Wo Engel weinen [Rennard]

[Juni '16]

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Melissa
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Wo Engel weinen [Rennard]

Beitrag von Melissa » Do 16. Jun 2016, 15:35

Es begab sich eines Nachts im düsteren Genua, dort in der schmalen Senke zwischen Appeningebirge und dem Golf, wo die Seeluft hin und wieder den Dunst der Stadt vertreibt, eine seltsame Geschichte.
Seltsam, insofern sie von den Toten handelt.
Dennoch steht sie durchaus für das Leben und den Geist dieser Stadt, die bei Tage voll vom Geschrei der Möwen und der Leute war, vom pulsierenden Leben einer aufstrebenden Hafenstadt. Bei Nacht nämlich krochen die Leichen aus ihren Särgen und Grüften und gruben ihre gierigen Finger in das gedunsene Fleisch der Stadt. Kaum ein Priester, Händler, Patrizier oder gar Ritter, der nicht in ihrem Bann stand. Kaum eine Sitzung des Senats, die sich nicht vom Gezänk der Toten vergiftet fand. Ihre unsichtbaren Finger lauerten überall.
Die Geschichte trug sich folgendermaßen zu.

In dieser Nacht begab es sich, irgendwann in den kurzen Stunden nach Mitternacht, dass eine Frau auf dem Platz der Weinenden Engel aufzufinden war. Auf eben diesem Platz befand sich zu jener Zeit noch eine Statue, die kaum einige Jahrzehnte dort gestanden hatte. Ein gütiger Engel, die Hände vor der Brust gefaltet, den edlen Blick auf das Leid der Welt gesenkt und darüber eine Träne vergießend.
Melissa die Tzimisce erwiderte den steinernen Blick unverzagt.
Zuletzt geändert von Melissa am Fr 17. Jun 2016, 12:40, insgesamt 1-mal geändert.
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Rennard
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Re: Wo Engel weinen [Rennard]

Beitrag von Rennard » Do 16. Jun 2016, 16:04

Sie stand eine Weile, die Stille der Nacht um sich gesenkt, als ein dumpfer Ton diesen Frieden durchbrach. Es war das Geräusch von Holz, das sich wiederholt in den sandigen Boden hinter Melissa's Rücken bohrte. Mit langsamen, aber unnachgiebigen Schritten näherte sich ein alter Mann. Weiß und eingefallen genug als dass es keine Rolle mehr spielte, wie alt genau er war. Seine Haltung war leicht über einen knotigen Stock gebeugt, erhielt sich aber eine stolze Würde, die auch in seinen Augen wohnte. Als würde sein Wille weiterzuleben, ihn an diese Welt binden, schien er seinen körperlichen Gebrechen zu trotzen und kam bald neben Melissa zum Stehen um die Engelsstatue ebenfalls zu betrachten. Skepsis, ja beinahe Misstrauen lag in diesem Blick, so als wäre der Engel lebendig und er halte seine Trauer für eine Lüge.

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Melissa
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Re: Wo Engel weinen [Rennard]

Beitrag von Melissa » Fr 17. Jun 2016, 12:55

Die Nase der Tzimisce blieb weiterhin auf den Stein gerichtet. Zuerst erreichte das sandige Geräusch Rennards ihre Ohren - dazu brauchte sie die Augen nicht. Sie konzentrierte sich einen Augenblick nur darauf. Auf das Knirschen des Stockes in der Erde, das in regelmäßigen Abstände zwischen den Schritten hinter ihr zu hören war.
Sie schloss die Augen und die Nacht rückte näher an sie heran. Die Sterne im Firmament begannen zu strahlen wie kleine Lampen. Der Stein verströmte einen Geruch nach Staub und alter Sonne. Die Nachtluft wurde dick, legte sich wie ein Mantel um Melissa und strich ihr mit Spinnenhänden durch die Haare und die Nüstern.
Ein Hauch von Blut lag in der Luft, dampfte auf dem kalt gewordenen Stein vor sich hin. Altes Blut. Sechsunddreißig Jahre alt etwa.

