Von Licht und Dunkelheit [Seresa, Fluff]

Fluff und Briefe

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Seresa
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Von Licht und Dunkelheit [Seresa, Fluff]

Beitrag von Seresa » Mi 6. Sep 2017, 13:23

975 AD: Grenoble (heutiges Frankreich)

„Papa! Papa! Ein Pferdchen! Papa!“

Die schlanken Ärmchen des Mädchens strecken sich fordernd weit gegen Himmel. Ein sanftes Lächeln umspielte die Lippen des Mannes, bevor er seine kleine Tochter nach oben hob und er sich mit ihr auf dem Arm dem Fuchs näherte. Vorsichtig, fast schüchtern, legte sich die kleine Hand des Kindes auf das Fell.

Vater: „Sein Name ist Rubin und ich werde dafür sorgen, dass lernst ihn zu reiten, aber…“

Das gesprochene Französisch klang warm und melodisch, während das Mädchen gebannt auf das starke Tier vor ihr starrte. Sanft, fast andächtig, begann sie ihn über das Fell zu streicheln. Sie schien den Worten ihres Vaters nicht zu vollständig zu lauschen. Zu gebannt war sie von dem großen und muskulösen Tier. Der Vater trat einen Schritt zurück und drehte sich etwas weg von dem Tier, um die Aufmerksamkeit seines Kindes zu erhalten.

Vater: „Aber du wirst mir versprechen, dass du nicht mehr zur Abtei gehst, Seresa.“
Seresa: „Aber Papa!“

Der Gesichtsausdruck des vielleicht fünf Jahre alten Mädchens wurde traurig. Ihre Hände ballten sich und legten sich auf der Brust des Vaters ab, während sie ihm in die Augen blickte. Die Stimme des Vaters wurde streng.

Vater: „Kein Klettern an der Abtei mehr.“
Seresa: „Aber die Bäume sind nicht hoch genug, Papa.“

Sie blickte ihn unschuldig mit ihren braunen Augen an, während sie eine ihrer langen, braunen Haarsträhnen hinter das Ohr schob.

Vater: „Es gehört sich nicht für eine junge Dame auf Bäume zu klettern, Seresa. Deine Amme hat dich viel zu lange verwöhnt. Du wirst lernen müssen, dich wie eine Dame zu benehmen. Was bedeutet. Kein Klettern an der Abtei mehr und auch kein Klettern auf Bäume.“

Seresa blickte beleidigt ihren Vater an, der seinen Blick wiederum streng auf sein Kind richtete. Missmutig drehte sie ihren Kopf zur Seite. Seresa schob ihren Ärmchen zwischen ihren Vater und sich und drückte sich etwas von ihm weg.

Seresa: „Das ist nicht gerecht, Papa.“
Vater: „Ich will keine Widerworte hören, Seresa. Du wirst gehorchen.“

Mit diesen Worten setzte der Vater Seresa auf dem Boden ab. Seresas hatte den Kopf gesenkt und stocherte mit den kleinen Füßen im weichen Gras. Sie kickte einen der kleinen Steine bei Seite.

Vater: „Kein Klettern mehr. Ich verlange, dass du dich fortan um Rubin kümmerst. Ihn striegelst und fütterst. Ich möchte, dass du lernst was es bedeutet Verantwortung zu tragen. Nicht nur für dich, sondern gegenüber allem.“

Seresa hatte während der Worte auf den Boden gesehen. Sie war nicht einverstanden. Zu widersprechen hätte aber bedeutet, dass er seine Hand gegen sie erhoben hätte. Das wusste sie und deshalb murmelte sie leise vor sich hin.

Seresa: „Ja, Papa.“
Vater: „Alain, wird dir alles beibringen, was du wissen musst.“

Der Vater nickte dem Stallburschen zu, der bisher unbeteiligt dagestanden und den Fuchs gehalten hatte zu. Dann schlossen sich die Hände des Vaters um den Körper seiner Tochter und hoben sie nach oben auf den Rücken des Fuchses. Seresa blickte auf ihren Vater herunter, während sich ihre Hände um das Leder des Sattels schlossen. Instinktiv wollte sie eines der Beine auf die andere Seite des Sattels legen. Schließlich schien dies die Haltung zu sein, welche sie bei den Boten und Rittern gesehen hatte, die an Grenoble vorbeiritten. Ihre Bewegung wurde jedoch jäh von der Hand ihres Vaters auf ihrem Bein unterbrochen.

Vater: „Es geziemt sich nicht für eine Dame mit gespreizten Beinen auf einem Pferd zu sitzen. Eine Dame reitet seitlich sitzend.“

Seresas Blick war noch immer auf ihren Vater gerichtet. Sie verstand nicht, warum ein Mädchen anders auf einem Pferd reiten sollte, als ein Junge. Doch statt zu widersprechen antwortete sie nur mit einem.

Seresa: „Ja, Papa.“

Zufrieden blickte der Vater auf seine Tochter.

Vater: „Du wirst lernen eine Dame zu sein, Seresa. Halt dich gut fest... Alain.“

Der Vater sah zum Stallburschen, der nickte und das Pferd mit samt Seresa in Richtung Ställe führte. Seresa hielt sich am Leder des Sattels fest, während ihr Körper versuchte die ungewohnten Bewegungen auszubalancieren. Sie seufzte leise, als Alain sie schließlich bei den Ställen vom Pferd hob und sie daneben absetzte. Ihre Finger strichen sanft über die Flanke des Pferdes. Das also sollte er sein. Ihr Schatz. Ihr Rubin. Ihr Chérubin.

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Re: Von Licht und Dunkelheit [Seresa, Fluff]

Beitrag von Seresa » Fr 8. Sep 2017, 13:22

976 AD: Grenoble (heutiges Frankreich)

Es war Winter geworden im Umland von Grenoble. Lautlos fielen im Morgengrauen vereinzelte Schneeflocken auf die ansonsten geschlossene, dichte Schneedecke, die sich über Nacht gebildet hatte. Die einzigen Geräusche in diesen frühen Morgenstunden, war das Geräusch von Schnee, der knirschend unter den Hufen von zwei Pferden nachgab. Die Pferde schritten im niederen Wald entlang eines kleinen Baches gemächlich nebeneinander. Seresa ritt seitlich auf dem Fuchs sitzend. Alain ritt links neben ihr einen Braunen. Der Bursche hatte die Zügel von Seresas Fuchs in der Hand, während das Mädchen sich am Sattel festhielt und versuchte dabei eine damenhafte Haltung einzunehmen. Sie genoss sichtlich die Höhe und die Bewegung des Tieres unter ihr, auch wenn die Haltung ihr noch immer sehr zu schaffen machte.

Seresa war gegen die Kälte in einen dicken Wollumhang gewickelt und der leichte Wind spielte am Saum ihres langen Kleides. Sie waren bereits eine ganze Weile schweigend nebeneinander geritten, als plötzlich mit einem lauten Knacken der einer der Äste eines nahen Baumes unter der Last des Schnees der auf ihm lag brach und die Pferde in Panik versetzte. Alains Pferd bäumte sich auf und warf den Knaben in einem hohen Bogen in den weichen Schnee. Der Braune stieß gegen den Fuchs, der daraufhin durchbrach und mit seiner Reiterin schnurstracks gerade aus davongaloppierte.

Seresa: „Alaaaaaaaaaain!“

Seresas Ruf hallte panisch durch die kalte Morgenluft, während sie versuchte sich verzweifelt am Sattel festzuklammern. Schon rutsche sie zur Hälfte aus dem Sattel. Krampfhaft schlossen sich die kleinen Finger um das harte Leder. Der eisige Wind blies ihre verzweifelten Tränen aus den Augen, während sie versuchte sich festzuhalten. Ihr Kleid verfing sich in einem der Äste und riss auf, während wieder und wieder kleinere Äste ihr ins Gesicht und auf den schlanken Körper schlugen.

Seresa: „Alaaaaaaaaaain!“

Ihr Blick ging zurück zu dem Knaben, der sich gerade aus dem Schnee erhob und versuchte sein Pferd zu beruhigen, während Seresa weiter und weiter von ihm fortgetragen wurde. Seresa blickte verzweifelt nach unten. Der Schnee wirbelte glitzerte durch die Luft, als er von den Hufen hochgeschleudert wurde. Seresa wusste, sie würde loslassen müssen. Würde ihren Chérubin sich selber und seiner Furcht überlassen müssen. Fast wütend und trotzig schüttelte das kleine Mädchen ihren Kopf. Nein, sie würde ihn nicht alleine lassen. Ihr Bein fand Halt in einem der Bügel und sie zog sich mit der Kraft der Verzweifelten zurück auf den Sattel. Seresa warf ihr Bein auf die andere Seite, um sich besser am Rücken und Bauch des Pferdes halten zu können. Dann legte sie die Finger einer ihre Hände an den Hals des Fuchses.

