Der Ritt auf dem einbeinigen Ross [Fluff, Angelique]

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Angelique
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Der Ritt auf dem einbeinigen Ross [Fluff, Angelique]

Beitrag von Angelique » Sa 20. Jan 2018, 16:54

Didaco wurde wach durch ein sehr liebliches, leises Singen. Wo war er? Er war völlig orientierungslos. Vergeblich versuchte er sich zu erheben. Stricke banden ihn fest und er befand sich in unbequemer, kniender Position.
Er war nackt und ihm war kalt. Ein eisiger Wind pfiff durch das Gras, in welchem er hockte.
Didaco versuchte sich umzublicken, sah aber nur den Anger nahe der Stadtmauer. Offenbar war er gerade außerhalb seines finsteren Verbrecherviertels.

Wer konnte das sein, der ihn gefangen genommen hatte? Eine gegenerische Bande? Keiner würde so dumm sein! Er gehörte zum Katzenherrn! Jeder wusste das!
"Ey, was wollt ihr Pisser? Wisst ihr nicht, wer ich bin, wem sein Mann ich bin? Ihr seid tot, hört ihr! Tot!"
Er ließ seinen Zorn seine Angst übertönen. Schaute sich hektisch um, sah aber niemanden.
Schließlich kam er auf die Idee, kopfüber zwischen seinen Beinen hindurch nach hinten zu schauen.
Und tatsächlich! jetzt sah er dünne Kinderbeine.
Das Singen hörte auf und eine helle Stimme antwortete ihm tatsächlich. Er hatte diese Stimme schon einmal vernommen!
Richtig! Jetzt erinnerte Didaco sich wieder. Die Stimme war die einer kleinen Dirne am Abend, die ihn angesprochen hatte! Genau sein Beuteschema, zu perfekt, zu willig. Sie musste ihn verhext oder vergiftet haben. Ein scharfer Schmerz und dann ein unglaubliches Gefühl der Euphorie. Danach nichts mehr.

Und jetzt war er hier, gefesselt und hilflos in demütigender Pose. "Mach mich los, du kleine, versiffte Metze! Bist du narrisch? Weisst du nicht, wer ich bin?"

Die helle Stimme lachte. "Sicher weiß ich das", meinte eine Kinderstimme fröhlich. Normalerweise würde Didaco so ein Stimmchen ausgesprochen anziehend finden. Doch nicht heute nacht. Die Angst kehrte wieder.
Ein Gesicht, fröhlich lächelnd tauchte in seinem eingeschränktem Blickfeld auf. So schön mit den Löckchen um das herzförmige Anlitz! Aber ihm gefror das Blut in den Adern, als er das Glimmen der Augen sah.
"Oh, Gott", hauchte er.

Stolz grinste das Kind noch breiter. "Richtig, für IHn und SEine Gerechtigkeit mache ich das hier, Zwei-Messer-Didaco."

Sie drohte mit dem Fingerchen, von dem, so stellte der hartgesottene Verbrecher irritert fest, flüssiges Fett tropfte. "Du warst ein böser Mann", warf das Kind neckisch vor. "Seeehr böse!"
Summend machte es etwas außerhalb seines Sichtfeldes.

Die Furcht wurde zu Panik. "W... was willst du von mir? Geht es um Silber? Ich hab´ viel und kann mehr besorgen. Ich kenne einflußreiche Leute!"
"Ich weiß", sagte das Kind, "Sklavenhändler. Unschuldige Knaben sind gestorben, weil ihre Wunden sich entzündeten, als du sie kastriert hast."
Sein Magen krampfte sich vor Angst zusammen. "Du... du willst doch nicht...", begann er.

Das Mädchen lachte fröhlicher. "Dummerchen! Natürlich nicht!"
Etwas entspannte sich Dedico. "Was willste dann?"

"Erinnerst du dich an Kreuzdorf? War ein tolles Fest für dich, was? Ich erfuhr leider zu spät von dir und was du alles getan hattest. Da war das eine Mädchen, weisst du noch? Sieben Winter oder so. Es war zu schwer verletzt, um es noch zu verkaufen,... als du mit ihm fertig warst."
Jede Spur von Fröhlichkeit verschwand aus der Kinderstimme. Stattdessen kroch eine gnadenlose zornige Kälte in sie.
"Drei Tage", fuhr die eisige Stimme fort, "drei endlose Tage voller Schmerz dauerte es, bis der HErr in SEiner Güte das Kindchen von seinen inneren Verletzungen erlöste."

Dann war die Fröhlichkeit wieder da, während die Panik die Kehle von Dedico zuschnürte. "Ich überlegte lange, wie die gerechte Strafe dafür aussehen würde. Aber glücklicherweise hat mir der Heide Herodot eine Geschichte überliefert.
Es war einmal ein König der Sarazenen, der Xerxes hieß, weisst du? Dessen Schwager schändete ein Jungfrau. Die Strafe dafür sah so aus."

Das unheimliche Kind hielt einen langen Holzpfahl vor das Gesicht des Gefesselten. Die stumpfe Spitze war frisch eingefettet.
"Häufig machen Henker den Fehler, den Pfahl zu spitz zu schnitzen und man stirbt zu schnell", erklärte das Mädchen dem vor Terror aufkeuchenden Mann mit freundlicher Stimme. "So aber werden alle wichtigen Innereien zur Seite gedrückt, wenn er sich den Weg durch den Körper bahnt. Ich muß ihn nur ein Stück in dich hineinschieben und dann den Pfahl aufstellen. Den Rest machst du dann selber. Ich hoffe, die hälst mindestens drei Tage durch, aber ich bin zuversichtlich, dass keiner deiner Freunde dich vorher erlösen wird. Denn sie sind wie du."

Als er seine Stimme wiederfand, um zu flehen und um Hilfe zu schreien, hatte sich eine unnatürliche Stille über die entsetzliche Szenerie gelegt. Niemand hörte Dedicos Rufe, als der Racheengel sein finsteres Werk begann.

Erst gegen Morgen hörte man sein heiseres Kreischen. Und Neugierige, die ihm folgten, sahen, wie der Todgeweihte mit hilflos schlagenden Gliedern das "einbeinige Ross ritt", wie man im Volksmund diese zu den entsetzlichsten Martern gehörende Todestrafe nannte.

Wie die kleine Nemesis vorhergesagt hatte, half niemand der Schurken des Viertels ihm oder erlöste ihn auch nur.
Am Ende verstand Dedico, was drei Tage voller endlosem Schmerz bedeuteten und er bereute zutiefst.
Als der Racheengel in der dritten Nacht zurückkehrte, lächelte das dämonische Kind sanft den irre lachenden und endlich verstehenden Mann an.

Ein Mund mit blitzenden Fängen gab zur Belohnung einen sanften Kuß und einen schönen Tod.
Und als sie Zwei-Messer-Dedico fanden und mit dem Pfahl zusammen verscharrten, war der größte Horror für die Leute das glückliche Lächeln auf seinen blutleeren Lippen.
"I'm a mighty thesaurus! Rawr!"