Vom Leiden der Gerechten [Acacia]

[November 16]

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Sousanna
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Vom Leiden der Gerechten [Acacia]

Beitrag von Sousanna » Sa 26. Nov 2016, 23:00

Schon der Anblick der Kirche ließ Sousanna ein Gefühl des Unbehagens verspüren. Sie wusste nicht, woran es lang. Vielleicht war es das seltsame Gefühl, dass sie schon immer kurz vor dem Eintritt in diese heiligen Stätten empfunden hatte und das seit ihrem Tod nur noch stärker geworden war. Diese Stimme, die ihr stets zu flüstern schien "Du gehörst hier nicht her". Vielleicht war es aber auch die Gewissheit darauf, dass sie sich nun zu offenbaren hatte. Dass sie jetzt ganz offiziell einer neuen Domäne vorstellen musste... Auch bei dem Gedanken daran schien die Stimme lauter zu werden. Doch nachdem sie Gaius schon getroffen und sich ihm offenbart hatte, musste sie das hier wohl oder übel tun. Es war nichts dabei, versuchte sie sich selbst immer wieder einzureden, während die Ravnos langsam und unsicher auf das Portal zuging.

Niemand würde sie hier fressen. Sie hatte sich in der kainitschen Gesellschaft nichts zu Schulden kommen lassen - schon gar nichts, was sich hier nachvollziehen lassen würde. Mit leicht zitternden Fingern legte sie eine Hand an die Türen und schob sie so langsam und vorsichtig auf als würde auch nur die kleinste Unachtsamkeit sie noch einmal töten können. Sehr zögerlich schob sie sich durch den kleinen Spalt herein, den sie erzeugt hatte. Dann sah sie sich voller Unsicherheit um. Reichtum oder Schönheit zog sie sonst eher an, doch hier ließ es sie noch scheuer werden.

So stand sie nun da, die Schultern zusammen gesunken. Unsicher wohin sie den Blick der großen, dunklen Augen wenden konnte. Die schlanken Finger waren wieder in den Stoff ihres Kleides gekrallt. Alles an ihr war unsicher, schüchtern. Sousanna hätte genauso gut einfach nur eine Besucherin sein können, die sich verlaufen hatte und von einigen Erlebnissen in Broglio und Ravecca verunsichert geworden war. Ein unbedarftes Mädchen aus gutem Hause, dass die Welt hatte erkunden wollen, und von dem, was sie auf einem ihrer ersten Erkundungsreisen gesehen hatte, verwirrt war und nun in den ruhigen Schutz einer Kirche gekommen war...
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Re: Vom Leiden der Gerechten [Acacia]

Beitrag von Acacia » So 27. Nov 2016, 10:11

Die Kirche wurde wie jede Nacht nur von dem zarten Schein der Kerzen in den hohen Fenstern erleuchtet. Ein weiches Licht, das kaum eine Chance gegen die düsteren Schatten hatten, die sich zwischen den Inseln aus Licht bildeten. Dennoch war die Gestalt, die am Altar stand gut zu sehen und zog sofort den Blick auf sich – auch wenn man nur ihren Rücken sah. Auf die Entfernung wirkte das Kleid, welches die Frau trug, schwarz und schien beinah aus den tiefsten Schatten gewebt worden zu sein. Ein zarter Schleier von ebenso dunkler Farbe bedeckte ihr Haupt und ihre Schultern und doch konnte man die milchweiße Haut unter dem zarten Gespinst erahnen.