Seresa: „Rubin.“

Das Pferd drehte kurz die Ohren, als es die ruhige, aber dennoch panische Stimme seiner Reiterin hörte. Seresa krallte sich derweil mit der anderen Hand weiter am Sattel fest. Sie spürte jede Bewegung des Tieres unter sich. Hörte das Blähen seiner Nüstern, während es weiter floh. Sie war ihm und seinem Impuls hilflos ausgeliefert. Wieder und wieder streichelte sie sanft über den Hals des Pferdes.

Seresa: „Ruhig, Rubin. Ruhig.“

Seresa neigte ihren Körper tief gegen den Rücken und Hals des Pferdes, während sie ihm weiter beruhigend zuflüsterte. Sie hatte sich entschlossen. Was auch immer geschehen würde, sie würde es mit ihm zusammen durchstehen. Mit ihrem Chérubin. Und mit der Zeit beruhigte sich der Fuchs, wurde langsamer und blieb schließlich stehen. Der warme Atem bildete weiße Schwaden, als er aus den Nüstern des Pferdes kam. Seresa ließ sich aus dem Sattel gleiten und landete auf Knieen im weichen Schnee. Sie zitterte. Nicht ob der Kälte, sondern ob der Panik, die ihren kleinen Körper durchfahren hatte. Ob dem Alptraum, den sie durchlebt hatte. Neben ihr schüttelte sich Rubin. Auch er war am Zittern. Er senkte seinen Kopf und stieß Seresa sanft damit an. Das Mädchen lächelte verkniffen, streichelte ihn sanft und lehnte sich dann mit ihrem Kopf und Körper dagegen.

Seresa: „Oh, mein Chérubin.“

Mit einem leisen Seufzer ließ sie sich nach hinten in den Schnee fallen und blickte in den grauen Himmel. Sie konnte ihren Herzschlag in ihrem Hals spüren, während sich ihr Burstkorb in schnellen Bewegungen hob und senkte. Sie hatten es überstanden. Gemeinsam. Doch etwas Dunkles war in ihrem Herzen zurückgeblieben. Die Angst davor die Kontrolle zu verlieren. Nichts tun zu können, außer sich fallen zu lassen und alles zu verlieren oder sich der Angst und Gefahr willentlich hinzugeben, ohne jedwede Kontrolle. Seresas Augen schlossen sich.

Von weitem hörte sie wie leise ihr Namen gerufen wurde, doch es war ihr nicht möglich sich zu erheben. Einzig ihre Augen öffneten sich. Es dauerte noch einige Momente, bis sie einen panisch blickenden Alain von seinem Braunen herunter neben sich in den Schnee springen sah. Alain kniete sich zu ihr und berührte ihren Arm.

Alain: „Herrin?! Seid Ihr wohl auf?!“
Seresa: „Ja, Alain.“

Langsam erhob sich Seresa und schenkte dem Burschen ein mildes Lächeln. Ihr Körper war immer noch am Zittern. Doch nicht nur sie. Auch Alain schien zu zittern, während er weiter auf den Knien verweilte. Seresa klopfte sich den Schnee von der Kleidung.

Alain: „Es tut mir so leid, Herrin. Euer Kleid. Es ist zerrissen. Ich habe mir solche Sorgen um Euch gemacht. Was für ein Unglück. Der Herr wird wütend sein.“

Alain redete schnell und wirr und schien sich durchaus ausmalen zu können, was Seresas Vater mit ihm anstellen würde, würde er davon erfahren, in welcher Gefahr seine Tochter gewesen war. Seresas Hand berührte sanft den Arm des Stallburschen, der sie fast erschrocken anblickte.

Seresa: „Bitte. Ich möchte nach Hause, Alain.“

Der Bursche nickte, stand wie in Trance auf, nahm die Zügel der beiden Pferde in die Hand und kam dann zurück zu Seresa, um ihr die Hand zu reichen, so dass sie zu Fuß leichter durch den Schnee vorankommen würden. Doch das Mädchen ignorierte die Hand und sah stattdessen auf den Rücken des Pferdes. Ihr Blick ging kurz dem zum Burschen und dann wieder zu ihrem Fuchs.

Seresa: „Hilf mir hoch, Alain.“
Alain: „Herrin?!“
Seresa: „Bitte hilf mir hoch, Alain.“

Die Widerworte lagen dem Burschen für einen Moment auf den Lippen, bevor der die Hüfte des Mädchens umschlang und sie seitlich auf den Fuchs setzte. Ungläubig blickte er Seresa an, als diese, von dem damenhaften Sitz, in den männertypischen Sitz wechselte.

Alain: „Herrin, Ihr könnt nicht…“

Alain verstummte, als er Seresa eisigen Blick sah. Widerwillig betrachtete er sie für einen Moment, bevor er mit einem aufgebenden Seufzen auf den Rücken des Braunen schwang. Sie ritten schweigend zurück zum Haus ihres Vaters. Bevor sie jedoch in Sichtweite kamen, änderte Seresa ihre Position auf dem Pferd zurück in die damenhafte Reitposition. Bei den Ställen angekommen, half der Bursche Seresa von Rubin. Kaum hatten ihre kleinen Füße den Boden berührt, war ihr Vater bereits zu den Beiden herangetreten. Seresa sah zerrupft aus. Die Kleidung zerrissen und voller Schnee. Die langen Haare wild und ungebändigt. Mit wütendem Blick musterte er den Stallburschen. Die Hand bereits zum Schlag erhoben, als er spürte, wie sich Seresas kleine Finger um sein Bein schlossen.

Seresa: „Es ist nicht seine Schuld, Papa. Ich war unachtsam und mein Kleid hat sich in den Ästen verfangen.“

Seresa blickte zu ihrem Vater auf. Der Vater blickte seine Tochter prüfend an, die ihren Kopf gegen sein Bein gepresst hatte. Die Hand noch immer zum Schlag erhoben.

Vater: „Du weißt, dass du mir sagen musst, wenn dir Leid zugefügt oder deine Ehre beschmutzt wurde, Kind?!“

Seresa nickte stumm und spürte, wie ihr Vater einen kleinen abgebrochenen Ast aus ihren Haaren pickte. Sein Blick musterte aufmerksam seine Tochter, dann den Zweig, dann den Stallburschen, dessen Augen sich in diesem Moment panisch weiteten. Alain wurde kreidebleich und er fiel auf die Knie. Nur stotternd gingen die Worte über seine Lippen.

Alain: „Nein… Herr…. Bitte… ich würde nie… Eurer Tochter… Bitte… Ich…“

Seresa blickte fast fragend zu ihrem Vater hoch, als würde sie Alains Reaktion nicht verstehen. Sie schien nicht begreifen zu können, was ihr Vater dachte, was sonst hätte geschehen sein können.

Seresa: „Papa?! Es wurde mir kein Leid zugefügt, noch meine Ehre beschmutzt. Ganz sicher nicht, Papa. Mein Kleid hat sich in den Ästen verfangen.“
Vater: „Ist das wirklich alles, was du mir zu sagen hast, Seresa?!“
Seresa: „Ja, Papa. Es tut mir ganz schrecklich leid, Papa.“
Vater: „Geh dich umziehen.“

Der kleine Zweig fiel zu Boden und der Blick von Seresas Vater wanderte prüfend zum Stallburschen, ob dieser noch etwas hinzuzufügen hätte. Dieser jedoch blickte verschämt zu Boden. Doch statt die Hand seines Herren zu spüren, hörte er nur dessen scharfe, befehlende Stimme.

Vater: „Worauf wartest du, Alain?! Kümmere dich gefälligst um die Pferde.“

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Re: Von Licht und Dunkelheit [Seresa, Fluff]

Beitrag von Seresa » Sa 23. Sep 2017, 02:56

977 AD: Grenoble (heutiges Frankreich)

Die ersten zarten grünen Knospen drangen bereits durch das feuchte Erdreich und der lange, kalte Winter war nichts mehr als eine flüchtige schaurige Erinnerung im Gedächtnis der Menschen. Der Fuchs graste ruhig auf der Weide, während die kleinen Beinchen des auf dem dicken Ast eines Baumes sitzenden Mädchens hin und her pendelten. Seresa war es langweilig und die Tatsache, dass sie nur Momente später die Welt kopfüber sah, änderte daran auch nicht wirklich viel. Sie liebte Rubin, das war keine Frage, doch er war nur ein Pferd. Ein Pferd mit seinen eigenen Bedürfnissen. Bedürfnisse, die sie ihm gerne befriedigt hätte, die jedoch von der Gesellschaft verkannt und nicht toleriert wurden.