Die Drachin öffnete die Augen wieder und fand den Malkavianer neben sich stehend.
"Guten Abend", begrüßte sie ihn.
Auf eine gewisse Art hatten die Gedanken des alten Mannes sogar Recht gehabt. Auf eine gewisse, perverse Art war die Statue lebendig. Oder jedenfalls lief ein Ding durch die Nacht, das seine Gesichtszüge trug. Das fraß und Gewalt übte, wie es die Lebendigen auch tatetn. Das sich bewegte und Gesetze verhängte und sie eifersüchtig bewachte.

"Glauben Sie an Geister?", fragte Melissa ganz unverblümt. Ihre Stimme war zart und sanft wie die Hand einer Mutter. Sie flüsterte, obwohl sich niemand sonst auf dem Platz befand, obwohl ihre Stimme ohnehin auf Zehenspitze durch die Nacht schlich.
In ihren Ohren dröhnte sie.
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Rennard
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Re: Wo Engel weinen [Rennard]

Beitrag von Rennard » Fr 17. Jun 2016, 16:13

Schnell begann der Alte sich zu fragen, was er hier eigentlich wollte. Die Statue war eines der wenigen Dinge, die ihre Bestimmung, nicht lebendig zu sein, einhielten. Dann säuselte die Stimme der jungen Dame neben ihm in seinen Ohren. Das weiße Haupt drehte sich herum um sie zu betrachten, der kühle Nachtwind fand in seinem spinnwebdünnen Haar ein zu Hause. So ein unbescholtenes, hübsches Mädchen. Er guckte sich sogleich nochmals auf dem gesamten Platz um, fand aber niemand anderen, den sie gemeint haben konnte. "Guten Abend." erwiderte er schließlich hastig um sein Zögern nicht über zu betonen. Er erreichte freilich das Gegenteil.

Ihre Frage war auf faszinierende Art ungewöhnlich. "Glauben Sie an Geister?", keine Gewissheit, keine Egozentrik, stattdessen Distanz. Seine Augen krochen zu der Statue zurück und musterten deren Gesicht, dann wieder Melissa's. "Ja, das tue ich." er biss sich auf die Zunge um dort aufzuhören und abzuwarten, ob sie auf etwas hinaus wollte. Er konnte versuchen, nachzuhelfen "Wie steht es mit Ihnen?"

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Re: Wo Engel weinen [Rennard]

Beitrag von Melissa » Sa 18. Jun 2016, 00:47

"Ich bin nicht sicher" lautete die Antwort.
Die weiße Stirn der Dame legte sich in Falten. Der alte Mann sah, wie sie sich die Wangen zerbiss, wie das Fleisch sich bewegte, wie die Zähne darunter kauten. Sie dachte nach. Schließlich wandte sie den Blick zu Rennard. Nicht unfreundlich, aber distanziert.
"Ich würde gerne daran glauben, denke ich."

"Aber was tot ist, ist tot. Na, die meiste Zeit zumindest. Ich hatte nie, wie sagt man? Besuch aus der anderen Welt."
Ein Ausdruck von Schmerz huschte über ihr Gesicht, scharf stieß er in ihr Herz, auch nach all den Jahren noch. Schmerz über Verlust, über die Wahrheit ihrer eigenen Worte. Ein wenig Scham vielleicht, dass sie es immer noch versuchte, jeden Morgen versuchte, wenn sie in ein Grab kroch, das nicht ihres war, um für fünf Minuten nur jemandem nahe zu sein, den Gott zu sich geholt hatte.
"Egal wie sehr ich es auch versucht habe.
Aber jetzt, jetzt gerade...Hören Sie?"


