Die harte Schule des Lebens (Alerio)

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Maria Penthesilea
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Die harte Schule des Lebens (Alerio)

Beitrag von Maria Penthesilea » Di 19. Apr 2016, 19:20

Es war ein Gedrängele, ein Geschrei und Gezeter. Kinder schubsten andere Kinder, einige lachten, andere weinten, ein Tumult aus Stimmen und Geräuschen. Keiner schien Notiz von dem etwas blasseren Straßenjungen in ihrer Mitte zu nehmen. Dafür wandten sie immer wieder gespannt die Köpfe zum Eingang des kleinen Hinterhofs.

Schließlich öffnete sich die Pforte langsam und knarrend. Die Geräusche erstarben schnell, als ein weiterer Straßenjunge eintrat. "Matteo" flüsterten einige. "Der Marder", "...flogen aus dem Nichts...", "...bleib lieber zurück...", ein leises Geraune. Respektvoll.

Matteo lächelte den anderen Kindern zu, schüttelte einigen die Hände, wirkte älter als er eigentlich war. Selbstsicherer. Dann folgte ihm eine junge Frau. Eine Bäuerin vielleicht, ihrer Kleidung nach. Aber irgendetwas kam Alerio an ihr sehr bekannt vor. Der sanfte Schritt, das freundliche Gesicht. Auch sie lächelte den Kindern zu, ließ ihren Blick über die Gesichter schweifen.

Einen Moment zu lang blieb er an Alerio hängen.

Schließlich bauten sich die beiden vor der Menge auf. Die Frau beugte sich zu Matteo, flüsterte etwas. Der Junge nickte, ernst, und ging langsam wieder zur Tür, während ihm alle Blicke folgten. Verließ den Hof.

"Also..." zog die Stimme der Frau die Aufmerksamkeit auf sich. "Wer möchte mir zeigen, was er gefangen hat?"

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Alerio
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Re: Die harte Schule des Lebens (Alerio)

Beitrag von Alerio » Mi 20. Apr 2016, 22:49

Alerio hatte nicht gewusst, was ihn erwarten würde, als er sich nach Broglio aufgemacht hatte. Er hatte Gemunkel gehört, dass sich ein kleiner Junge dort einen Namen gemacht hatte unter den Straßenkindern Genuas. Neugierig war er also losgegangen, um zu sehen, was es mit diesem Matteo auf sich hatte.

Die Menge der Kinder fand er dann doch überraschend. Mit so vielen hatte er nicht gerechnet. Er mischte sich unter sie, was für ihn natürlich nicht weiter schwierig war.
Schnappte hier und da einige Wortfetzen auf, aber nichts woraus er wirklich schlau wurde, also wartete er.

Als der Junge dann endlich erschien und mit ihm die Frau, beobachtete er die beiden, so gut es ihm möglich war in dem Gedränge aus schreienden Kindern.
Den Jungen hatte er noch nie gesehen, soweit er es beurteilen konnte, doch die Frau kam ihm bekannt vor. Er war sich nicht sicher. Er hatte das Gefühl sie schon mal gesehen zu haben, aber wusste nicht wo.
Als sie ihn ansah, verstärkte sich das Gefühl. Vielleicht in anderer Kleidung?
Er überlegte und als sie die Kinder fragte, was diese gefangen hätten, dämmerte es ihm langsam oder mehr war es eine Vermutung. Vielleicht eine der Nonnen? Er war sich nicht sicher, ohne die typische Nonnentracht, in der er sie alle kennengelernt hatte, sah sie anders aus und den anderen Frauen, neben Maria Penthesilea hatte er bisher nur wenig Beachtung geschenkt.

Unabhängig davon wer sie nun war, würde er weiterhin zusehen, was sie hier vor hatte.

