Die Helden des Kastells [Kriegsfluff]

Fluff und Briefe

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Fabrizio
Lasombra
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Die Helden des Kastells [Kriegsfluff]

Beitrag von Fabrizio » Do 14. Dez 2017, 00:21

Der flinke Pietro hatte ein Sarazenisches Messer in den rechten Oberschenkel bekommen. Zum Glück war er nicht verblutet, doch später hatte die Wunde sich entzündet. Das Bein musste ab. Auch das hatte er überlebt.
Jetzt war Pietro weniger flink. Die Wache brauchte ihn nicht mehr, hat ihn mit einer mickrigen Abfindung nach Hause geschickt.

Zu schwach zum Arbeiten, zu stolz zum Betteln und für die anklagenden Blicke seiner Familie, verbrachte Pietro fortan seine Tage und Nächte in der Taverne. Die "Chiglia Nera", ein aufbrausender schwarzer Keiler war ihr Holzwappen, war im Gegensatz zu dem was ihr Aushängeschild vermuten ließ, eine der friedlicheren Tavernen Platealongas.
Die Wirtin stellte ihm manchesmal wortlos einen gepanschten Wein hin, wenn er nichts mehr hatte, dafür half er beim Wischen, immerhin war er eh immer hier...

Aber heute war alles anders. Pietro zitterte und es bildete sich kalter Schweiß auf seiner Stirn. Plötzlich sprang er auf, so flink wie niemand es ihm zugetraut hätte und brüllte die beiden völlig überraschten Männer an:

"Das ist eine Lüge! Eine verdammte Lüge! - Niemals haben wir uns ergeben! niemals hätten wir uns je ergeben..." seine Augen waren glasig und blickten unstet hin und her

Alle Gespräche verstummten und alle Anwesenden richteten ihre Aufmerksamkeit auf Hinke'Pietro und die beiden Männer die ihn scheinbar so aufgebracht hatten.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit, offensichtlich etwas peinlich berührt, redete der eine sich rechtfertigend auf Pietro ein.
"Aber das ist doch allgemein bekannt. Den Rammbock hat man doch in der ganzen Stadt gehört! Sogar den Kampflärm in den Tälern soll der übertönt haben und so die Truppen zurückgerufen haben..."

Pietro unterbrach ihn mit seltsam fester Stimme:

"Ich war dabei... ich war verdammt noch mal dabei! Ich habe das Biest von einer Ramme mit eigenen Augen gesehen, was die Sarazenen den ganzen Tag gegens Tor geschlagen haben. In unserm Kopf war nur noch unser eigener Herzschlag lauter, vor Angst was die mit uns anstellen würden wenn das letzte Holz bricht."

Der Angesprochene blickte skeptisch in die Gesichter der Zuschauer, als wolle er sagen: So einer will dabei gewesen sein?
Die Wirtin lenkte mit ungewöhlich beruhigender Stimme ein: "Er war bei der Wache, bei denen die gekämpft haben." dann wandte sie sich direkt zu Pietro
"Du hast nie erzählt was passiert ist... was ist denn wirklich geschehen als ihr da oben wart?"

Pietro wankte nicht mehr, sondern starrte glasig ins Leere. Er war wieder dort...

"Beim Rammbock waren mehr als hundert Sarazenen, wir haben sie gezählt. Von den anderen Seiten waren wir auch eingeschlossen, den ganzen Tag über hatten sie immer wieder Vorstöße auch gegen die kleinen Tore geführt. Vom Stadttor und den Mauern hielten sie uns ständig unter Beschuß. Die hatten sie noch in der Nacht im Handstreich genommen, wie die ganze Stadt. Wir waren am Tag nach dem Angriff die letzten, die noch Widerstand geleistet haben. Ein versprengter zusammengewürfelter Haufen aus Bischofsgarde, Stadtwache, Miliz und Freiwilligen, eingeschlossen im Kastell. Um uns herum haufenweise Verletzte und Flüchtlinge die es geradeso geschafft hatten. Gab einige harte Kämpfe den Tag über, haben versucht zu stürmen bevor sie den Rammbock ranngeschafft hatten. Am Abend waren wir vielleicht noch siebzig Bewaffnete, gegen die hundert Sarazenen nur allein am großen Tor. Hauptmann Spolento, unser Anführer, hatte ein paar Sarazenen zur Abschreckung auf der Mauer aufgespießt, die sahen ziemlich übel aus. Unser letzter trotziger Stolz. Wir wussten, dass wir alle sterben würden. Und in der Nacht war das Tor nur noch wenige Schläge vorm Bersten, wir hatten nichts mehr zum Verstärken. Kippten noch unsere letzten Reste siedendes Öl auf die runter..."
Pietro bewegte tonlos die Lippen, seine Augenlieder zuckten unwillkürlich.