Bevor Sousanna jedoch noch mehr Gelegenheit bekam die Fremde zu betrachten oder gar tiefer in die Kirche vorzudringen, erklang das Geräusch von Metall, welches auf Leder schabte neben ihr und ein großer, breitschultriger Mann löste sich aus den Schatten. Das Haar war so kurz geschoren, dass man seine Farbe nicht bestimmen konnte und eine feine Narbe zierte sein Gesicht. Unter dem Umhang aus schwerer, teurer Wolle war das Schimmern einer Rüstung zu erkennen und ein Schwert in einer täuschend schlichten Scheide zierte seine Hüfte. Viel interessanter war aber wohlmöglich der Pflock aus dunklem Holz, den er direkt daneben in einer passenden Schlaufe trug. Die hellen Augen blickten sie ernst, aber nicht unfreundlich an. „Guten Abend, Signorina.“ Eine gewisse Aufforderung lag in seinen Zügen, so als würde er etwas von ihr erwarten, während er sich so stellte, dass sie keinen Schritt tiefer in die Kirche treten konnte ohne ihn anzurempeln.
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Re: Vom Leiden der Gerechten [Acacia]

Beitrag von Sousanna » So 27. Nov 2016, 12:53

Hätte ihr Herz noch schlagen können, es wäre gerast, als sie zu dem Wächter aufblickte. Jetzt war es ernst. Jetzt würde sie keine Chance mehr haben, hier wegzukommen oder ihr wahres Wesen zu verschleiern. Doch so war es nun mal. Nun hatte sie sich der Gefahr ausgeliefert, also würde sie sie nun so gut es ging überstehen. Ein klein wenig zitternd, verbeugte sie sich vor dem Wächter und erklärte zunächst mit noch sehr unsicherer, dann aber wieder mit normalerer Stimme: "Guten Abend, Herr. Mein Name ist Sousanna. Ich stamme ab, vom Blute Caspars, des großen Fürsten von Thrakien, und ich bin hier um um eine Audienz bei der Herrin Acacia della Velanera zu erbitten, Neugeborene vom Clan Lasombra, Erste ihres Blutes zu Genua, Hüterin des Elysiums San Donato, Kind Alexanders, Ahn der Schatten zu Pisa. Es wäre mir eine Ehre, mich ihr in Person vorstellen zu dürfen - und vielleicht gar ihre Erlaubnis zu bekommen, mich länger hier in Genau aufzuhalten."

Es waren ungewohnte Worte, ungewöhnliche Förmlichkeiten, doch selbst Sousanna, die sie so etwas in ihrem normalen Unleben für absolut unnötig hielt, spürte die Ehrwürdigkeit dieses Raumes und war sehr daran interessiert, seinen Glanz und die Erhabenheit nicht zu besudeln. So erhob sie den Blick nicht, sondern hielt ihn in sturer Sittsamkeit auf den Boden geheftet, als wäre selbst der Anblick dieses Wächters zu viel für sie. Ihre Wangen waren leicht gerötet. Die Ungewohntheit der Situation und die Nervosität sorgten für diese sehr menschliche Erscheinung.
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Re: Vom Leiden der Gerechten [Acacia]

Beitrag von Acacia » So 27. Nov 2016, 17:26

Alberico beobachtete die junge Frau, die schon beinah wie Espenlaub zitterte, mit stoischer Ruhe. Die vielen Jahrzehnte, ja Jahrhunderte an der Seite seiner Herrin hatten ihn Gefühllosigkeit gelehrt. Sagte man nicht allgemein, dass Blutsdiener nach und nach immer mehr wie ihre Herren wurden? Zumindest besaß der alte Kämpfer noch etwas mehr Farbe als die blasse Schönheit, der er sein unnatürlich langes Leben verdankte.
Für einen langen Moment schwieg der große Ghul und ließ die fremde Kainitin in ihrer Nervosität kochen, ehe er nickte. „Folgt mir.“, forderte er sie einsilbig auf und führte sie durch den Mittelgang der kleinen Kirche in Richtung des schlichten Altars, der aus einem reinweißen Marmorblock bestand. In respektvollen Abstand zu der schlanken Frau, die sich immer noch nicht gerührt hatte, blieb er stehen und neigte ehrerbietig den Kopf. „Signora, Signorina Sousanna ist gekommen um dich zu sprechen.“ In der tiefen Stimme des Ghuls war tiefer Respekt und noch größere Liebe zu hören, als er seine Herrin ansprach.

