Narben, die uns zeichnen [Fluff/Sousanna]

Fluff und Briefe

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Sousanna
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Narben, die uns zeichnen [Fluff/Sousanna]

Beitrag von Sousanna » Do 26. Jan 2017, 16:00

's ist reine Schönheit, deren Rot und Weiß
Natur mit zarter, schlauer Hand verschmelzte:
Fräulein, Ihr seid die Grausamste, die lebt,
Wenn Ihr zum Grabe diese Reize tragt,
Und laßt der Welt kein Abbild.
(William Shakespeare, Was ihr wollt)


Erster Teil:

Sousanna war hinaus in die Nacht gestürzt. Alles schien sich zu drehen. Der Boden schwankte. Sie hatte sie die Kapuze ihres dünnen Mantels tief ins Gesicht gezogen. So waren zumindest die blutig roten Tränen versteckt, die über die bleichen Wangen rannen.
So huschte die zierliche Gestalt durch die Gassen, suchte Wege zu Orten, die sie einordnen konnte, fand sie nicht und irrte weiter. Alles am schmalen Leib der Ravnos bebte. Immer wieder drang ein leises Wimmern über ihre Lippen. Dieses Monster! Es hatte eines der wenigen Dinge zerstört, auf die sie sich immer hatte verlassen können. Hatte ihr ihre Schönheit genommen. Grausames Biest!
Verzweifelt taumelte sie gegen eine Hauswand, sank daran nieder und begrub das Gesicht in den Händen. Es war ihr gleich, ob sie so noch mehr wie das klassische Opfer wirkte. Im Augenblick schien es ihr, als wäre ohnehin alles verloren.

Es dauerte einige Weile, bis ihr Geist wieder klarer wurde. Bis sich der Schleier aus Entsetzen, Angst und verletzter Eitelkeit langsam lüftete. Mit starren, kalten Gliedern erhob sich die Byzantinerin wieder. Eine Gewissheit hatte sie erfüllt und ihr Haupt wieder gehoben. Heute Nacht, würde sie nichts mehr ändern können. Sie würde trinken und jagen müssen und wenn alles gut ging, dann erwachte sie in der morgigen Nacht ohne diese schändliche Wulst, die sich quer über ihren sonst so makellosen Leib zog.
Sie musste verschwunden sein. So war der Lauf der Heilung von Kindern Kains. Auch in diesem Fall, würde es sich gewiss so verhalten. – Außer… Außer dieses Wesen hatte eine Art von Magie verwendet, die anders wirkte. Gab es so etwas überhaupt?
„Halt dich fern von denen, die sich für Hexer halten. Sie bezahlen mit ihrem Verstand und enden nur damit, dass ihre Seele an Elefantenzähne binden...“ Was waren eigentlich diese Elefantenzähne? … Es war jetzt nicht wichtig. Wichtig war, was Caspar danach gesagt hatte. „Trotzdem sind sie eine Gefahr für uns. Unser Körper hält viel aus, aber gegen ihre Zauber ist er oft wehrlos.“ Der Bestie, die sie heute Nacht getroffen hatte, traute sie durchaus zu, eines von jenen seltsamen Kindern der Nacht zu sein.
Bevor die Ravnos sich heute Morgen zur Ruhe legen würde, würde sie beten und hoffen, dass ihr Körper diesen Makel verschwinden ließ.

Und wenn nicht? Ja, was dann? Es musste eine Möglichkeit geben, sich von diesem Fluch zu befreien. Gewöhnliche Körper konnte man auch bei der Heilung unterstützen. Vielleicht auch die von Blutsaugern. Sie musste es versuchen. Allein schon, weil sie sich mit dieser Verstümmelung an niemanden wenden konnte.
Während Sousanna so also alles durchging, was man ihr jemals über Schönheit und Heilkünste erzählt hatte, wartete sie in den freien Jagdgründen auf die ersten Trunkenbolde, die berauscht ihre Sinne verloren und so zur leichten Beute für das zahnlose Raubtier wurden.
Das alkoholgetränkte Blut schmeckte bitter und schal – ein passendes Mal für eine Nacht, die so voller Bitterkeit und Schrecken gewesen war… Wie viel hätte sie dafür getan, wirklich Zähne zu bekommen.
Ach! es sey die letzte meiner Thräne,
Die dem lieben Griechenlande rann,
Lasst, o Parzen, lasst die Schere tönen,
Denn mein Herz gehört den Todten an!
Friedrich Hölderlin

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Sousanna
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Re: Narben, die uns zeichnen [Fluff/Sousanna]

