zu durchschauen. Sie räusperte sich kurz ehe sie mit offenen Armen auf ihre Freundin zuging

“Na … seufzen Natürlich ist alles in Ordnung … alles ist wunderbar“

Für jemanden, welcher sich mehrere Jahre lang mit Lügen und Folter auskannte sollte man meinen, dass die Albanierin eine Meisterin in dem Gebiet war … die Wahrheit war eine völlig andere … Amalia war eine miserable Lügnerin, vor allem wenn sie auf frischer Tat ertappt wurde wie jetzt. Unsicher huschte ihr Auge hin und her und wanderte die meiste Zeit auf dem Boden.
"Ich kann deine Angst fühlen Mensch. Sie ist spürbar gegenwärtig. Ich kann mit den Fingern darüberstreichen und ihr krankes Aroma schmecken. Ist dieses Entsetzen Nährboden für Hass, dann lass mich daran laben und dich dabei völlig auslöschen."

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Re: [1007] Zweigesicht und Krallenvogel [Sousanna/Amalia]

Beitrag von Sousanna » Di 17. Apr 2018, 15:10

Amalia mochte ihre Anhängerinnen täuschen können, eine Frau aber, die ihr Leben und ihren Tod hindurch log als gäbe es keinen Morgen, konnte lügen ebenso gut erkennen, wie sie sie spann.
Sie ließ sich in die Arme schließen und drückte ihre Freundin sacht an sich. "Liebes", flüsterte sie und strich zart über den Rücken der Salubri. "Du kannst es mir erzählen. Ich werde verstehen."
Ach! es sey die letzte meiner Thräne,
Die dem lieben Griechenlande rann,
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Re: [1007] Zweigesicht und Krallenvogel [Sousanna/Amalia]

Beitrag von Amalia » Di 17. Apr 2018, 16:00

Endlich. Amalia spürte, wie die Wärme der Ravnos, die Kälte in ihrem Innern, in ihren Geist vertrieb und so klammerte sie sich förmlich an die Freundin, an welcher ihr so viel lag. Minuten verstrichen und als die Zarten Ravnosfinger die Narben, an Amalias Rücken berührten und sacht über sie fuhren, merkte das Reh, wie die Bestie am zittern war. Den Kopf hatte Amalia so gelegt, dass beide Frauen am Hals der jeweils anderen lagen, es war eine Geste, ein Zeichen des Vertrauens. Lange Zeit verstrich, ohne dass Amalia etwas sagte und Sousanna würde hier und da noch ein vereinzeltes Schluchzen hören. Ein weiteres Seufzen verließ die Kainitenkehle ehe Amalia die enge Umarmung löste und in die Augen der Schönen blickte. Ihr Auge war gerötet und blutunterlaufen, scheinbar hatte die Foltermagd mehr als nur ein paar Minuten in ihrer Agonie verbracht und als sie endlich sprach, klang sie immer noch mehr traurig als erstarkt.

“Danke, ich bin dir so dankbar“

Eine erneute Umarmung und ein wiegen in den Armen der Ravnos

“Ich … ich weiß nicht … es ist alles, die Einsamkeit, diese gottverdammten Kopfschmerzen … dieses Dröhnen, das Geflüster … ich halte es nicht mehr aus Sousanna … ich bin fertig. Die Verantwortung … die Unmöglichkeit sie zu besuchen … ich will sie doch nur wieder in meinen Armen halten … doch es gibt keine Hoffnung. Die Einsamkeit …“

Wieder spürte die Harpyie wie einzelne, rote Tropfen an ihrem Hals hinabliefen.
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Re: [1007] Zweigesicht und Krallenvogel [Sousanna/Amalia]

Beitrag von Sousanna » Di 17. Apr 2018, 16:16

Die zarte Schönheit hielt das Zittern. Zwar schien sie so leicht zu zerbrechen, doch sie ertrug das Leid ihrer Freundin. Trug es mit, versuchte ihr durch ihre Anwesenheit zumindest einen Teil der Last abzunehmen.
Sie würde auch erst wieder die Stimme erheben, da ihre Freundin gesprochen hatte. "Seit wann dröhnt es?", fragte sie sacht und würde liebevoll über das dunkle Haar. Die Berührung erinnerte an die einer Mutter, die ihr zu Tode betrübtes Kind trösten wollte.
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Re: [1007] Zweigesicht und Krallenvogel [Sousanna/Amalia]

Beitrag von Amalia » Mi 18. Apr 2018, 12:09

Langsam schwand das Zittern und das Streicheln des Hauptes schien seine Wirkung zu zeigen. Doch Amalia war schwach, kraftlos und so sank die zweigesichtige Schönheit auf das Bett, zog ihre Freundin mit sich, an welche sie sich kuschelte, wie ein Kind an seine Mutter. Scheinbar war Nähe das, was die Bestie momentan am ehesten brauchte.

