Tavernengeschichten [Fluff, Alain]

Fluff und Briefe

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Alain le Beau
Tzimisce
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Tavernengeschichten [Fluff, Alain]

Beitrag von Alain le Beau » Fr 9. Mär 2018, 20:02

Wie tot liegt die Stadt in dieser Winternacht da, erkaltet und still. Nur aus den Fenstern des Wirtshauses dringt noch Licht, verspricht Wärme, verspricht Leben. Ein Blick hinein enthüllt einen gemütlichen Schankraum, in dem sich die Patrone zu mehr oder weniger großen Gruppen zusammengefunden haben, so als wollten sie durch ihre Gemeinschaft die eisige Welt da draußen für immer fernhalten. In einem der größeren Kreise sitzt Alain und hebt sein Weinglas. "Und dann?" fragt sein Nachbar, ein stattlicher Zecher mit einer dicken, roten Nase und mehr Haaren am Kinn als auf dem Kopf. Alain nimmt einen Schluck. Schließt die Augen und lässt ihn im Munde herumkreisen. Gespannt richten sich alle Augen auf ihn.

"Und dann..." sagt er leise und beginnt zu grinsen "...ging das Scheunentor auf und wir fanden den Pfaffen hinter dem Esel, mit hochgezogener Kutte. Und offenbar im siebten Himmel." Seine Stimme ist lauter geworden, um das ausbrechende Gelächter zu übertönen. "Was man von dem armen Tier kaum behaupten kann. Ich hätte nicht gedacht, dass Esel so leiderfüllt dreinschauen können." Er stimmt in das Gelächter ein und will einen Schluck trinken, was aber misslingt, weil ihm eine Hand auf den Rücken klopft und er das halbe Getränk verschüttet. Das sorgt erneut für Erheiterung. Das fröhliche Lachen hallt auf die Straßen Genuas hinaus.

In diesem Moment steht ein knapp zwei Meter großer Geselle vom Nachbartisch auf und schlurft heran. Erst beachtet ihn die lustige Runde gar nicht. Aber dann beugt er sich zu Alain vor und haucht ihm seinen nach Zwiebeln stinkenden Atem ins Gesicht. "Sach ma... Bis du nich René?" Alain runzelt die Stirn, irritiert ob dieser unangenehmen Erfahrung. "Du siehs aus wie der. Du sprichs wie der. Und wenn du der bis... dann schuldeste mir noch dreißig Schinkel." Er schwankt einen Schritt zurück und macht ein bedrohliches Gesicht, wobei ihm Sabber aus dem Mundwinkel läuft. Es untergräbt die Geste ein wenig.

Alain erhebt sich mit der feurigen Entrüstung des Sünders, der einmal in seinem Leben falsch beschuldigt wird. "Bei Gott", ruft er. "Sankt Martin mein Zeuge! Ich bin NICHT dieser Rene!" Er steigt auf den Tisch. "Schau mich an, du betrunkener Lump! Schau genau hin. Seh ich wirklich so aus?" Die Augen des Großen weiten sich und er glotzt. "Also, René is doch hässlicher..." "Aha!" "...hat so ne Warze auf der Backe..." "Keine Warze, guck!" "...und stinkt auch mehr wie du..." "Kein Zweifel!" "...und außerdem isser fetter." Alain springt vom Tisch und stößt mit der Fingerspitze auf die Brust des Großen.

"Ich bin Alain!" ruft er aus "Und weder René, noch Theodoric, noch Karlmann, oder sonst irgendwer. Alain. Und wer was anderes behauptet ist ein gottverdammter Lügner! Hast - du - verstanden?" Jedes der drei Worte ein Tippen mit dem Zeigefinger.

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Kurz darauf liegt Alain im Dreck vor der Taverne. Offenbar mochte der Kerl keine Zeigefinger. Aber immerhin wollte niemand mehr Geld von ihm. Und er hat die Zeche für den Wein gespart. Der Bretone richtet sich auf, wischt sich den Schlamm von der Schulter und rümpft die Nase. "René... also wirklich..."
Love the Sinner. Love the Sin.