Beitrag von Sousanna » Mi 6. Sep 2017, 14:43

Und Ihre, der Herodias, Tochter hereinkam und tanzte, gefiel sie dem Herodes und denen, die mit zu Tische lagen. Und der König sprach zu dem Mädchen: Bitte von mir, was irgend du willst, und ich werde es dir geben.
(Die Bibel, Mk 6, 22)


Schwaden wogten Nebelschleiern gleich durch den Schankraum, enthüllten und verdeckten zugleich und füllten die ohnehin schon dichte Atmosphäre mit den noch dichteren Phantasien fremder Länder. Lockende Düfte überlagerten den Gestank der grauen, gequälten Stadt. Sie lagen auf Kleidung und Haaren und hinterließen den Eindruck, man befände sich nicht im sorgengeplagten Genua sondern viel mehr an einem schillernden Ort, vielleicht einem Markt tief im Orient. Dort wo sich jeder Traum erfüllte, wenn man ihn nur intensiv genug erträumte. Und intensiv waren die Träume, die heute Nacht im Alla Mura geträumt wurden.

Es waren nur geladene Gäste hier, um eine friedliche Nacht zu sichern und obwohl die Taverne dennoch beinahe überquoll vor vibrierenden Leibern, hatte keiner der Anwesenden noch das Bedürfnis, Streit zu beginnen. Sie waren hier eins. Alle Bittsteller auf dem Basar der Träume. Sie alle hatte eine gewisse Verzauberung umfangen, die sie zu friedlichen Gläubigen ihrer eigenen Sehnsüchte machte.
Waren es die fremdartigen Laute, die im überhitzten Raum erklangen, die Musik und Gedicht zugleich waren? Die bunten Farben? Die Düfte, in denen die berauschenden Kräuter Konstantinopels zu erahnen waren, die schmale Hände hatten verbrennen lassen? Es war gleich, alles war gleich. Es galt nur hier zu sein. Zu wogen, wie die Wellen im Hafen. Heftig und doch im Einklang.

In der Mitte der Feiernden fand sich eine zierliche Gestalt in den bunten Gewändern des Ostens. Zu jenen fremden Klängen tanzte sie. Ihr Körper war die Welle, war ein biegsamer Weidenzweig, der sich ganz der Musik, ganz den Leidenschaften unterworfen hatte. Bewundernde, lüsternde Blicke hingen an ihr. Wer sie einmal gesehen hatte, würde sich dem Bann ihrer Schönheit nicht mehr entziehen können. Doch wer wollte das schon? Sie war die Verkörperung dieser Nacht. Augen voller Sanftheit und Geheimnisse glühten über dem zarten Schleier. Sie war das Versprechen. War mehr Erscheinung als Gestalt. Essenz der gesammelten Wünsche in einer gramerfüllten Welt.
Die Ravnos genoss diese Augenblicke der Bewunderung. Sie sog die Düfte ebenso gierig ein, wie die Gier der Menschen auf ihr klebte. Dreh- und Angelpunkt all der Fantasien hier zu sein, war ihr beinahe größeres Rauschmittel als all die Kräuter und Mittelchen, die sie unter das Volk gebracht hatte, um sich später selbst an deren Blut zu berauschen. Sie war heute Nacht die Königin der Stadt. Zumindest für diese berauschenden Momente voller Lust.

Ihre Angst vor der kommenden Nacht ließ ihren heutigen Exzess noch intensiver werden. Tausend Mal heftiger als sonst, warf sie sich unters Volk. Die Sorge, dass die Krallen des Hundes sie zerfetzten, würde sie versagen, trieb und ließ ihre Sucht nach Vergnügen ins Unermessliche erwachsen. Sie plauderte, verführte, ließ mit sich spielen und spielte selbst. Unschuld war sie und eiskalte Verführerin zugleich. Heilige und Hure. Von Lust und Angst zugleich getrieben.
Einige Auserwählte würden in den nächsten Tagen noch von jenen lustigen, aufregenden Spielen träumen, die in den oberen Zimmern gespielt wurden. Alles so wundervoll sündhaft, dass kein Wort über ihre Lippen kommen würde. Noch mehr Tanz, jedoch freizügiger denn je. Würfelspiel, um prickelnde Einsätze…
Und noch ein anderes Spiel. Eines, in dem die Spieler Masken trugen und in leisen, raunenden Worten verrieten, auf Fragen zu antworten hatten, die reihum jeweils einer stellte. Spannende, erschreckende und amüsante Antworten kamen zu Tage. Furcht zu viel zu verraten, wechselte sich mit jener lustvollen Schadenfreude ab, die anderen bloßgestellt zu sehen. Jene, die die Frage in Meinung der Spieler mit dem tiefsten, schmutzigsten Geheimnis beantwortet hatten, durfte sich von einem der Anwesenden etwas wünschen. In dieser Nacht gab es keine Grenzen. Nichts, was hielt. Alles war Fall. Verfall, aber auf die schönste, aufregendste Weise. Ein Strudel, der alle mitriss, in einen Abgrund voller Freuden.