Seresa zog sich wieder hoch und wechselte über in eine liegende Haltung auf dem Ast. Ihren Kopf auf die auf den Ast gelegten, gefalteten Hände gestützt. Sie seufzte leise, als sie den Fuchs friedlich grasen sah. Frei sein. Gehen zu können, wohin mal wollte. Tun, was man selbst für richtig hielt. Der Horizon als einzig wahre Grenze. Lernen Verantwortung für sich und gegenüber allem tragen, hatte ihr Papa gesagt. Aber musste das auch immer zwangsweise bedeuten, dass man seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse zurückstellten musste?!

Seresa blieb einige Zeit bewegungslos auf dem Ast liegen. Genoss die Höhe und die Weite des Blicks, bevor sie sich vom Ast aufrichtete. Sie kralle die kleinen Finger in den Ast, ließ sich für einen Moment vom Ast hängen und den Rest des Weges einfach nach unten fallen. Langsamen Schrittes ging sie auf ihren Fuchs zu, der den Kopf aufrichtete und die Ohren drehte, als er Seresa zu sich kommen sah. Seresa berührte sanft den Kopf des Pferdes und streichelte ihn, bevor sie nach dem Halfter griff.

„Komm Rubin, Zeit nach Hause zu gehen.“

Das Pferd wieherte leise.

„Ja, ich weiß Rubin, ich will eigentlich auch noch nicht nach Hause.“

Seresa streichelte dem Fuchs über den Hals, welcher mit seinem Kopf das Mädchen sanft stieß. Das Mädchen kicherte leise, bevor sie sich mit ihrem Pferd in Richtung ihres Zuhauses aufmachte. Auf dem Weg nach Hause kam sie an der Abtei vorbei, an welcher ihr Papa ihr verboten hatte zu klettern. Seresa blieb stehen und schaute den Steinmetzen, welche dabei waren das Gebäude zu erweitern, einige Zeit zu. Dann fiel ihr Blick auf die Steinmauer und das Mädchen seufzte leise, als sie ihren Blick traurig davon abwandte.

Sie wollte weitergehen, doch ihr Pferd wollte dies scheinbar nicht. Rubin schüttelte sich kurz, bevor er weiter seinen Kopf gegen Boden schob und fraß. Seresa sah ihn verwirrt an und versuchte ihn zum Weitergehen zu überzeugen. Doch ihr Versuch war halbherzig gewesen und auch ihr Fuchs möchte dies gespürt gehaben. Das Mädchen band die Zügel an einen nahen Baumstamm und ging dann zur Mauer. Sanft strichen ihre kleinen Finger für den von den Sonnenstrahlen erwärmten Stein. Ehe sie sich versah, fanden ihre Finger und Füße sicheren Halt und sie befand sich an der Mauer einen Meter über der Erde. Dann zwei. Dann drei. Schließlich war sie an einem kleinen Fenster angelangt. Seresa spähte hinein und ihr Blick fiel auf eine leere Schreibstube. Einige Pergamente lagen in Regalen, während auf dem Schreibpult ein aufgeschlagenes Buch lag. Seresa setzte sich auf die Kante des Fensters und blickte in die weite Ferne. Ein befriedigendes Gefühl, ob der Höhe, der Wärme des Steins und der Weite des Blicks setzte bei ihr ein. Wie sehr sie es doch vermisst hatte.

Es verging einige Zeit, dann drehte sie sich um und spähte erneut in den Raum. Seresa konnte es sich nicht erklären, aber das Buch schien sie fast magisch anzuziehen. Unschlüssig ließ sie ihren Blick zwischen dem Buch und ihrem Pferd hin und her wandern. Dann aber entschied sie sich und huschte durch das kleine Fenster in die Schreiberstube. Vorsichtig näherte sie sich dem Buch. Als sie es betrachtete, war dort auf teurem Pergament das Abbild eines strahlend schönen Engels zu sehen. Ein solch hübsches Frauengesicht hatte Seresa noch nie in ihrem Leben gesehen. Über Stunden saß sie dort und betrachtete die Zeichnung. Andächtig schweigend betrachtend. Den Blick gebannt. Nicht abwendend können von dem Engel.

Als die Dunkelheit über das Land zog, öffnete sich hinter Seresa scheinbar lautlos die schwere Eichentür und ein älterer, hässlicher Mönch trat von dem Mädchen unbemerkt ein. Er packte Seresa wie ein kleines Kätzchen am Nacken. Das Mädchen zappelte kurz, stellte dann jedoch jede Gegenwehr ein. Der Mönch warf sie im hohen Bogen aus der Abtei. Seresa landete unsanft vor der Tür. Im Halbdunkeln versuchte sie zu ihrem Pferd zurückzufinden. Es befand sich noch dort, wo sie es zurückgelassen hatte. Glücklich umarmte sie das Tier am Hals, bevor sie die Zügel löste.

„Komm Rubin, es ist wirklich Zeit. Wir müssen nach Hause. Papa wird schimpfen.“

Seresa blickte traurig, ob der Aussicht auf die Reaktion ihres Vaters. Sie ging voran und dieses Mal ließ sich der Fuchs widerstandlos führen. Das Mädchen erzählte niemandem davon, was an jenem Tag in der Schreiberstube gesehen hatte. Das Bild jenes Engels blieb jedoch tief in ihrem Gedächtnis verankert. Für immer. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie an das Bild dachte. Dann aber sah sie ihr Zuhause und ihr Blick wurde düster. Sie seufzte und senkte den Kopf. Papa würde wütend sein.

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Re: Von Licht und Dunkelheit [Seresa, Fluff]

Beitrag von Seresa » Fr 29. Sep 2017, 06:19

978 AD: Grenoble (heutiges Frankreich) -> Marseille (heutiges Frankreich)

Schmetterlinge. Strahlend hell. Tief schwarz. Schillernd bunt. Wie kleine Engel flogen sie über ein Feld roter Mohnblumen. Tanzen mit ihnen. Schwebten wie Gottes Diener über ihnen. Lautlos und bezaubernd in ihrem Wesen. Eine friedliche Stille hatte sich über das Bild gelegt. Alles wirkte harmonisch und gut. Es war perfekt. Sah sie gerade das Paradies?! Mit einem Mal peitsche der Wind auf. Riss die Blütenblätter gnadenlos von den Stängeln der Blumen. Die Schmetterlinge zerfielen, als seien sie nicht mehr als Figuren. Figuren, geformt aus Sand und Staub. Das Bild zerriss und stattdessen war dort nur noch Dunkelheit.

Jedoch nicht ausschließlich. Ein kleines Licht brannte irgendwo links neben ihr und erhellte den Raum. Seresa sah sich um, während dumpfe, polternde Geräusche an ihr Ohr drangen. Gemischt mit einer seltsam bekannten Stimme. Sie verstand jedoch nicht, was die Stimme zu ihr sagte. Verwirrt blickte sie sich um. Es war früher morgen und sie war in ihrem Bett. Vor ihr Alain, der sie an den Schultern gepackt hatte. Seresa verstand noch immer nicht so recht.

Seresa: „Alain?!“

Mit ihren kleinen Fäusten rieb sich Seresa die Augen.

Alain: „Kommt schon.“

Seresa starrte Alain noch immer verwirrt an. Unsanft aus ihrem Traum gerissen und doch noch nicht in der Gegenwart wieder angekommen, verstand sie nicht, was er von ihr wollte. Dem Stallburschen schien es nicht schnell genug zu gehen. Er schlug die Decke zurück, packte grob den schmalen Körper Seresas und zog sie aus dem Bett. Ehe Seresa wusste, wie ihr geschah, zog Alain ihr das Nachtgewandt über den Kopf. Beschämt hielt sie die dünnen Arme vor den Körper, der vom Licht der Lampe angestrahlt wurde. Seine Hand presste sich harsch auf ihre Lippen und unterdrückten den Ansatz ihres Schreis.