Alle starrten ihn an und erst traute sich keiner etwas zu sagen. Mit welcher Inbrunst er redete, hatte jeden irgendwie in der Seele betroffen.
Ein kleiner Junge starrte ihn mit großen Augen an und zupfte dann an seinen Lumpen. "Ihr habt euch nicht ergeben?"

Pietro schüttelte sich und schaute den Jungen an.
"Sie sind alle gestorben... da war etwas grauenvolles..." er schüttelte den Kopf "Ich kann mich einfach nicht an ihre Schreie erinnern, aber sie müssen schrecklich geschrien haben... - Eine Truppe Freischärler ist den Sarazenen in den Rücken gefallen. Damit haben sie nicht mehr gerechnet. Und wir auch nicht. Aber am Ende waren alle Sarazenen am Tor tod und wir haben den Rammbock reingezogen um damit das Tor wieder notdürftig zu festigen. Weniger als ein dutzend Kämpfer habens gepackt von denen, die uns da im letzten Moment den Arsch gerettet haben. Spolento hat dann mit denen im Hof geredet. Ein Ritter hat wohl in der Stadt nach der Besetzung den Widerstand organisiert und ne Bunte Truppe aufgestellt. Ich erinner mich an die Typen mit Masken, denen hätte ich nie übern weg getraut, aber die haben wie die Löwen gekämpft für unser Überleben und unsere Stadt, da haben alle zusammengehalten..."

Einen langen moment zögerte Pietro weiter zu sprechen. Angst zeigte sich auf seinem Gesicht, Unglaube an seine eigenen Erinnerungen.
"Ich war da..." versicherte er sich mehr selbst "... als Hauptmann Spolento auf einmal mitten im Hof wild mit einer Fackel umsich schlug und ein Monster, ein tiefschwarzer Dämon, ihn in den Boden ziehen wollte direkt in die Hölle!" sein Blick wurde etwas wahnhaft "Wir haben geschossen und geschlagen was wir hatten und haben das Ding... vertrieben. Spolento war tod, aber seine Seele hat es nicht bekommen. Der Hauptmann hat sich für uns geopfert und wir haben weiter gekämpft, wir haben nicht aufgegeben! Wir waren am Ende, mit unserer Kraft mit unserem Verstand... aber wir haben nicht aufgegeben, wir haben weiter gekämpft! Die neuen waren ziemlich clever, haben nen Plan gemacht. Da hatten sich welche von ihnen unter die Sarazenen gemischt als Hilfstruppen. Die haben dann die Seite gewechselt als wir direkt mit allem was wir hatten nen Ausfall gemacht haben. War ein totales Chaos da im Dunkeln, aber damit haben die Sarazenen nicht gerechnet, wussten ja nicht dass ihre Leute am Haupttor inzwischen mausetod waren, und dann noch Bolzen in den Rücken. Gerannt sind die wie die Hühner!"
Ein verzerrtes Lächeln stand nun auf Pietros Zügen und er ließ sich erschöpft wieder auf den Holzbalken zurücksinken.

"Am nächsten Tag kam Verstärkung von den Widerständlern, hat unsre Zahl gut verdoppelt und wir konnten noch mehr Flüchtlinge aufnehmen. Die Sarazenen haben sich dann jedenfalls nicht mehr blicken lassen bei uns."
Pietro atmete tief aus, sein Atem war leicht säuerlich vom billigen Wein, aber sein Atem war die Freiheit Genuas, der Stolz der Nacht...

Hunderte von Geschichten hörte man nach dem Krieg, eine jede persönlich eingefärbt und wilder als die nächste - dies war die Geschichte von Pietro, die Geschichte im Schwarzen Keiler.