Und schließlich, zum Höhepunkt der Nacht, nachdem sie sich schon an vielen der Willenlosen genährt hatte, versank Sousanna dank dem Tteusten ihrer Ghule in wohligen Rausch, der nun auch sie vergessen ließ. Für sie hatte er heute Nacht nur das Beste getrunken. Hatte geraucht, was sie ihm mit ihrem erwartungsvollen Glühen in den Augen zugesteckt hatte und auch seine Nacht so tief genossen, wie es nur der Diener einer Sünderin vermochte.
Für sie verpasste er sich unter ihren Blicken jene Schnitte wie in einem geheimen Ritual und genoss das Kitzeln ihres Haars auf seiner Haut, die leichte Wärme, während sie wie im Liebesspiel über ihm kauerte und ihre Zunge, die gierig wie die einer Katze über seinen Leib leckte. War ganz selig bei der Gewissheit, dass sie ebenso verzaubert war, wie er, als ihr Leib vom jenem leisen Vibrieren bebte, das ihr Glück verhieß. Auch für ihn vermischten sich Lust und Schmerz zu einem tieferen Rausch. Ihre Zufriedenheit war die seine – und als sich die Schönheit an seiner Seite mit einem seligen, zum Sterben schönen Lächeln den Träumen hingab und leise murmelnd von ihren Sorgen und Wünschen sprach, wusste er, dass sie seine Bestimmung war.
Ach! es sey die letzte meiner Thräne,
Die dem lieben Griechenlande rann,
Lasst, o Parzen, lasst die Schere tönen,
Denn mein Herz gehört den Todten an!
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Re: Narben, die uns zeichnen [Fluff/Sousanna]

Beitrag von Sousanna » Di 19. Dez 2017, 19:09

Unheilsschwestern, Hand in Hand
Schwärmend über Meer und Land,
Ziehen so rundum, rundum.
Dreimal dein und dreimal mein,
Und dreimal noch, so macht es neun!
Still! – Der Zauber ist geknüpft.
(William Shakespeare, Macbeth)


Und Drei mach gleich, so bist du reich.
Wieso hatte sie so lange entsagt? Was hatte sie davon abgehalten, jenem blutig roten Pochen zu entsagen? Sie wusste doch, wie gut es war. Um wie viel göttlicher der karmesinrote Saft schmeckte, wenn er aus seinen Adern stammte. Wusste, dass sie so viel mehr Vergnügen empfand, sobald er ihr Spender war. Um wie viel besser der Rausch war, wenn er sie in seinen Armen hielt, während sie trank.
So schwelgte Sousanna auch dieses Mal im Glück, als sich ihre Lippen von der weichen Haut lösten, die um einiges dunkler war als die ihre, und sich ihr Blick hob. Wunderschöne braune Augen hoben sich zu den Seiten und suchten Zärtlichkeit. Suchten Bestätigung. Suchten ein Lächeln oder gar einen Kuss.

Doch statt eines davon zu finden, traf sie mit einem Mal ein grässliches Gefühl. Eines, von dem sie gewusst hatte, dass es folgen würde, doch dessen Existenz sie mit Freuden verleugnet hatte, nachdem ein exotisches Messer ihr den Weg zu seinem Blut eröffnet hatte. Es war, als krümme sich etwas in ihr zusammen. Als wehre sich ihr Leib mit aller Macht gegen jenen Frevel, den sie begangen hatte.
Von der Macht der Scham und Schuld mit einem Mal überwältigt, sank ihre Stirn zurück an seine Schulter und statt etwas, das sie hatte hauchen wollen, geriet zu einem leisen Wimmern. Was hatte sie getan? Sie hatte das einzige Gesetz gebrochen, das sie noch hielt. Der Gier willen hatte sie verbotene Früchte gekostet. Hatte gesündigt.
Ihre Eingeweide schienen sich zusammenzuziehen und zu schlingern. Ein Zittern erfüllte den zarten Leib, schien ihn gar nicht mehr loszulassen. Sie, die Sünderin, hatte gesündigt.