Der Wind, der heulte, der den Staub aufwirbelte und ihn in die Haarspitzen und die Nüstern trieb. Der Streiche spielte. Jedenfalls, wenn man nicht allzu genau hin hörte.
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Re: Wo Engel weinen [Rennard]

Beitrag von Rennard » Mo 20. Jun 2016, 10:02

Er hörte dem Mädchen aufmerksam zu. "Na, die meiste Zeit zumindest." ein seltsam passender Zusatz, den er in Gedanken vielleicht selbst gemacht hätte, wäre sie ihm nicht zuvor gekommen. Aber schnell wurde ihm bewusst, was sie war. Ihr Gesicht verriet mehr, als ihre Frage es getan hatte. Diese war ihm zuerst als einfache Plauderei erschienen. Aber nun ahnte er einen anderen Zusammenhang, in dem die junge Frau nachts zu dieser Engelsstatue kam und über die Toten nachdachte. Eine Sorgenfalte zerknitterte sein altes Gesicht noch etwas mehr, als er abermals den Engel betrachtete und Rennard verspürte eine bittersüße Freude darüber, die ihm falsch vorkam.

Auf ihre Aufforderung hin lauschte er in den Wind. Sein Mund verzog sich nachdenklich abwägend. War da etwas gewesen?
Als der Moment verflogen war seufzte er schwer. "Es ist nicht leicht, die gehen zu lassen, die aus dieser Welt scheiden, besonders wenn sie uns hier auf Erden begleitet haben. Ich habe in meiner Zeit einige Male diese Erfahrung gemacht und bin selbst noch immer hier." der Alte machte eine Pause und fügte dann hinzu "Diese Welt ist kein Paradies." er deutete mit seiner freien Hand in Richtung der Statue. "Es heißt, dass die Toten in einer besseren Welt sind." langsam und wehmütig schüttelte er den Kopf "Jene, die noch hier weilen haben kein einfaches Los und machen das der... Menschen noch härter." er räusperte sich und nahm Melissa in prüfenden Augenschein. Er konnte es sich nicht verkneifen "Ihr sagtet, was tot sei, sei nur 'die meiste Zeit' tot. Sprecht Ihr dabei nur von uns?"

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Re: Wo Engel weinen [Rennard]

Beitrag von Melissa » Di 21. Jun 2016, 21:45

Sie lauschte dem Wind noch einen Augenblick länger, die Ohren aufgestellt, die Augen auf den Rand ihres Blickfeldes gerichtet, die Lippen atemlos geöffnet.
Zu seufzen wagte sie aber nicht, schüttelte nur sanft den Kopf. Im dünnen lIcht des Mondes sah Rennard deutlich die Züge ihres Gesichts, die abgekämpft wirkten und alt. Älter als dreißig, vierzig Jahre. Älter noch als sie aussah. Ihr Blick wanderte wieder zu dem in unendlicher Traurigkeit gefangenen Engel zurück.
"Ja. Vielleicht. Ich hoffe es. Ich hoffe, niemand außer uns muss dieses Schicksal ertragen. Ich hoffe wir sind allein in der Nacht. Den Gedanken, dass Andere diese Qualen leiden, könnte ich nicht ertragen.
Abermals schüttelte sie den Kopf, ohne den Blick abzuwenden.
"Ich hoffe, es gibt keine Hölle", gestand sie. "Keine andere als diese hier, meine ich. Ich hoffe, dass sie an einem besseren Ort sind. Wo sie Gott nahe und frei von Sorgen sind."

Die Tzimisce legte eine Hand auf den warmen Stein vor sich. Nacktes Fleisch legte sich auf die Ewigkeit, fasste an den Saum des berobten Engels. Eine gedankenlose Geste, wie viele Bewohner der Stadt sie taten. Um einer lokalen Legende die Ehre zu erweisen, um Tränen Ausdruck zu verleihen.
Sie fand ihre Stimme wieder.
"So muss es aber nicht sein, oder? Dieser Ort muss keine Hölle sein, mit Mord und Folter und Totschlag. Es muss...es muss einen anderen Weg geben, oder? Kann Gott gewollt haben, dass die Erde, die er uns anvertraut hat, so besudelt wird?"
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Re: Wo Engel weinen [Rennard]