Acacia indes drehte sich auf die Worte hin um und der schwere Stoff flüsterte leise über den glatten Stein des Bodens. Nicht Sterbliches war an ihr zu erblicken. Wo Sousannes Haut zart und rosig wirkte, war die Acacias von einem so reinen weiß, dass es beinah schmerzte. Doch war es gerade diese perfekte Helligkeit, die den fein gemeißelten Zügen ihre ausdrucksstarke Schönheit verlieh. Die mitternachtsschwarzen Augen schienen unendlich tief, als würde dahinter etwas Größeres, Älteres lauern. Kein Lächeln zierte die blassen Lippen und auch wenn sie erhaben und unberührbar wirkte, so war doch auch eine gewisse Güte spürbar. Eine Güte, wie vielleicht ein Engel des Todes sie gegenüber den Sterblichen empfand.

Musternd glitt ihr Blick für einen Moment über die Züge der Ravnos, als wolle sie sich einprägen und als würde sie diese bereits jetzt bewerten. „Guten Abend“, erhob sie ihre dunkle Stimme, die wie das Rauschen dunkler Flügel klang. „Ich bin Acacia della Velanera, Hüterin der Elysien, Mondsenatorin von Plateolonga, Ädil ihrer höchst verehrten Prinzessin Aurore, Erste der Lasombra von Genua und Älteste der Neugeborenen, Kind von Alexander, Ahn vom Blute Lasombras, Kind der Marcellina, Ahnin vom Blute Lasombras, Kind des Eli, Ahn vom Blute Lasombras, Kind des Saadi, Ahnherr der Schatten, Kind des Tubalcain, Ahnherr der Schatten, Kind Lasombras, erster seines Blutes.“ Ihre Stimme wand sich um die vielen Titel, strich sacht über die komplizierten Namen und schien doch eine Geschichte zu jedem dieser zu kennen. Es war keine einfache Aufzählung, sondern eine Beschreibung ihrer Person, eine Idee wer diese dunkle und gleichzeitig so blasse Schönheit war und was sie ausmachte. Ihre Stimme verklang und mit ihr legte sich eine schwere Stille über die Kirche, während sie Sousanna aufmerksam, ja abwartend anblickte.
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Re: Vom Leiden der Gerechten [Acacia]

Beitrag von Sousanna » So 27. Nov 2016, 17:53

Alles an dieser Gestalt war einschüchternd und ehrerbietend. Vor allem, die Tatsache, dass sie keinen respektheischenden Eindruck machte. Vor dieser ... Frau, war nicht der richtige Ausdruck, klang es doch so profan ... vor dieser hohen Dame hatte man einfach Respekt. Es war diese natürliche Ausstrahlung, die Sousanna auf die Knie sinken und mit gesenktem Kopf andächtig lauschen ließ, während diese so unmenschlich schöne Stimme erklang. Sie, die sie eine außergewöhnliche Schönheit die ihre nennen durfte, fühlte sich neben diesem Wesen schmutzig und erbärmlich. Und dennoch war da diese milde Güte. Die Güte, dass sie Sousanna, einer schlichten Ravnos ihr Ohr schenken würde, ließ sie schwer schlucken. Für gewöhnlich war sie nicht auf den Mund gefallen, ja schien sonst nie um ein Wort verlegen, doch in dieser schweren Stille schien es fast unmöglich ihre Stimme zu erheben.

