Der Kuss [Fluff, Seinfreda]

Fluff und Briefe

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La Vedova
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Der Kuss [Fluff, Seinfreda]

Beitrag von La Vedova » Di 28. Nov 2017, 23:50

Nein, habe keine Furcht vor mir, alles Schlimme zu dem ich fähig bin, ist schon vorüber. Ja, du empfängst meine Kommunion, rostrot, mein Manna der Liebe, lass mich dich erfüllen. Von nun an ändert sich vieles, das ist sicher, und du fragst dich warum.

All dies geschieht, weil ich Gnade übe und in der Tradition meiner Sire über die staubigen Felder dieser Welt wandle, sie in Blut tränke und ihre Fruchtbarkeit beschwöre. Nun, wo das Ende aller Tage naht und sich die Zeichen in den zerworfenen Knochen häufen, in den verformten Gliedern, in dem wirren Gedärm, ist es an uns, zu Promethen der Dunkelheit zu werden, ohne uns jedoch mottengleich am Licht der Erkenntnis zu versengen.
Du bist erwählt ob deiner Gabe, denn ich brauche deine Hilfe. Wir haben die Verbindung zu unseren Mythen verloren und das macht uns schwach. Das Vergessen macht uns schwach. Deshalb müssen wir uns erinnern und aus dem Lehm der Vergangenheit neue Mythen kreieren. Der Tod…unsere Morde, sie erheben die sonst unbedeutenden Figuren, die drohen in der Versenkung des Vergessens zu vergehen, und machen sie…numinos.

Ich sehe, dass du noch nicht verstanden hast, deshalb lasse mich dir zeigen, was ich meine. Wenn die roten Ströme den Körper verlassen haben, senke deinen Blick hinein und erkunde die Verheißung der Gebeine, lausche dem Flüstern der Sehnen, folge den Windungen des Gehirns und spüre die seidene Weichheit der Organe. Deine Gabe leitet dich und eröffnet dir den Blick in eine Welt, die vor uns liegt und die wir in unserem Geiste im Stande sind zu formen.
Lege deine Moral beiseite, denn mein Kuss macht dich zu etwas Neuem, du bist nicht mehr einer von ihnen. Unsere Welt existiert in den Schatten, getrennt durch eine feine Membran, den Fluch, den wir tragen. Unsere Sphären befinden sich nur durch das zufällige Zwinkern der Moiren an dem selben Ort. Drum ergib dich der Schmerzensmutter, widme ihr deine Sünden und wachse.

Doch hüte dich, deine Metamorphose ist noch nicht vollkommen. Noch bist du nackt und schutzlos den Mächten ausgeliefert, die ohne Gunst in ihren pechschwarzen Augen durch die Membran zu uns blicken. Deshalb ist deine höchste Pflicht, die Stille aufrecht zu erhalten, die dir eine gute Freundin sein soll.
Ich sehe, langsam beginnst du zu verstehen, mein Kind. Nichts anderes erwarte ich von dir, der mich aus Mondenaugen ansieht. Lass mich deine Meisterin sein, deine Selene, und folge mir auf der wilden Jagd, die in Reifnächten über die Felder zieht. Wir umgeben uns mit Wolfsgeheul und galoppieren lachend und auf Knochenpferden über die Lande der Sterblichen, die Wahrheit verkündend. In unserem Geisterzuge folgen Nachtalben auf Kelpie unserem schallenden Ruf.
All dies sehe ich in dir, all dies offenbart sich mir mit einem Blick auf deine Glieder. Sie erzählen mir von Zukunftsliedern und einer neuen Bibel, denn die Wiedergeburt ist so nah. Doch es ist keine Auferstehung, wie die Weisen es im Testament schreiben. Nein, diese Auferstehung ist ein Kuss, wie jener der Isis an ihren Geliebten. Nun, mein Kind, mein Geliebter, küss mich noch einmal.

Weshalb regst du dich nicht mehr?
Wollen die drei Parzen mir kein Stück ihres Garnes leihen? Oh ihr garstigen Schwestern, nichts gönnt ihr mir. Alles was ich liebe soll vergehen? Oh nein, so einfach lasse ich mich von euch nicht demütigen, Ihr Tatterweiber voller Hohn!