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Maria Penthesilea
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Re: Die harte Schule des Lebens (Alerio)

Beitrag von Maria Penthesilea » Do 21. Apr 2016, 09:18

Die Frau beugte sich nieder und begutachtete das, was ihr gebracht wurde. Eine tote Ratte. "Schleuder? Sehr gut. Am Kopf getroffen?" "Und in der Bewegung!" sagte der kleine, abgemagerte Junge stolz. Die Frau nickte. Dann blickte sie an ihm herunter. "Aber!" Er erstarrte. Sie lächelte. "Du hättest sie essen sollen. Der Kopf hätte genügt. Du brauchst Essen. Musst stark bleiben!" Der Junge nickte eilig. "Jetzt nicht mehr", sagte die seltsame Bäuerin. "Nicht mehr gut. Nächstes Mal!"

Ein kleines Mädchen trat vor, öffnete die Hand vorsichtig. Die Frau grinste. Alerio konnte im schlechten Licht nicht erkennen, was darin lag. "Gut, gut..." Der struwwelige Kopf wurde getätschelt. Eine rustikale, aber zärtliche Geste. "Bring mehr. Überwinde die Furcht. Du bist der Jäger. Sie sind die Beute." Mit spitzen Fingern griff sie in die Hand des Mädchens, zog die Spinne hervor und begutachtete sie. Dann reichte sie das Tier zurück. Das Mädchen zuckte zusammen, aber blieb stehen und lächelte schwach.

So ging es weiter, die Kinder brachten ganz verschiedene Dinge. Rattenschwänze, ein Kaninchenfell (seltsam zerstochen), ein halbes Eichhörnchen, Vogeleier und - soweit Alerio das erkennen konnte - sogar eine Geldbörse. Die seltsame Frau nahm alles entgegen, lobte hier, schalt da ein wenig, gab die Dinge dann ohne Ausnahme zurück.

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Re: Die harte Schule des Lebens (Alerio)

Beitrag von Alerio » Do 21. Apr 2016, 22:30

Alerio war sich jetzt sehr sicher, dass sie eine der Nonnen war, so wie sie sprach und den Kindern Jagdtipps gab. Er wusste nur nicht mehr welche. Es war nicht Maria Penthesilea, diese hätte er erkannt. Er wusste aber auch nicht mehr, wie die anderen beiden hießen und wer wusste schon, ob es nicht noch mehr von ihnen gab?

Er würde gern mit ihr sprechen, obwohl er sich schon vorstellen konnte, was sie sagen würde. Dass sie die Jagd lehrten. Dennoch wollte er sicher gehen, dass den Kindern keine Gefahr von Seiten der Nonnen drohte. Doch hier zwischen all den Kindern war nicht daran zu denken irgendetwas zu ihr zu sagen. Er starrte sie an und wartete. Wenn die Kinder gehen würden, würde er zurück bleiben und die Nonne in einem geeigneten Moment ansprechen.

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Re: Die harte Schule des Lebens (Alerio)

Beitrag von Maria Penthesilea » Fr 22. Apr 2016, 15:44

"Nun üben wir Fallenbau", erklärte die vermeintliche Nonne. "Luccio, deine Falle war gut. Führe vor. Ihr anderen, heran. Besonders die neuen." Sie nahm einige Seile aus ihrem Umhängebeutel. Darunter erahnte Alerio ein langes Messer, unauffällig verborgen, aber griffbereit. Eines der Seile wurde an den angesprochenen Jungen gereicht, der nun leise und nervös begann, den anderen Kindern die Basis des Fallenstellens zu erklären.

"...da wo die Tiere laufen", ergänzte die seltsame Frau. "Nun seid ihr dran." Sie reichte die Seile herum. "Macht die Schlinge. Wie Luccio." Vor Alerio blieb sie stehen und grinste ihn an, während sie ihm das Seil reichte. "Auch gut zum Wieselfangen. Wenn man den Hühnerstall schützen will", erklärte sie in die Runde.