"Es ist mir eine größere Ehre als ich es je in Worten ausdrücken könnte", hauchte sie, während ihre Wangen noch röter wurden. Wie erwartet klang ihre Stimme jämmerlich, kaum mehr als ein krächzendes Flüstern. Immer noch klebte ihr Blick auf dem Boden, kurz vor den Füßen der Dame. "Mein Name ist Sousanna und ich gehöre zum ewig wandernden Clan der Ravnos. Meine gesamte Existenz war mir Byzanz eine Heimat, doch durch meine Dummheit musste ich diese Heimat verlassen. Ich bin hierher gekommen, um darum zu bitten, eine Weile hier bleiben zu dürfen, doch nun, da ich Euch erblicken durfte, scheint es mir wie Hohn solch nichtige Anliegen vor Euch zu bringen. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir die Dreistigkeit einfach so hierher gekommen zu sein..." Sie verstummte. Es war ihr so ungewohnt vor derart beeindruckenden Persönlichkeiten zusprechen, dass sie tatsächlich nicht mehr weiter wusste.
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Re: Vom Leiden der Gerechten [Acacia]

Beitrag von Acacia » So 27. Nov 2016, 19:03

Überraschung zeigte sich auf den blassen Zügen, als die fremde Ravnos vor ihr auf die Knie sank und den Blick zu Boden senkte. Sousannas Stimme klang so verängstigt wie ein kleines Häschen und für einen Moment zeigte sich Verwunderung in den nachtschwarzen Augen. Als die leisen Worte der Ravnos verklangen, konnte sie den schwarzen, teuren Stoff des mitternachtfarbenen Kleides rascheln hören und gleich darauf tauchte eine blasse, perfekte geformte Hand vor ihren Augen auf, die sich ihr hinstreckte um ihr aufzuhelfen.

„Du musst nicht vor mir knien, Sousanna.“, die dunkle Stimme war sanft und nun klang auch Güte in ihr mit, während sie die andere Frau auf die Füße zog. Die blasse Haut der Lasombra war ebenso kalt, wie die einer Leiche, fühlte sich aber herrlich weich und zart an. „Du kniest auch hier nur vor Ahnen und vor unserer höchst verehrten Prinzessin.“, sprach sie freundlich, wenn auch mit einem sanften Tadel in der Stimme weiter. Sie wartete einen Moment ab ob sie ein Zeichen des Verstehens oder der Zustimmung bei der Ravnos sah, ehe sie weitersprach. „Es war richtig von dir zu mir zu kommen und diese Hallen stehen einem jeden Kainiten zu jeder Stunde offen. Du hast jedes Recht hier zu sein.“ Ein Lächeln erhellte ihre Züge und verwandelte die Strenge in sanfte Milde, wobei Verständnis in den unendlich tiefen Augen stand. „Erzähl mir von dem Fehler, der dich hierher geführt hat.“, forderte sie sie freundlich auf und es wirkte nicht so, als würde die Hüterin Sousanna dafür verurteilen wollen.
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Re: Vom Leiden der Gerechten [Acacia]

Beitrag von Sousanna » So 27. Nov 2016, 19:37

Bei der ersten Berührung war Sousanna zusammengezuckt. Ob vor Angst, dass sie diese Schönheit entweihen konnte, oder aber vor Angst, um sich selbst, war schlecht zu erkennen. Doch als bei dem Kontakt mit Acacia nichts Schreckliches geschehen war, lächelte sie scheu und erhob sich rasch, um ihrer Helferin nicht zu sehr Last zu sein. Auf ihrer Haut fühlte sich die Kühle intensiver an, doch in ihrer Aufregung erschien es ihr wie eine Linderung vor dem unangenehmen Brennen in ihrem Inneren. Auf den leichten Tadel hin lächelte sie scheu und nickte leicht. Sie war es so wenig gewohnt, sich höheren Kainten vorzustellen, dass sie in ihrer Nervosität lieber übertrieben hatte. Dazu war diese Dame schlicht und ergreifend unglaublich.