Alain: „Wir haben keine Zeit.“

Seine Worte waren geflüstert. Alain packte sie an den Handgelenken, riss sie über ihren Kopf, bevor sie die angenehme Wärme auf ihrem Körper spürte. Seresa zitterte und blickte unsicher Alain an, der sie plötzlich zurück auf das Bett stieß. Einen Moment später fühlte sie die Wärme, die entlang ihrer Beine nach oben glitt. Geschockt und im Halbschlaf ließ Seresa widerstandslos alles mit sich machen. Mit einem Ruck wurde sie nur wenige Momente später wieder auf die Beine gerissen. Alain packte sie an den Haaren und zog unbarmherzig an ihnen. Seresa Augen füllten sich mit Tränen, als Alain sie erbarmungslos festhielt. Sie musste mit ansehen, wie der Stallbursche begann sie zu schänden.

Kaum ein Wimpernschlag war vergangen, als Strähne um Strähne ihrer schönen und langen Haare neben ihr zu Boden fiel. Seresa jammerte leise, während sie weiterhin unbarmherzig von Alain festgehalten wurde. Als er mit seinem Werk fertig war, blickte er Seresa zufrieden an. Sie sah mit ihren kurzen Haaren und der neuen Kleidung einem Knaben zum Verwechseln ähnlich. Alain setzte Seresa eine Kopfbedeckung auf und legte den dicken Wollmantel fast zärtlich und schützend um ihre schmalen, zitternden Körper. Bekleidet zog er sie an ihrer Hand hinter sich her. Hinab zu ihrem Papa, der bereits auf dem gesattelten Braunen saß. Nicht mehr als ein zufriedenes Nicken schenkte er Alain, der Seresa auf Rubin hob. Seresa hatte sich gerade damenhaft hinsetzen wollen, als Alain ihr Bein unsanft auf die andere Seite des Sattels geschoben hatte. Seresa hatte noch immer nicht verstanden, als ihr der Stallbursche die Zügel in die Hand gab. Verwirrt blickte sie zu ihrem Papa, der in diesem Moment mit einem Nicken von Alain zwei gefüllte Leinentücher - die mit einem Seil verbunden waren - entgegengenommen hatte. Dann hatte ihr Papa nach der zusätzlichen Führungsleine gegriffen, die an Seresa Fuchs befestigt gewesen war und preschte mit einem leisen Befehl, aber ohne sonstige Vorwarnung los.

Kein Wort hatte der Vater von Seresa mit seiner Tochter gesprochen, während sie gemeinsam für mehrere Tage in Richtung Süden geritten waren. Weder hatte er ihr den Grund für den plötzlichen Aufbruch, noch für ihre Eile oder gar das Ziel der Reise genannt. Seresa Körper schmerzte noch immer von den Anstrengungen des Ritts, als sie am Nachmittag am Ufer in Marseille stand und die Weite des Wassers vor sich sah. In keiner ihrer gewagtesten Vorstellungen hätte sie es sich vorstellen können, dass ein Fluss so breit werden konnte, dass der Horizont dahinter scheinbar zu verschwinden schien. Meer war der Begriff den die Menschen dafür verwendeten. Seresa war jedoch nicht bewusst, was das wirklich bedeutete. In Grenoble hatte es kein Meer gegeben. Wie hätte sie erahnen können, was das Wort und die nächsten Monate für sie bedeuten würden?!

Stunden vergingen. Am Abend griff ihr Papa nach ihrem Arm. Noch immer hatte er ihr keine Antwort für sein Verhalten geliefert. Er führte sie in den Hafen zu einem der dort ankernden Schiffe. Über ein kleines Beiboot und eine geknüpfte Leiter gelangte sie an Bord des Schiffes. Mit den Fingern fest an der Reling verkrallt, betrachtete sie den Hafen. Gerade als sie sich fragte, wie wohl ihre Pferde an Bord gelangen sollten, ergriff der Wind die Segel und das Schiff setzte sich in Bewegung. Unsicher, ob der fremden Geräusche blickte sie sich um. Ihr Vater stand neben ihr. Er wirkte traurig, jedoch verstand sie seine Traurigkeit nicht. Sie schmiegte sich an ihn, bis sie einen Fuchs und einen Braunen am Ufer stehen sah. Der Mann dort, der die beiden Pferde hielt, nickte ihrem Vater zu, der das Nicken nur stumm erwiderte. Langsam entfernte sich das Schiff weiter vom Ufer. Seresa blickte zu ihrem Papa, der noch immer schweigend auf die Stadt sah. Dann erst wurde Seresa sich der Situation bewusst. Die Pferde würden sie nicht begleiten. Seresa wollte über die Reling klettern. Sie musste zurück an Land. Zurück zu ihrem Chérubin. Doch ihr Vater hielt sie auf. Riss sie unbarmherzig zurück und hielt sie fest.

Seresa: „Nein! Rubin. Mein RUBIN! NEIN!“

Seresa strampelte und versuchte sich von ihrem Papa loszureißen. Dieser hielt sie weiter fest und drehte seine Tochter so, dass sie nicht mehr zum Ufer blicken konnte. Seresa schlug wieder und wieder mit ihren Fäusten gegen die Brust ihres Vaters, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. Die Zeit verging und das Schiff entfernte sich immer weiter vom Ufer. Seresas Kampf war inzwischen zu einem wimmernden Geräusch erstorben und ihr Papa stellte sie auf den Planken ab. Ihre Hände verkrallten sich in seine Tunika, während sie mit roten Augen hilflos mit ansehen musste, wie sich das Ufer immer weiter entfernte und schließlich in der Dunkelheit verschwand.

Sie spürte die Hand ihres Vaters auf ihrem Kopf und ihrer Wange. Er versuchte sie zärtlich zu streicheln. Seresa riss sich los, drehte ihm den Rücken zu und torkelte mit wackelndem Schritt von ihm weg. Er hatte ihr ihren Rubin geschenkt. Ihren Chérubin. Ihren Engel. Und nun entriss er ihn ihr einfach. Er hatte ihr ein Licht geschenkt, um sie auf den rechten Weg zu leiten. Nun aber, hatte er sie kaltherzig und erbarmungslos in eine schwankende und unsichere Dunkelheit geworfen.

Sie wollte alleine sein.

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Re: Von Licht und Dunkelheit [Seresa, Fluff]

Beitrag von Seresa » So 15. Okt 2017, 23:50

978 AD: Marseille (heutiges Frankreich) -> Cagliari (heutiges Italien)

Stillstand. Nichts Tun und doch Tun, als ob man etwas Täte. Die Zeit schien sich zu ziehen und keine Veränderung schien in Sicht. Flaute nannten sie es, während sie hofften und beteten, dass sie aufhörte. Seresa lag in dem Netz, welches sich am Bug des Schiffs befand. Unter ihr die spiegelglatte Oberfläche des Mittelmeeres. Seid Tagen war die See ruhig geworden und kein Windhauch beulte die Segel des Schiffes aus. Die Stimmung an Bord wurde von Tag zu Tag schlechter. Unruhiger. Nervöser. Roher. Härter.

Seresa drehte sich um und blickte in den blauen Himmel über ihr. Hätte sie ihr Papa hier liegen sehen, er hätte sie getadelt. Was wäre, wenn sie durch die Maschen des Netzes fiel?! Was wäre, wenn sie den Halt verlor und ins Wasser fiel?! All diese Gefahren, die seine einzige Tochter heimsuchen konnten. Doch ihr Papa war nicht hier. Er befand sich im Bauch des Schiffes. Ihm bekamen die Tage auf dem Wasser nicht. Seresa selbst liebte sie jedoch. Das unruhige Schaukeln des Schiffes. Den beißenden Wind in ihren kurzen Haaren. Das dumpfe und unheilvolle Knarzen des Holzes. Die rauen Seile der Takelage. Das kalte Wasser, das ihr ins Gesicht spritze, wenn das Schiff in Fahrt war und sie hier lag. Seresa fürchtete sich nicht. Nicht einmal, wenn sie nach oben kletterten sollte, um bei zu starkem Wind und Seegang die Segel wieder einzuholen und zu vertäuen. Was sie tatsächlich fürchtete war das Schweigen ihres Vaters. Dieses unheilvolle Schweigen, dass angehalten hatte, seitdem sie vor mehr als zwei Monaten ihr Zuhause verlassen hatten.

Das Mädchen seufzte, während sie sich auf die Seite rollte und in die Ferne blickte. Blau soweit das Auge reichte. Blau, das in ein anderes Blau überging. Nur eine feine dünne Linie in der Ferne, die tatsächlich den Unterschied zwischen Meer und Luft kennzeichnete. Seresas Augen schlossen sich. Ihr Körper wurde von der Sonne gewärmt, während sie langsam in einen traumlosen Schlaf verfiel. Das Bild des Wassers und der Luft blieb vor ihren geschlossenen Augen. Doch was sah sie?!