Dann schritt sie weiter, verteilte die Seile. Um den kleinen Lasombra herum versuchten sich die Straßenkinder an ihren Schlaufen.

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Re: Die harte Schule des Lebens (Alerio)

Beitrag von Alerio » So 24. Apr 2016, 11:39

Er schmunzelte leicht, wissend und erkennend, als sie zu ihm kam. Sagte aber nichts, auch nicht zu der Bemerkung des Wieselfangens. Dann würde er einfach mal mitspielen. Es war auf jeden Fall mal ein anderer Zeitvertreib. Und er fand es gut, dass sie den Kindern etwas nützliches beibrachte. Etwas dass sie besser überleben lies.

Er nahm das Seil in beide Hände und versuchte eine Schlinge zu bauen, wie sie vorgemacht worden war.

Geschick + Überleben
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Re: Die harte Schule des Lebens (Alerio)

Beitrag von Maria Penthesilea » So 24. Apr 2016, 21:50

Die Lehrerin nahm die Schlingen der Kinder nach und nach entgegen, lobte hier, schalt dort, gab Ratschläge und Hinweise. Als Alerio an die Reihe kam, begutachtete sie seinen Knoten eine Weile, nickte dann und reichte ihn zurück. "Zweckmäßig. Nicht schön, aber zweckmäßig", befand sie und wandte sich dem nächsten Kind zu. Einzig ein Zucken im Mundwinkel verriet, dass ihr das Ganze offenbar Spaß machte.

Als die Kinder wieder auf ihren Plätzen saßen, da faltete sie die Hände auf dem Schoß und schloss die Augen. Erwartungsvolle Stille breitete sich aus. Schließlich begann sie zu sprechen. "Der Wolf war verletzt und es war Winter. Er lag in seiner Höhle und hungerte. Der Hunger biss in seinem Bauch. Da roch er etwas! Einen Hasen!" Sie reckte die Nase in die Luft und schnupperte.

"Der Hase bemerkte den Wolf erst, als es fast zu spät war. Dann sprang er rasch zurück. Und wollte fliehen! Aber der Wolf sagte mit schwacher Stimme: 'Hase! Ich sterbe!' 'Gut!', sagte der Hase voll gerechtem Zorn. 'Du und deinesgleichen, ihr tötet uns. Fresst uns! Stirb schneller!' Der Wolf nickte schwach und sagte: 'Du hast recht. Und nun, wo ich auf dem Totenbett liege, bereue ich. Doch gab Gott mir nur Fleisch zum Essen. Und ich wollte doch leben.'"

Sie legte den Kopf zur Seite. "Der Hase hörte das und fühlte wider Willen Mitleid. 'Nur Fleisch? Aber was ist mit Beeren? Und Kräutern? Und gutem Gras?' 'Das habe ich nie probiert', sagte der Wolf leise und nachdenklich. 'Ist es gut?' Dem Hasen kam eine kluge Idee. Und er brachte dem Wolf einige Beeren. Einige gute Blätter. Wurzeln. Was er eben finden konnte, was er nicht selbst brauchte. 'Wenn der Wolf dies frisst', so dachte er, 'wird es ihm schmecken. Und er wird mich nicht fressen. Vielleicht wird er auch anderen Wölfen davon erzählen. Das wäre fein!'"

"Dem Wolf schien es zu schmecken und er verlangte nach mehr. Und der Hase brachte es ihm. Der Wolf kam wieder zu Kräften. Seine Wunde heilte. Und als der Winter vorbei war, da stand er auf und trottete neben dem Hasen zum Höhleneingang. 'Ich danke dir', sagte er. Dann biss er zu, brach dem Hasen das Genick und fraß ihn auf." Die Kinder schauten einander an. "'Recht mager', sagte der Wolf. Und machte sich auf zur Jagd."

Die Frau schwieg und öffnete dann die Augen. Der Bann war gebrochen, das junge Publikum wurde unruhig. Ein kleines Mädchen begann zu schluchzen, wurde aber von ihren Nachbarn zum Schweigen gebracht.