“Es ist mein ständiger Begleiter … ich habe es seit der Schändung meiner selbst und ich habe es nie verloren. Es war am Anfang noch schwach, doch wurde stärker, je älter ich wurde. Als ich auf Sofia traf schaffte sie es, dass es fast verschwand, dass ich mich frei fühlte … nun sind wir getrennt und ich fühle, dass es wiederkommt, stärker als je zuvor. Am Anfang, in den ersten Jahren die ich hier lebte war es noch ganz normal, doch nun wird es stärker … lauter …“

Amalia schluckte und erneut bildete sich ein blutroter Tropfen am Rande ihres Auges, als langsam die Tür aufging. Dario betrat den Raum und blickte mit sorgenvollen Blick zu Amalia. Sousanna bekam ein Lächeln, was Dankbarkeit zeigte. Der Fette hatte zwei Kelche dabei, beide gefüllt mit dem süßen sanguinen Saft des Lebens und ohne ein Wort zu verlieren stellte er sie auf den kleinen Tisch, welcher neben dem Bett stand. Dann ging er wieder, wollte nicht stören die Zweisamkeit des Schmerzes, die Hoffnung des Trostes.
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Re: [1007] Zweigesicht und Krallenvogel [Sousanna/Amalia]

Beitrag von Sousanna » Mi 18. Apr 2018, 21:50

Die Wanderer mochten großartige Lügner sein, sie waren ebenfalls grandiose Zuhörer. Das bewies die junge Frau in diesen Momenten. Sie unterbrach den Körperkontakt nicht. Ließ sich ziehen und unterstützte zugleich. Sie würde auf sachte, aber bestimmte Art dafür sorgen, dass Amalia sich hinlegte und ihren Kopf auf ihren Schoß bettete.
Weiter strichen die zarten Finger über das dunkle Haar, spendeten dem Leib, der so lange schon so kalt war, vorsichtige Wärme.
Dario würde einen kurzen Blick zugeworfen bekommen, der zwar freundlich war, doch dazu riet, sich aus dieser Angelegenheit herauszuhalten. Dies hier war eine Sache zwischen Frauen.

Erst da die Tür wieder geschlossen war, erhob sich die sanfte Stimme wieder und zärtlich streichelte ihr Daumen dabei über die Wange der Salubri: "Was kann ich tun, um es leiser zu machen? Was tut Sophia?"
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Re: [1007] Zweigesicht und Krallenvogel [Sousanna/Amalia]

Beitrag von Amalia » Do 19. Apr 2018, 00:27

Amalia drehte sich, den Kopf nicht von dem weichen Schoß der Freundin erhebend, blickte sie dieser nun ihn die rehbraunen Augen. Das einstige Blau war gefüllt mit rot und Leid … einstig das zerstörte, das Kalte, das Weiße war frei von jedem Zeichen des Schmerzes … kalt und tot lag es in der Höhle und blickte ausdruckslos nach vorne.

“Ich weiß es nicht Sousanna … sie is … war da … ihre Nähe … sie hörte mir zu … sie munterte mich auf … gab mir Hoffnung.“

Wieder sackten die Äuglein nach unten und füllten sich mit dem roten Saft. Doch dann rührte sich der geschundene Leib, regte sich. Die Bestie war in Bewegung, jedoch dachte sie gar nicht daran sich zu trennen, sanft, zaghaft und zittrig ging der Kopf nach oben und bettete sich auf der Brust der Trösterin, ihr Arm legte sich um die Mitte und so verharrte sie, genoss die Streichelei und die Nähe der Anderen sichtlich und langsam endete auch das Zittern …
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Re: [1007] Zweigesicht und Krallenvogel [Sousanna/Amalia]

Beitrag von Sousanna » Sa 21. Apr 2018, 12:22

Die warme Hand legte sich an die Wange der Bestie. Sacht strich sie weiter über die kalte, marmorne Haut. Streichelte ihr Strähnen aus dem Gesicht und würde weiter im Schweigen verharren.
Ruhig hielten Sousannas Arme das Zittern aus, nahmen den so oft gemarterten Leib an, drückten ihn sacht an den lebensspendenden schönen Körper einer Tänzerin. Sie würde erlauben, dass die blutigen Tränen ihre Brust besudelnden und war einfach da.

Schließlich aber legte sie die Hand an Amalias Haupt und flüsterte: "Sag, wo ist Sophia jetzt?"
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Re: [1007] Zweigesicht und Krallenvogel [Sousanna/Amalia]

Beitrag von Amalia » So 22. Apr 2018, 13:12

Eine einzelne, letzte Träne löste sich von den Wimpern des saphirblauen Auges, tropfte auf die Brust der Trösterin und rann langsam ihren Körper hinab. Die Atmung, welche Amalia die ganze Zeit über beibehielt wurde ruhiger, entspannter und nach ein paar Minuten, welche wirkten als wären es Stunden der Stille, setzte sie komplett aus. Stille. Zaghaft näherten sich die Finger der Bestie denen der Ravnos, sanft wurde ihre Hand umschlossen und langsam strich der Daumen der Salubri über den Handrücken ihrer lieben Freundin. Amalia selbst blickte auf, guckte in das Gesicht der Frau, welche ihr Beistand, welche ihr Trost spendete. Ihre Stimme klang noch ein wenig zittrig und gebrochen, doch je mehr Zeit verging, je mehr sie dort lagen, Arm in Arm, desto kräftiger wurde sie wieder.

“Sophia … wenn ihr nichts passiert ist, wird sie in einem kleinen Dorf im Umland Mailands sein … ich wollte sie besuchen … doch der Krieg … und das Amt … machen es mir unmöglich …“

Wieder sank der Kopf auf die haltende Brust, wieder schlossen sich die Augen und wieder herrschte Stille, welche jedoch bald wieder von der geknickten Albanierin gebrochen wurde. Sanft erhob sich das geteilte Gesicht und hauchte der Freundin einen Kuss auf die Wange.

“Danke …“
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