Das Ende der Welt oder unbegrenzte Freiheit?!

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Re: Von Licht und Dunkelheit [Seresa, Fluff]

Beitrag von Seresa » Do 19. Okt 2017, 22:43

979 AD: Cagliari (heutiges Italien)

Cagliari war für Seresa gelinde gesagt ein Schock gewesen. Die vielen fremden, rauen Stimmen und die harsche Art waren ihr gänzlich unbekannt. Die Landessprache mischte sich mit den Klängen aus dem byzantinischen und den maurischen Reichen. Durcheinander gewirbelt in einem großen Kessel zu einem undurchsichtigen, dicken Brei. Misstrauen und Furcht bei den Menschen. Verborgen unter dem Schutzmantel fremder Mächte. Mächte, die vor noch viel fremderen Mächten schützten. Seresa kannte nur das relativ friedliche, aber geschäftige Treiben in der Nähe ihrer Heimat. Hier fühlte sich alles fremd an. Falsch.

Der Wind blies vom Meer her und brachte weitere Unordnung in ihre offenen, kurzen Haare. Seresa wusste nicht, warum ihr Papa sie beide genau hierhergebracht hatte. Hierher in dieses Chaos. Weg von all dem was sie kannte und liebte. Seresa kickte den Stein vor ihr achtlos bei Seite. Vielleicht wusste er es selbst nicht einmal. Sie stocherte lustlos mit einem langen Stab im Kies, während sie auf die Schafherde vor sich blickte. Ihr Papa hatte dafür gesorgt, dass sie als Stallbursche arbeitete. Die Arbeit war gut und der Herr der Domäne gerecht. Zu ihrer eigenen Überraschung - und der ihrer Herren - fiel es Seresa leicht, die fremden Sprachen in ihren Grundzügen zu lernen. Einzelne Wörter. Einfache Sätze. Nicht mehr. Nicht weniger. Verständigung in einer neuen Welt, die ihr noch immer gänzlich fremd war.

Seresa seufzte leise. Es waren wenige Tage vor der Geburt des Herren und sie vermisste die Kälte und den Schnee, der um diese Zeit Grenoble in schillerndes Weiß legte. Seresa vermisste ihren Rubin. Auch Alain vermisste sie, obwohl er ihr ihre Haare so wüst abgeschnitten hatte. Vermisste die Gespräche mit ihrem Papa nach dem Essen. Ihrem Papa, der seit Wochen nur im Bett lag. Der sich seit der Überfahrt nicht mehr wirklich erholt hatte. Der nicht mehr mit ihr gesprochen hatte, seit sie ihre Heimat verlassen hatten.

Das Mädchen seufzte erneut leise. War es ihre Schuld? Sie fühlte sich unendlich schuldig und wusste doch nicht genau weshalb. Es fühlte sich an, als würde sie bestraft für ein Vergehen, welches sie nicht getan hatte. Oder doch getan hatte? Sie hatte gegen die Anweisung und den Wunsch ihres Papas gehandelt. Strafte er sie nun mit seinem Schweigen? War es Gott, der sie seine Enttäuschung über sie spüren ließ, weil sie in seine Gemäuer eingedrungen war? Seresa senkte traurig den Kopf und blickte auf das Kiesbett zu ihren Füßen.

Dann kniff sie ihre Augen zusammen und ihre Stirn legte sich in Falten, während sie unschlüssig die beiden Zeichen zu ihren Füßen betrachte. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass sie etwas mit dem Stock in den Kies geschrieben hatte. Jetzt da sie es betrachtete, war sie sich selbst unsicher, was es zu bedeuten hatte. Hatte sie es geschrieben? Unbewusst? Und wenn ja, warum sie dann die Zeichen für Anfang und Ende geschrieben?

Alpha und Omega

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Re: Von Licht und Dunkelheit [Seresa, Fluff]

Beitrag von Seresa » So 22. Okt 2017, 17:29

980 AD: Cagliari (heutiges Italien)

Winter. Ohne einzige Flocke Schnee. Ohne den undurchsichtigen Nebel. Ohne spiegelglatte gefrorene Pfützen. Ohne das bunte Glitzern in der Sonne. Ohne das Knacken der Bäume unter ihrer schweren Last. Winter in Cagliari war einfach nicht dasselbe, wie Winter in Grenoble.

Seresa seufzte leise und kuschelte ihren Kopf im Halbdunkel des Morgens an die Schulter ihres Papas. Ihre Finger strichen sanft über seinen Oberarm, der einst so dick und stark war, dass er sie mühelos nach oben heben konnte. Nun aber war er nicht mehr als ein dünner Zweig, der unter der geringsten Last zerbrechen würde. Seresa schloss die Augen.

Nur einen kleinen Moment noch bei ihm bleiben. Nur einen kleinen Moment seinen Geruch einatmen. Nur einen kleinen Moment seine Wärme spüren. Nur einen kleinen Moment nicht alleine sein.

Eine Hand berührte ihre Wange. Streichelte sie sanft. Erschrocken schlug Seresa ihre Augen auf. Sie sah im Halbdunkel wie ihr Papa die Augen geöffnet hatte. Das erste Mal seit fünf - oder waren es gar sechs - Tagen. Seine langen, dünnen Finger strichen ihr die kurzen Haare hinters Ohr und ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen.

Seresa: „Papa!“

Seresa hatte sich aufgerichtet. Ein freudiges Lächeln lag auf ihren Lippen.

Seresa: „Papa!“

Doch statt einer Antwort senkte sich die Hand ihres Papas langsam zurück auf das Nachtlager und er schloss die Augen. Seresa senkte traurig den Kopf und seufzte. Die Zeit schien für einige Augenblicke still zu stehen, während sie das langsame, flache Heben und Senken des Brustkorbs ihres Papas betrachtete. Mit einer trotzigen Handbewegung wischte sie sich die Tränen aus den Augen und krabbelte aus dem Nachtlager. Seresa warf sich die Tunika über und zog sich an. Als sie fertig war, blickte sie noch einmal zu ihrem Papa. Er hatte die Augen noch immer geschlossen und lag ruhig da. Seresa seufzte noch einmal traurig, bevor sie mit einer etwas fröhlicheren Stimme in der Sprache ihrer Heimat mit ihm sprach.

Seresa: „Bis später, Papa.“

Dann verließ sie das Zimmer und schloss die Türe hinter sich.


~*~

Die Stunden vergingen. Als sie zur Mittagszeit zurück zur Domäne kam, verließ der Geistliche der Stadt gerade das Haus der Diener. Die Herrin wechselte einige Worte mit ihm, bevor er auf Seresa zukam. Er war schon alt und seine Miene zeigte eine Mischung aus warmer Güte und ehrlicher Sorge. Ehe Seresa wusste wie ihr geschah, legte er seine schwere, große Hand auf ihr Haupt. Fragend blickte ihn das kleine Mädchen aus ihren braunen Augen an. Als er begann in Latein zu sprechen, schloss sie ihre Augen.

Geistlicher:
„Benedicat tibi Dominus et custodiat te
Ostendat Dominus faciem suam tibi et misereatur tui
Convertat Dominus vultum suum ad te et det tibi pacem.
(Der HERR segne dich und behüte dich
Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig
Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.)“


Mit seinem Daumen zeichnete er ein kleines Kreuz auf Seresas Stirn. Seresa öffnete ihre Augen und sah nur noch, wie der Geistliche der Herrin zunickte, bevor er die Domäne verlies. Der fragende Blick des Mädchens wanderte zu der Frau in der Eingangstüre.

Herrin der Domäne: „Dein Vater ist… Stunden… mir…“

Seresa schüttelte den Kopf. Sie verstand nicht, was die Herrin sagte. Die Wörter die ihr Gegenüber verwendete, kannte Seresa nicht. Sie waren keine Worte, die häufig Verwendung fanden. Seresa wollte das Haus betreten, wurde jedoch von der Herrin an ihrem Oberarm festgehalten.

Herrin der Domäne: „Seresa. Nein. Er… nicht…“

Sie riss sich los. Sie mochte es nicht, wenn sie festgehalten wurde. Mit zügigen Schritten ging sie in das Zimmer neben der Küche. Das Zimmer in welchem ihr Papa und sie nächtigten.