"Warum hat der Wolf richtig gehandelt?" fragte die Frau und blickte in die Runde.

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Re: Die harte Schule des Lebens (Alerio)

Beitrag von Alerio » Di 26. Apr 2016, 21:42

Er schnaubte leise, als sie meinte sein Knoten wäre nicht schön, aber schmunzelte ebenfalls. Auch ihm machte dieses kleine Spielchen irgendwie Spaß und als die vermeintliche Nonne ihre Geschichte erzählte, hörte er aufmerksam zu.
Verzog aber leicht das Gesicht, als der Wolf den Hasen hinterging.
Er schaute zwischen den Kindern umher und war sich nicht sicher, ob das eine gute Lehre für die jungen Menschen war. Sollte keines der Kinder antworten, wäre Alerios Antwort:

"Er hat nicht richtig, aber schlau gehandelt. Er hat den Hasen ausgetrickst und ihm was vorgespielt, so lange er schwach war. Weil er es musste. Nachdem er aber wieder stark genug war, hat er getan was seine Natur ist.
Aber das ist nicht richtig, er hat den Hasen benutzt und verraten."


Für die Kinder wäre es wichtiger zu lernen, wie sie eine Gemeinschaft bilden und sich gegenseitig beschützen, anstatt zu lernen, wie sie sich gegenseitig bescheißen.

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Re: Die harte Schule des Lebens (Alerio)

Beitrag von Maria Penthesilea » Mi 27. Apr 2016, 10:05

"Verraten? Der Hase kannte den Wolf, ja? Er wusste, der Wolf frisst Hasen." Die anderen Kinder schauten Alerio nun verblüfft an, wohl wegen der Eloquenz seines Arguments. Die Frau nickte und fuhr fort. "Wolf handelte... nach seiner Natur, ja. Hase floh nicht. Gegen seine Natur. Dumm."

Sie zog spöttisch den Mundwinkel hoch und schaute auf die Versammelten. "Die Lehre ist: Ihr müsst nicht wie Wolf sein." Ein Blick traf das Mädchen, das geweint hatte. "Aber seid niemals - niemals! - wie Hase." Dann kniete sie vor dem Kind wieder. "Wolf brachte zudem ein Stück Hase für alle kleinen Wölfe mit." Sie streichelte die Haare. "Und alle waren satt und zufrieden."

Wieder stand sie auf. "Wir sind Menschen. Wir können entscheiden. Sind wir Wolf, Bär, Fuchs? Sind wir Reh, Hase, Vogel? Menschen haben die Wahl." Wieder streifte ein vielsagender Blick Alerio. "Das Tier ist dagegen Jäger oder Beute. Wird immer so sein."

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Re: Die harte Schule des Lebens (Alerio)

Beitrag von Alerio » Mi 4. Mai 2016, 20:09

Er hatte eigentlich versucht nicht aufzufallen, aber wollte auch nicht, dass die Nonne den Kindern Flausen in den Kopf setzte.
Er ignorierte die Blicke, die auf ihn gerichtet waren und schaute einfach nur die Jägerin an. Hörte ihre Erklärung und nickte dann zustimmend.
Ja, wie der Hase sollte man nicht sein. Naiv. Zu vertrauensvoll. Man wird am Ende doch nur eines Besseren belehrt.

Als sie auf Mensch und Tier zu sprechen kam, schmunzelte er.
Demnach sind wir Vampire doch mehr Tier als Mensch, weil wir keine Wahl haben? Wir müssen der Jäger sein? Ging es ihm durch den Kopf.

Natürlich war das ihre Sichtweise, wo sie sich doch selbst als Jäger bezeichnen.

Er wartete, beobachtete und lauschte, was die Nonne, oder was auch immer sie war, noch für Weisheiten von sich geben würde.

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