Auf den sanften Befehl hin, senkte sie wieder leicht den Blick. "Schon vor meinem Tod war ich mit der Kunst des Handels betraut. Das Tauschen hat mich in seinen Bann geschlagen - und man sagte mir, dass ich darin nicht ganz unbegabt war. Auch ließ mich mein Vater im Blute, Caspar, deswegen auferstehen, weil er meinen Talenten ein wenig mehr Ewigkeit verleihen wollte - und so habe ich gehandelt." Entschuldigend sah sie die Herrin vor ihr an, als fürchtete sie, sie mit ihrer Geschichte zu langweilen. "Aber mir stiegen meine anfänglichen Erfolge zu Kopf und ich versuchte gewissen ... sehr viel mächtigeren Konkurrenten einige Kunden abzuwerben. - Und das führte diese dazu, mir sehr viel Schlechtes zu wünschen. Und aus Wünschen wurden Taten. Schließlich musste ich meine Heimat verlassen." Mit dem letzten Satz trat wieder die Scham in ihren Blick. Die Geschehnisse an diesem Ort wiedergeben zu müssen, machte ihren Fehler noch schmerzhafter, ließ sie sich noch jämmerlicher fühlen. - Fast fühlte sie sich, wie in dem Moment als sie Caspar ihre Fehltritte hatte eingestehen müssen.
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Re: Vom Leiden der Gerechten [Acacia]

Beitrag von Acacia » So 27. Nov 2016, 20:58

Die andere Kainitin schien die unbegründete Angst vor ihr langsam aber sicher abzulegen und so beschloss die alte Neugeborene ihren sanften Ton beizubehalten. Sie strahlte kühle Gelassenheit aus, als könne keins von Sousannes Worten so schrecklich sein, dass daraus ein nicht lösbares Problem entstehen würde. Aufmerksam lauschte sie der Schilderung und nickte danach ein wenig nachdenklich. „Der Handel in dieser Stadt steht zum großen Teil unter der Kontrolle der Könige, aber vielleicht habe ich eine Aufgabe für dich, mit der du dein Recht hier zu leben erkaufen kannst.“, erwiderte sie nicht weniger freundlich als vor der schmachvollen Geschichte.

„Auch in dieser Stadt gibt es mächtige Kainiten, deren Augenmerk du nicht auf dich lenken solltest, doch diese Domäne ist jung und sie verzeiht vieles. Der Seneschall verzeiht jedoch wenig, schon gar keinen Bruch der Etikette und auch Godeoc von den Nosferatu ist mit Vorsicht zu genießen. Solltest du jemals Fragen zu einem der Kainiten dieser Domäne haben, kannst du dich an mich wenden. Das ist meine Aufgabe.“ Wieder schimmerte das sanfte Lächeln auf ihren Zügen auf, während sie sprach. „Gibt es einen Grund, warum du Genua erkoren hast um hier eine Weile zu leben?“, erkundigte sie sich interessiert, während sie ihre Hände vor dem Schoß faltete, so dass sie sich hell von dem darunter liegenden, dunklen Stoff abhoben.
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Re: Vom Leiden der Gerechten [Acacia]

Beitrag von Sousanna » Mo 28. Nov 2016, 19:26

Aufmerksam hatte Sousanna gelauscht. Auf ihre Geschichte hin, hatte sie die Ältere erleichtert angelächelt, fast so als wäre ihr durch das offensichtliche Verzeihen ihres Fehltritts eine große Last von den schmalen Schultern gefallen. Zum ersten Mal an diesem Ort konnte man erahnen, dass sie für gewöhnlich weder ängstlich noch von Scham getrieben war, wie es in der Nähe der anderen, so viel höhergestellten Kainitin der Fall war. - Nicht um zu heucheln, sondern tatsächlich, da sie so wenig Erfahrung im Umgang mit derartigen Mächten und vermutlich einen Grund für ihre Furcht hatte.

Bei Acacias Ausführungen hatte sie sie ernst und mit klar gefasstem Blick angesehen. Sie würde kein Wort, dass man ihr als Rat mitgab vergessen. Nach jenem Namen schien es, als würde sie sich eine innere Notiz machen - hätte sie gut genug schreiben können, um sich diesen Nosferatu aufzuschreiben, hätte sie es vermutlich getan. So blieb ihr nur ihr wacher Geist und die einprägsame Art der Elysiumsherrin, um sich zu erinnern. Es blieb nur zu hoffen, dass sie die beiden Ratschläge auch beachten würde, wenn sie die Lust am Handel wieder packen sollte.