Herrin der Domäne: „Seresa!“

Seresa stieß die Türe auf. Auf einem kleinen Tisch neben dem Nachtlager brannte eine frische Kerze. Daneben standen frische Blumen, die in eine Vase gestellt worden waren. Auf dem Nachtlager lag ihr Papa. Er trug neue, frische Kleider. War sauber gekämmt und gewaschen. Alles war so schön und Seresa lächelte leicht. Dann jedoch fiel ihr Blick auf die Diener des Hauses, die die Augen niederschlugen und sie mit bedauernden Blicken betrachten. Seresas Lächeln verschwand. Zu den Füßen der Diener befand sich das alten Lacken, sowie die alte Kleidung ihres Papas. Sie waren zusammengerollt und offenbar schmutzig.

Diener: „Mein…“

Die Stimmen der Diener waren gesenkt und mit einem knappen Nicken verließen sie mit den Stoffen den Raum. Die Türe wurde geschlossen und Seresa war allein. Erst jetzt sah sie es. In den gefalteten Händen ihres Papas, lag ein kleines hölzernes Kreuz.

Seresa: „Papa?!“

Langsam näherte sich Seresa und berührte die Hände ihres Papas. Instinktiv zuckte Seresa zurück und ihre Augen weiteten sich. Die Hände ihres Papas waren kalt. So eisig kalt.

Seresa: „Nein.“

Ihre Stimme war leise und fast gehaucht. Seresa schüttelte den Kopf und griff erneut nach den Händen ihres Papas. Nahm sie in die Ihrigen um sie zu wärmen. Kalt. So unendlich kalt. Sie spürte, wie ihre Beine nachgaben und sie sank auf die Knie. Die Hand ihres Papas weiter haltend. Den Kopf schüttelnd. Wieder und wieder das Wort Nein flüsternd.


~*~

Als die Dunkelheit über die Domäne hereingebrochen war, hatte der Herr der Domäne das Zimmer betreten. In seiner Hand eine Lichtquelle, die er neben der Schlafstätte auf den Boden stellte. Seresa lag bei ihrem Vater. Sie hatte sich an ihn gekuschelt. Versuchte ihn mit ihrem Körper zu wärmen. Die Kälte und die Starre, die sich über seinen Körper gelegt hatte ignorierend.

Herr der Domäne: „Steh auf.“

Seresa benötigte einige Augenblicke, bevor sie die Stimme zuordnen konnte. Alles hörte und fühlte sich dumpf an. So fern. So unendlich weit entfernt. Es schien sie nicht zu betreffen. Es schien sie nichts anzugehen. Es war nicht an sie gerichtet. Es war nicht wichtig. Es war dunkel. Alles war so dunkel. Sie war allein. Ganz allein. Allein in der Ferne. Allein in der Dunkelheit.

Herr der Domäne: „Steh auf sagte ich!“

Unsanft wurde Seresa aus dem Bett gerissen und auf den Boden geworfen. Sie spürte den Schmerz nicht. Spürte nichts. Mit ausdrucklosen Augen starrte sie nach oben zu dem Herrn der Domäne, der in der Landessprache zu ihr sprach.

Herr der Domäne: „Mir ist… … … Vater! Ich brauche keinen… Diener der… im Bett liegt! Du gehörst mir! Ich habe… Geld ausgegeben… deinen Vater…! Du schuldest mir… … …! Und du arbeitest… Geld…! Hast du das verstanden?!“

Er sprach schnell und Seresa blickte ihn nur verständnislos an. Sie kannte viele der Wörter nicht und vieles verstand sie nicht, da es nur gedämpft zu ihr drang. Der Schmerz der Ohrfeige ließ sie für einen kurzen Augenblick in die Realität zurückschrecken. Sie blickte ungläubig ihren Herren an, der sie am Oberarm packte und nach oben riss.

Herr der Domäne: „Ich fragte, hast du das verstanden?!“

Seresa riss sich los. Aus funkelnden Augen blickte sie auf den Herren der Domäne. Demjenigen, dem sie seit ihrer Ankunft in Cagliari alles verdankte. Der ihnen zu essen gegeben hatte. Der ihnen einen Platz zum schlafen gegeben hatte. Der ihnen Schutz geboten hatte. Der ihr Arbeit gegeben hatte… Der der sie gerade eben geschlagen hatte!

Seresa trat einen Schritt zurück und blickte auf ihren Papa. Er hatte sie nie geschlagen. Nicht, weil er keinen Grund dazu gehabt hätte. Nicht, weil sie es nie verdient hätte. Er hatte es schlicht nie getan. Wut stieg in ihr auf. Egal was der Herr von ihr dachte. Sie war nicht von niedrigerem Rang als sie. Der Herr des Hauses sah die Veränderung und ehe Seresa begriff was tatsächlich geschah, hatte sie eine erneute Ohrfeige zurück auf ihre Knie beförderte. Sein Finger war drohend gegen Seresa gerichtet.

Herr der Domäne: „Du wirst gehorchen oder ich werde dich… … …. deinem Vater vergraben!“

Das Mädchen kniff ihre Augen zusammen

Herr der Domäne: „Wage es ja nicht…“

Weiter kam er nicht, denn Seresa stieß ihn von sich und huschte an ihm vorbei. Für einen Moment blickte sie zurück. Zurück auf den Herrn der Domäne, der sie geschlagen hatte. Zurück auf ihren toten Papa.

Dann rannte sie. Sie rannte weg. Weg. Einfach nur weg. Soweit die Füße sie trugen. Weg von der Angst. Weg von dem Schmerz. Weg von dem Verlust. Weg von der Vergangenheit. Weg von dem Ort, der ihr nie eine Heimat gewesen war.

Hinein in die Ungewissheit.

Hinein in die Dunkelheit.

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Re: Von Licht und Dunkelheit [Seresa, Fluff]

Beitrag von Seresa » Fr 3. Nov 2017, 14:21

980 AD: Cagliari (heutiges Italien) -> Marseille (heutiges Frankreich)

Als sie drei Tage später erwachte, brannte die Sonne bereits auf ihren Körper. Langsam drehte sie sich auf den Rücken. Jede Bewegung schmerzte und ihre Augen waren verklebt. Kleine Steine und zerbrochene Muscheln stachen in ihre Hände, als sie sich mühsam in die Senkrechte drückte. Ihre Kleidung war durchnässt und voll mit dunklem, feuchtem Sand. Seresa rieb sich die Augen. Wo war sie?!

Ziellos war sie geflüchtet. Weg. Einfach nur weg. Tagelang war sie gerannt, bis ihr Körper unter der Erschöpfung zusammenbrach. Sie war gestolpert. War gefallen. Ins Nichts. Ins Dunkle. Nun war sie hier. Alleine. Umgeben von dunklen Steinen. Aufbrausenden Wellen. Nun da sie weg war, fiel die Angst über sie herein. Wohin sollte sie?! Sie war auf einer Insel. Umgeben von Wasser. Darauf gefangen. Unmöglich zu entkommen. Es war nicht das erste Mal, dass sie alleine war, doch für gewöhnlich hatte sie einen Ort, an den sie zurückkehren konnte. Ein Ort in dem Jemand auf sie wartete. Wo ihr Papa auf sie wartete. Gewartet hatte. Papa.

Seresa fühlte sich leer. So und endlich leer. Wie in Watte gepackt. Unfähig zu denken. Wieder und wieder sah sie, wie sie von ihm weggerissen wurde. Wie sie geschlagen wurde. Wie sie von dem kalten Körper, der sich nicht wärmen wollte, unbarmherzig weggezogen wurde. Er war so kalt gewesen. So unendlich kalt. Seresa legte ihre Arme um ihren Körper, während sie aufstand und sich umblickte. Sollte sie umkehren?! Vielleicht wäre der Herr gnädig mit ihr. Gewährte ihr erneut seinen Schutz. Ließ zu, dass sie am Grab ihres Papas stand. So schlimm waren die Schläge schließlich nicht gewesen. Sie hatten sie schließlich aus ihrer Starre gezogen. Weg von ihm. Aber sie hätte bei ihm bleiben wollen. Nur noch etwas länger. Nur noch eine kleine Weile. Er wäre wieder wärmer geworden. Sie war sich sicher. Sie hatten gelogen. Er war nicht tot. Er hatte nur geschlafen. Einer seiner langen Schläfe seitdem sie in Cagliari angekommen waren. Er wäre nicht ohne sie gegangen. Er hätte sie nicht alleine gelassen. Er war ihr Papa. Warum hätte er so etwas tun sollen?!