Dass sich eine große Hand sacht auf ihren Rücken legte und ihr Haar streichelte, bemerkte sie kaum. Zu heiß brannten die blutigen Tränen auf ihren Wangen. So schmerzhaft pochte ein untotes Herz gegen ihre Rippen und zu sehr hielt sie die Scham in ihren eisigen Klauen gefangen.
Auch jene Worte, die sie sacht umweben sollten, die so weich waren, wie Seide, hörte sie kaum: „Du hast den ersten Schritt geschafft. Ich bin stolz auf dich.“ Fremdes Blut strömte in ihren Ohren übertönte alles.
Zur Schande kam die Angst. Sie würden es noch einmal wiederholen müssen. Ein zweites Mal jenes Ritual vollziehen, das ihr Macht verleihen sollte. Jenes bittersüße Ritual voller Verführung, Lust, Sünde – und Schmerz.


Und Neun ist eins, und Zehn ist keins.
Verlegen zupfte sie an ihrem Ärmel herum, wich seinem Blick geflissentlich aus. Nach dem letzten Erlebnis, erschien ihr das Kommende mehr wie ein Albtraum als wie beim letzten Mal die Erfüllung einer Sehnsucht. „Ich kann das nicht.“, murmelte sie leise und wirkte so unsicher, wie sie es noch nicht einmal als Mensch gewesen war. Nervös biss sie an ihrer Lippe herum. Sogar ihre Wangen waren rot und brannten. So waren die kühlen Hände, die sich zärtlich um ihr Gesicht schlossen, beinahe eine Wohltat.
„Willst du, dass all deine Mühen vergeben waren?“, fragte er und seine Stimme ließ sie heiß und kalt schauern. Die Angst, ihn zu enttäuschen, begann sich in ihr zu regen. Was, wenn er fortging? Sie hier in dieser kalten, grauen Wildnis allein ließ? Sie würde die Trennung kaum ertragen. Nicht noch ein Verlust nach diesen harten Zeiten.

Rasch schüttelte sie den Kopf und ihr Herz ging beinahe vor Wärme auf, als er zufrieden lächelte. In einer Geste, die man liebevoll nennen konnte, strich er ihr das Haar aus der Stirn. „Sehr gut, kleine Elster, sehr gut.“, raunte er und zog sie sacht an sich. Hilflos wie ein kleines Mädchen, schmiegte sie sich an ihn, atmete seinen Duft nach Abenteuer und den Märkten der Welt ein. „Bald hast du es geschafft und dann wirst du sie beherrschen. Meine kleine, flatternde Elster wird die Barbaren besiegen und sich diese kulturlose Stadt Untertan machen.“ Leiser Stolz schwang in seiner Stimme mit und ein zartes Drängen. Eine leise Gier nach den Früchten seiner Arbeit. „Du willst uns beide doch stolz machen.“ Ein lockender Befehl. Wie hätte sie dieses Gesicht enttäuscht sehen können? Wie hätte sie seine Arbeit kaputt machen können? Sie wollte ihn doch lächeln sehen. Wollte ihm nahe sein. Es war der einzige Weg.

So folgte die Schöne dem Ruf des Blutes und trank sich satt am köstlichen, verfluchten Rot, das aus seinen Adern strömte, als wäre es nur dazu geschaffen, ihre Lippen zu benetzen. Wieder überrollte sie die Ektase und dieses Mal schien es gerecht zu sein. Da sie sich wieder an ihn wandte, blieb die Schuld aus. All die Pein, die sie davor gequält hatte, blieb fern.
Ein Strahlen entstand auf ihren Zügen, eines, das unweigerlich an jenes erinnern musste, als sie bemerkt hatte, dass sie dem Tod entgangen war. Dann lachte sie ungläubig und schloss ihn fest in ihre Arme. Tiefes Glück durchströmte sie.

Es hatte funktioniert. Es war vollbracht. Nichts Schlimmes war geschehen. Sie brauchte sich nicht mehr zu fürchten. Ab jetzt würde alles gut werden. Alte Bänder waren geknüpft worden, um neue Diebstähle zu begehen. Freiheiten waren verkauft, um sich andere zu erkaufen. Eine goldene Zeit würde anbrechen…
Ach! es sey die letzte meiner Thräne,
Die dem lieben Griechenlande rann,
Lasst, o Parzen, lasst die Schere tönen,
Denn mein Herz gehört den Todten an!
Friedrich Hölderlin

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