"Ich werde mich bemühen, nicht ins Augenmerk dieser Kainiten zu treten, von denen ihr sprecht.", versprach sie allerdings sehr ehrlich. Sie wollte keinen Ärger mit einem Vampir und darum würde den Kontakt tatsächlich tunlichst vermeiden "Aber ich wäre mehr als dankbar, wenn ich mir mein Bleiberecht in irgendeiner Art und Weise verdienen könnte - egal was ihr von mir fordert, ich werde alles daransetzen, euren Wünschen gerecht zu werden." War zuvor Scheuheit ihre herausragende Eigenschaft gewesen, schien sie nun von einer ungewöhnlichen Entschlossenheit erfüllt. Der Handel lag dieser Ravnos im Blut und die Idee, sich ein Recht über Gefallen oder Aufgaben zu ertauschen, ließ sie mit einem eifrigen Glühen erstrahlen.

Dann senkte sie mit einem verlegenen Lächeln den Kopf. Es war offensichtlich ebenfalls kein Umstand, den sie gerne offenlegte. "Aber ich denke, dass ich zunächst auf eure Frage antworten sollte - vielleicht gehört sie ja auf eine Art und Weise zu der Aufgabe und ist wichtig. - Auch, wenn der Grund euch sehr trivial erscheinen muss und ich mich fast schon schäme, ihn euch anzutragen: Mein Vater im Blute gab mir den Rat, dass ich hier möglicherweise gute Chancen hätte, Ruhe zu finden und noch mehr ... Selbstbeherrschung zu lernen." Wieder röteten sich ihre Wangen. Zu gerne hätte sie diesen Rat verschwiegen, doch die Dame vor ihr belog man nicht. Sie war zu gütig und zu milde, als dass man ihr erhabenes Wesen mit Lügen besudeln sollte.
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Re: Vom Leiden der Gerechten [Acacia]

Beitrag von Acacia » Fr 2. Dez 2016, 12:45

Sie schmunzelte leicht bei den Worten Sousannas, die deren Neugier nur unschwer verbargen. „Ihre Majestät Hat mich zu einem ihrer Ädile ernannt und so liegt es in meiner Hand zu entscheiden wer das Gastrecht erhält und wer nicht.“, klärte sie die junge, scheue Kainitin auf, die jedoch erstaunlich viel Entschlossenheit zu besitzen schien. „Ich bin also aus berufenen Gründen neugierig und versuche ein wenig mehr über dich und deine Motive herauszufinden, so dass ich die Verantwortung auf mich nehmen kann, dich hierbleiben zu lassen.“ Das Lächeln der bildschönen Lasombra, welches bei diesen Worten auf ihren blassen Lippen ruhte, sprach jedoch dafür, dass die Ravnos bisher einen guten Eindruck gemacht hatte. Gerade wenn man ihr Gebaren gegenüber anderen Kainiten kannte, die ihren mehr als hoch gesetzten Maßstäben nicht genügten.

„Bezüglich deiner Aufgabe: Genua hat, wie jede andere Stadt auch, einen Schwarzmarkt. Dieser konnte in den vergangenen Jahren wachsen und wuchern und wird langsam aber sicher zu einem Problem in dieser Stadt, wie Unkraut, das droht das Getreide zu verschlingen. Die Prinzessin legt sehr viel Wert auf ihre Herde und es ist die Aufgabe von uns allen diese mit all unseren Mitteln zu beschützen, sie zu hegen und zu pflegen. Deine Aufgabe wird sein den Schwarzmarkt unter deine Kontrolle zu bringen und ihn so zurecht zu stutzen, dass er der Stadt zugutekommt. Berichte mir in regelmäßigen Abständen über deine Erfolge und solltest du Probleme haben, kann ich dir helfen.“ Sie blickte Sousanna aufmerksam an und gab der anderen die Chance Nachfragen zu stellen, ehe sie sich dem nächsten Thema zuwenden würde.
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