Seresas Augen füllten sich mit Tränen, während ihr Körper zitterte. Zitterte von der Kälte der Nacht, die bis in ihre Knochen gekrochen war. Zitterte von der Feuchte, die ihre Kleidung durchtränkt hatte. Zitterte unter den Gefühlen, die ihren Körper durchfluteten. Eine entfernte Stimme sprach zu ihr. Leise flüsternd. Warm. Eindringlich ihre Aufmerksamkeit suchen. Doch Seresa nahm sie nicht wahr. Ihr Blick war getrübt. Sie war nicht hier und doch hier zugleich. So fern. So unendlich fern.

Die warme Hand, die sich auf ihre Schulter gelegt hatte nahm sie nicht bewusst war. Seresa stand neben sich und leistete keinen Widerstand, als etwas auf ihren Kopf gedrückt und ein Umhang um ihre Schultern gelegt worden war. Die fremde Stimme war nicht mehr als das Geräusch des nahen Meeres, das weiter an die Küste brandete. Seresa ließ sich schieben. Führen. Sie bewegte sich, weil jemand anderes es wollte. Weil ihr Körper gelernt hatte zu gehen und dem Druck der auf sie ausgeübt wurde zu folgen. Seresa wurde weiterbewegt. Zu einem kleinen Haus. Zu einem Kochfeuer. Ihr wurde ein Gefäß in die Hand gedrückt und sie hielt es fest. Sie spürte, wie etwas über ihren Kopf strich. Sie zuckte weg. Wollte diese Berührung nicht fühlen. Doch die Hände waren erbarmungslos und Seresa zu schwach, um sich wirklich dagegen zu wehren. Sie ließ es geschehen. Das Gefäß wurde an ihre Lippen gedrückt. Sie wollte nicht trinken und doch schluckte sie, da ihr nichts anderes übrigblieb. Dann wurde sie alleine gelassen. Den Blick starr auf die Flammen vor ihr werfend, während der Rest der Welt hinter einem dunklen, verschwommenen Schatten verschwand.

Dunkelheit umschloss Seresa. Sie sah nichts. War blind. Sie blickte sich um. Schwärze und Einsamkeit. Das Gefühl allein zu sein. Ganz allein. Ein Geräusch?! Seresa wirbelte herum, doch nicht mehr als Dunkelheit. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Hinter ihr. Seresa drehte sich wieder um, doch erneut nichts mehr als die Schwärze. Seresa wich zurück. Stolperte. Fiel. Doch der Schmerz des Aufpralls blieb aus. Sie krabbelte rückwärts. Weg von der Gefahr, die sie spürte, jedoch nicht sah. Sie musste hier weg. Seresa drehte sich um und floh in Panik auf Händen und Füßen weiter. Erneut stolperte sie. Fiel. Raffte sich wieder auf. Erneut ein Geräusch. Seresa wechselte die Richtung und sah sich panisch um. Dunkelheit. Schwärze. Egal wohin sie sah. Verzweifelt warf sie den Kopf hin und her.

Seresa: „Hört auf! Hört endlich auf!“

Seresa brüllte in die Dunkelheit, die jedes ihrer Worte zu schlucken schien. Tränen der Verzweiflung stiegen in ihre Augen. Seresa hielt sich die Hände über die Ohren. Geräusche. Überall Geräusche. Die Schwärze um sie herum schien zu leben.

Seresa: „Geht weg! Geht endlich weg!“

Aus ihrer Verzweiflung wurde Wut. Seresa riss die Hände von den Ohren und ballte sie zu Fäusten. Wütend starrte sie in die Dunkelheit.

Seresa: „Lasst mich allein! Lasst mich endlich allein!“

Seresa schloss die Augen und schrie. Schrie, bis ihre Lungen versagten. Schließlich ließ sie sich erschöpft zu Boden fallen. Gab den Kampf auf. Gab sich den Tränen der Verzweiflung hin, die ihren Leib durchfluteten und erbeben ließen. Gab sich der Angst hin. Ließ es zu, dass die Dunkelheit über sie hereinschwappte und sie umschloss. Ließ zu, dass sie Teil von ihr wurde. Zu ihr wurde.

Die Zeit schien stillzustehen.

Doch plötzlich war da Stille. Frieden. Wärme. Wärme und Licht. Zart. Unscheinbar. Ein keiner Funke in der Ferne. Unscheinbar und mickrig. Und doch war er da. Für sie da. Er erhellte die Dunkelheit. Vertrieb die Schwärze. Schenkte Hoffnung. Zeigte den Weg. Zeigte ihr den Weg. Seresa öffnete die Augen. Sie kroch in Richtung des Lichts. Ihr Körper schmerzte. Ihre Lippen brannten und als sie mit der Zunge darüber leckte, schmeckte sie das Salz des Meeres, dass auf ihnen lag. Jede Bewegung verlangte ungeheure Kraft von ihr. Doch sie wurde wie eine Motte angezogen von dem Licht. Sie konnte nicht anders, als sich darauf zuzubewegen.

Weg von der Dunkelheit. Weg von der Schwärze. Weg von ihm.

Hin zum Frieden. Hin zum Licht. Hin zu ihr.

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Re: Von Licht und Dunkelheit [Seresa, Fluff]

Beitrag von Seresa » Mo 6. Nov 2017, 08:36

981 AD: Cagliari (heutiges Italien) -> Marseille (heutiges Frankreich)

Nacht um Nacht derselbe Traum.
Tag um Tag dieselben Mühen.

Je weiter Seresa gegen Norden wanderte, um so schuldiger fühlte sie sich. Es fühlte sich falsch an ihren Papa hier zurückzulassen. Hier in dieser fremden, unheiligen Erde. So weit entfernt von ihrer Mama. Soweit entfernt von allem, was ihm einst etwas bedeutete. Doch was blieb ihr schon anderes übrig?! Es gab für sie keinen anderen Weg. Jeden Tag entfernte sie sich weiter von Cagliari. Jeden Tag entfernte sie sich etwas weiter von ihm. Jeden Tag näherte sie Grenoble. Jeden Tag näherte sie sich etwas weiter ihr.

Tagsüber arbeitete Seresa für Jeden oder Jede, die bereit waren ihr eine Unterkunft für die Nacht und eine warme Mahlzeit zu geben. Nachts verfolgte sie dann wieder und wieder ein und derselbe Traum. Sie saß im Kloster in Grenoble, die strahlend weiße Schönheit dieser Frau bewundernd, bevor sie einige Momente später mit aller Gewalt in die kalte, schwarze Dunkelheit geworfen wurde. Jede Nacht aufs Neue schrak sie aus dem Traum auf. War alles was passiert war einzig und alleinig ihre Schuld gewesen?!

Als sie schließlich nach mehr als einem Mondwechsel Santa Teresa Gallura erreicht hatte, gab es für sie keinen Weg zu Fuß weiter in den Norden. Sie hatte das Ende der Insel erreicht. Im Hafen versuchte sie mit Händen, Füßen und ihren schlechten Sprachkenntnissen den Hafenarbeitern klar zu machen, dass sie zurück in ihre Heimat musste. Zurück nach Grenoble. Oder zumindest zurück nach Marseille. Doch die Männer lachten das kleine Mädchen in Jungenkleidung nur aus. Seresa wurde traurig und wütend zu gleich. Zornig setzte sie sich auf einen der Stege. Die Arme vor ihrem Körper verschränkt. Den Blick gegen Norden gerichtet. Ihre schlanken Beinchen baumelten über dem Wasser als sie am Steg saß. Im Hintergrund hörte sie weiter die Seemänner lachen und feixen über dieses naive Kind, dass eine kostenlose Überfahrt wollte. Einige Zeit verging und der Morgen graute bereits, als sich Seresa ein überaus hässlicher Mann näherte. Er sprach sie in einer Sprache an, die der ihrer Heimat nicht fremd war.

Mann: „Hörte du suchst ’ne Überfahrt, Kindchen?!“

Der Mann hatte gerade auf den Boden ausgespuckt, als Seresa sich zu ihm umgeblickt hatte. Seresa hatte sich erhoben und ihm zugenickt.

Seresa: „Ja, Monsieur.“

Der Mann betrachtete sie eingehend von oben bis unten. Umrundete sie leicht und musterte sie in der Art und Weise, wie man Vieh musterte.

Mann: „Was bist’n bereit dafür zu tun, Kindchen?!“

Ein zwielichtiges Lächeln umspielte seine Lippen, die er begierig zu lecken schien. Seresa zögerte einen kurzen Moment. Vor ihrem geistigen Auge erschien die Zeichnung dieser wunderschönen Frau. Ja, sie würde alles tun um diese Zeichnung wiederzusehen. Alles opfern.