Beitrag von Rennard » Mo 27. Jun 2016, 17:22

Der Alte zog die Stirn kraus, dann brummte er nachdenklich. "Wenn es doch nur so wäre..." es wurde zu einem Murmeln gegen Ende hin. "Es lässt sich von außen schwer sagen, welche Qualen auf einer Seele lasten. Aber die Menschen scheinen stets die... 'Beute' in diesem Spiel zu sein und haben entsprechend zu leiden." ihre Bemerkung über eine Hölle quittierte er zunächst nur mit einem sich verhärtenden Gesichtsausdruck. Erst als sie wieder auf das Diesseits zu sprechen kam, hellte sich seine Miene auf und er guckte sie interessiert, ja fast schon überschwänglich an. "Nein. Nein, so muss es nicht sein! Manchmal scheint es zwar unmöglich, diesen Zustand zu ändern, aber wer kann das schon wissen? Wir können nur an das Eine oder Andere glauben. Und würde ich es für unmöglich halten, wäre ich schon in die Sonne gegangen. Ob 'Gott' damit zutun hat, weiß ich nicht. Es wäre freilich interessant, sich mal mit ihm darüber zu unterhalten." das Schnaufen am Ende des Satzes klang, als hätte er einen Scherz gemacht.

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Re: Wo Engel weinen [Rennard]

Beitrag von Melissa » Fr 8. Jul 2016, 01:40

Die Dame fasste sich auf seinen Scherz hin vor die Brust, ganz reflexartig zuckte ihre Hand zu dem Kreuz, das sie dort trug. Sie blickte den älteren Herren an, als hätte er sie geohrfeigt. Als hätte er einen äußerst anzüglichen Witz getan.
"Ich...ich denke es ist möglich", sagte Melissa und bemühte sich um ihre Stimme.
"Ihr und ich, wir beide sind schon darum gebeten worden, daran mitzuwirken. Und wir beide sehen auch, wie nötig es sein muss. Aber..."

"Aber ihr dürft den Namen des Herrn nicht missbrauchen. Woran sollen wir glauben, wenn nicht an ihn? Woran sollen wir glauben wenn nicht an die Erlösung von dieser Welt und unserer Sünde, an die Gnade Gottes?"
Die Hand noch am Kreuz wandte sie sich wieder in die Statue, die ein ihr nur zu bekanntes Gesicht trug. Ihre Stimme erleuchtete, wie von innen, ohne in jenes fanatische Feuer abzugleiten, das die Urteilskraft so trübte. Nur der verzweifelte Wille war zu hören, an etwas zu glauben.
"Ich mag nicht an jeden seiner Diener glauben, auch nicht an all diejenigen, die behaupten seine Diener zu sein. Aber ich glaube an ihn und an seine Herrlichkeit."
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Re: Wo Engel weinen [Rennard]

Beitrag von Rennard » Di 19. Jul 2016, 15:02

Mit einer beschämten Geste rieb sich der alte Mann die Nase, als er das Erschrecken Melissa's auf seine Bemerkung sah. Er war zu weit gegangen. Nun bemühte er sich, so gut es ging, die Sache zu ignorieren. Welchen Schaden würde es schon anrichten, wenn sie der Schrift glaubte? Also nickte er beipflichtend, vielleicht auch entschuldigend.

"Euer treuer Glaube rührt mich und ich bete, er möge uns in dieser Angelegenheit Beistand bringen. Nicht oft zeigt sich eine göttliche Hand, die das Leid auf Erden vertreibt, doch das darf uns nicht den Mut rauben: 'Lasset uns aber Gutes tun und nicht müde werden, denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten.'" sprach er in einem leicht erhobenen Tonfall, der den letzten Satz wohl hervorheben sollte. Anschließend räusperte er sich aber und linste misstrauisch zu dem Engel hinüber, als erwarte er auf dessen Gesicht ein spöttisches Grinsen.

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