Seresa: „Alles, Monsieur.“
Mann: „Alles?... So, so!... Woll’n w’r seh’n!“

Der Mann musterte sie erneut, zog Luft durch die Nase und spuckte erneut aus.

Mann: „Na dann komm’ ma’ mit, Kindchen!“

Er drehte sich um und winkte ihr mit dem Arm, dass sie folgen sollte.

Seresa: „Mein Name ist Seresa, Monsieur.“
Mann: „Das is’ nich’ so wichtig, Kindchen.“

Seresa war dem Mann über eine schmale Planke auf eines der Schiffe, die im Hafen lagen gefolgt. Er brachte sie unter Deck in eine kleine Kajüte. Kaum mehr als ein Bett fand darin Platz. Die Luft war stickig, salzig und feucht. Der Raum war dunkel und einzig die Lampe in der Hand ihres Begleiters spendete Licht.

Mann: „Darein.“

Ehe Seresa wusste, wie ihr geschah, wurde sie unsanft hineingestoßen und die Türe hinter ihr geschlossen.

Dunkelheit umgab sie für den Rest der Reise. Nicht ein einziges Mal sah sie die Sonne. Nicht ein einziges Mal wehte der Wind um die Nase. Nicht ein einziges Mal kletterte sie. Nicht ein einziges Mal wanderte ihr Blick über die blauen Weiten. Da war nur Dunkelheit. Andauernde, beängstigende, abscheuliche Dunkelheit. Unterbrochen von kleinen Phasen des Lichtes, als ihr zu Essen gegeben wurde. Essen, dass sie nur widerwillig herunterwürgte, da der Drang zu Leben größer war, als die Sehnsucht zu Sterben. Welch großen, fürchterlichen Preis hatte sie doch für die Überfahrt gezahlt?!

Die Dunkelheit ergriff von ihr Besitz. Stück für Stück. Tag um Tag. Nacht um Nacht. Äußerlich und Innerlich. Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat etwas mehr. Furcht keimte in ihr auf. Furcht vor dem Knarzen der schweren Schritte. Furcht vor dem salzigen Geruch des Meeres. Furcht vor der Dunkelheit die niemals leise war. Furcht vor dem lauten Klatschen der starken Wellen, die gegen das blanke, feuchte Holz schlugen. Wieder und wieder drang das unbändige Meer durch unterschiedliche Löcher herein. Seresa wollte schreien, doch ihre Schreie erstickten in der Dunkelheit. Sie schickte stumme Gebete gegen Himmel, doch sie wurden nicht erhört. Sie wollte sich wehren gegen das Gefühl von Angst und Machtlosigkeit, doch mehr und mehr fehlte ihr die Kraft. Sie weinte, doch die Dunkelheit verschluckte jedes ihrer Gefühle. Schließlich gab sie auf. Seresa ließ die Dunkelheit einfach über sich ergehen, bis nichts mehr von ihr zurückblieb, als eine leere, gefühlslose und seelenlose Hülle.

Als Seresa nach mehreren Monaten in Marseille von Bord ging, war sie wie tot. Ihr Blick ging in die Ferne und war ausdruckslos. Der Körper war ausgemergelt von der Dunkelheit und der kargen Kost. Ihre Arme waren schützend dicht um ihren Körper geschlungen. Sie kam nur wenige Meter weit, bevor sie nahe einer Mauer zu Boden ging. Den Kopf gesenkt und verborgen. Sie war freiwillig durch die Dunkelheit gegangen und die Dunkelheit hatte für sie Gestalt angenommen. Hatte sich ihr gezeigt. Hatte das Grauen und die Monster gezeigt, die in ihr wohnten. Seresa war in ihrer Heimat, doch welch unsagbares Opfer hatte sie dafür gezahlt?!

Tag um Tag dieselben Mühen.
Nacht um Nacht dieselben Alpträume.

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Re: Von Licht und Dunkelheit [Seresa, Fluff]

Beitrag von Seresa » Di 14. Nov 2017, 14:23

982 AD: Grenoble (heutiges Frankreich)

Dunkelheit. Blut. Tränen. Schweiß. Eineinhalb Jahre lang. Doch sie war zurückgekehrt. Zurück nach Grenoble. Zurück in ihre Heimat. Dorthin, wo alles begonnen hatte. Sie war ein schwachen Schimmern von Licht gefolgt. Einem Funken Hoffnung.

Dunkel war die Nacht in der Nähe der Abtei. Die Schafe weideten friedlich auf der Weide. Seresa lag auf dem Rücken. Die Hände unter ihrem Kopf. Über ihr das glitzernde und immer dunkle Sternenzelt.

Sie war durch die Dunkelheit gegangen um hierher zurück zu kommen. Um erneut zu spüren, was sie damals spürte. Um das zu finden, was ihr Herz wahrlich berührte. Um Erleuchtung zu finden. Doch es war weg gewesen. Das Abbild, welches sie vor fünf Jahren in der Abtei gesehen hatte war verschwunden. Sie wusste nicht wohin. Sie hatte es in der kleinen Kammer nicht wiedergefunden. So sehr sie sich auch bemüht und danach gesucht hatte. Alles war umsonst gewesen. All die Opfer, die sie erbracht hatte. All die Dunkelheit, die nun zu einem verabscheuungswürdigen Teil ihrer selbst geworden war.

Seresa seufzte schwermütig, während sie sich auf den Bauch rollte. Ihre Hände spielten sanft mit den Grashalmen. Richteten sie fast schuldbeladen wieder auf. Seresa blickte fast traurig auf sie.

Sie würde für immer alleine sein. Alleine bleiben. Alleine in dieser grässlichen Dunkelheit.

Seresa schloss die Augen und legte ihren Kopf auf dem Gras ab. Tränen füllten ihre Augen, während sie sich der unkontrollierbaren Dunkelheit hingab.

Eli, Eli, lema sabachtani?

~*~

Leises Knirschen von Kies unter Schuhen ließ Seresa ihren Kopf heben. Müde rieb sie ihre Augen. Träumte sie?! War sie wach?! Wieviel Zeit war vergangen?! Es war noch immer finsterste Nacht um sie herum. Entlang des Weges sah sie eine kleine Prozession in Richtung des Klosters schreiten. Die Häupter der Gruppe waren verborgen und nur zwei Fackeln an der Spitze der Prozession erleuchteten die Nacht. Seresa wusste nicht wie ihr geschah, fühlte sich jedoch wie von einem unsichtbaren Faden gezogen. Sie konnte nicht anders. Unauffällig folgte sie der Prozession, bis sie schließlich im Inneren der Klostermauern verschwand. Sie zögerte einen Moment. Legte ihre Hände an das Gemäuer. Bevor ihr wusste was sie tat, begann sie bereits zu klettern.

Mit ruhigen und geübten Bewegungen erklomm sie das Gebäude. Huschte über die Steine. Kletterte durch eine Öffnung im Gemäuer und fand sich im Inneren wieder. Es dauerte einen Augenblick, doch Seresa fand die Gruppe wieder und folgte ihr, bis diese eine kleine Kapelle im Inneren erreichten. Die Gruppe war davor stehen geblieben und unterhielt sich gedämpft. Seresa versuchte in eine Position zu gelangen, aus welcher sie die Gruppe besser betrachten konnte. Als sie mit ihren fast gleichauf war versteckte sie sich.

Die Männer der Gruppe entblößten ihre Häupter, um in die Kapelle selbst zu treten. Nur ein einziges Haupt blieb bedeckt. Als das Gesicht der Frau in ihrer Mitte vom Fackelschein erhellt wurde, entfuhr Seresa ein tiefer Seufzer. Erschrocken über sich selbst hielt sie sich die Hände vor den Mund. Doch schien sie niemand gehört zu haben. Mit Ausnahme dieser wunderschönen Frau in ihrer Mitte. Der Engel, der aus der Zeichnung auferstanden zu sein schien. Diese wunderhübsche Frau, die alarmiert und dann mit einem milden, verschworenen Lächeln in ihre Richtung blickte. Danach verschwand die Gruppe in einem der Seitengänge, während Seresa aus ihrem Versteck kletterte. Seresa zitterte und ihre Augen waren voller Tränen. In all der Dunkelheit die sie umgab, hatte sie endlich Licht gesehen.

Mit wild schlagendem Herzen war Seresa aus der Abtei geschlichen. Sie hatte sich so postiert, dass sie der Frau, sobald sie den Ort verlassen würde, folgen konnte. Wohin dieses Licht auch immer gehen würde. Seresa würde folgen.

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