[1006] Oh süße Rache [La Vedova]

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Sousanna
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[1006] Oh süße Rache [La Vedova]

Beitrag von Sousanna » Mi 7. Mär 2018, 20:02

Nach jener Schmach. Jener grausamen Schmach, die Sousannas Herz noch immer zum Brennen brachte, zog es sie immer und immer wieder zu den Thermen zurück als suche sie dort etwas. Vielleicht die Würde, die sie zurückgelassen hatte, als sie in panischer Angst vor der Sonne floh?
Auch in dieser Nacht war sie in die Therme zurückgekehrt. Wie immer, wenn sie im Augenblick diesen Ort besuchte, mit in der Tracht ihrer Heimat so züchtig verschleiertem Leib, dass sie hier in Genua als prüde gelten konnte, wenn man sie erblickte. Jeder einziger Fetzen ihrer Kleidung war nachtfarben.

Doch in dieser Nacht war etwas anders. Sie hatte ein Gespräch aufgeschnappt, dass die Witwe heute Nacht hier war - und genau jener Witwe galt es, ihre Geschichte zu erzählen. So würde die Schöne mit einem Ernst darum bitten, von La Vedova angehört zu werden.
Es wären Dinge geschehen, die sie gewiss wissen wolle. Ihre Schwester aus Byzanz müsse sie deswegen sprechen.
Sousanna würde sich nicht fortschicken lassen. Einem trotzigen Maultier gleich würde sie verharren und auf jenes Gespräch bestehen.
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Re: [1006] Oh süße Rache [La Vedova]

Beitrag von La Vedova » Mi 7. Mär 2018, 20:37

Seinfreda war in ein lautes Gespräch mit Charleo vertieft, das bis hinaus auf den Gang hörbar war und gewiss an Sousannas Ohren drang, als die dunkelhäutige Layla dazu trat und versuchte, auf sich aufmerksam zu machen.
Die Witwe hatte eine Hand in die Hüfte gestemmt und die andere in einem enervierten Gestus an die Stirn geführt.
"Charleo...", versuchte sie in das aufgebrachte Sprachgewirr des Thermenbesitzern einzuwerfen, doch dieser ließ nicht mit sich reden.
Der sonst so höfliche und freundliche Mann mit der Glatze und dem bunt gemusterten Gewand hatte die Hände in die Luft geworfen und seinen übergwichtigen Hintern soeben auf den ächzenden Holztisch manövriert.
"Dieser Tisch bleibt genau dort, wo Gaius ihn haben wollte!", rief er ihr gerade entgegen "Genau hier, und nirgendwo anders wird dieser Tisch stehen bis nicht der hohe Herr Gaius persönlich hier auftaucht und ihn eigenhändig verschiebt!"
Sein Kopf war rot angelaufen, seine Backen zitterten.
"Und wenn der Herr Gaius hier nicht auftaucht, dann wird nichts an diesem Tisch verändert, nur über meine Leiche, nur über...!", er schnappte nach Luft. DIesen Moment nutzte Seinfreda, um eine beruhigende Geste in seine Richtung zu machen "Beruhige dich doch, ich wollte doch bloß vorschlagen..."
Charleo schüttelte energisch und mit weiterhin wackelnden Backen den roten Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn "Nein! Unter keinen Umständen wird Gaius Ordnung verändert! Ich habe es ihm hoch und heilig versprochen, mich hier um alles zu kümmern! Dass alls so bleibt! Das habe ich versprochen, hier wird nichts verändert! Meine Versprechen halte ich, so wahr ich Charleo heiße, bei Gott und allen Heiligen, jawohl!"
Seinfreda biss sich erboßt auf die Lippen, ihr Blick fiel auf Layla, die entschuldigend die Hände hob und hoffte, dass ihre Herrin den armen Charleo nicht beim Wort nahm und ihn als ihre nächste Mitternachtsspeise vertilgte. Die Kappadozianerin trat näher an Chaleo heran, der in diesem Augenblick zu realisieren schien, was er gerade tat und nicht so recht wusste, ob er buckeln oder seinen Mann stehen sollte.
"Charleo...", wiederholte Seinfreda ruhig..zu ruhig, das realisierte Charleo nun. "Auch ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass mein Gaius zurückkehrt. Und habt keine Sorge, ich werde seine Ordnung nicht umwerfen, sondern ehren. Ihr seid ein guter Mann, Charleo und ich schätze Eure Treue sehr...doch geht nicht zu weit, und nun entschuldigt mich, es scheint, als habe ich einen Gast...Layla?"

Die dunkelhäutige Schönheit führte Seinfreda zur Seite.
"Die werte Dame Sousanna wünscht Euch zu sprechen, sie wirkt...erschüttert und ist sehr hartnäckig, Schwester. Sie sagt, es seien Dinge geschehen..."
Die Kappadozianerin spürte, wie ihre Unzufriedenheit über den Streit mit Charleo verrauchte, solche Nichtigkeiten hatten keinen Platz wenn es um Wichtigeres ging.
"Hat sie genauer gesagt, worum es geht?", fragte sie etwas alarmiert.
"Nein, nur, dass etwas geschehen sei, dass Ihr gewiss wissen möchtet, und dass es dingend sei..."
Seinfreda nickte knapp "Bring sie zu mir und bitte Charleo darum, sich irgendwie abzulenken, nicht dass der Mann noch einen Herzkasper erleidet..."
Mit einer eleganten Bewegung verschwand Layla und ging, Sousanna in die Verwaltungsräume zu holen und ließ Seinfreda somit einen kurzen Augenblick Zeit, sich zu sammeln und sich gegen das zu wappnen, was nun kommen mochte.
Wie sehr wünschte sie sich in diesem Augenblick etwas Beruhigendes zu Essen oder zu Trinken herbei! Eine kleine, saftige Gans wäre jetzt genau das richtige...

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Re: [1006] Oh süße Rache [La Vedova]

Beitrag von Sousanna » Mi 7. Mär 2018, 21:04

Hätte Sousanna gehört, dass man in diesem Kontext von "werter Sousanna" gehört, hätte sie in diesem Augenblick wohl gefaucht, so angespannt war sie.
Doch glücklicherweise war sie nicht anwesend und so bekam Layla das herzlichste Lächeln zugeworfen, das sie in diesem Moment zustande bringen konnte. Artig folgte sie der dunklen Schönheit also und würde der Kappadozianerin ein flaches Nicken schenken. "Seinfreda - wir müssen sprechen. Allein.", erklärte sie ohne jede Umschweife oder Höflichkeiten. Das letzte Gespräch unter ihnen hatte sie nicht vergessen - und jetzt, da ihr unter dem Dach der angeblich so gottesfürchtigen Witwe Grauenhaftes zugestoßen war, fehlte ihr die Geduld für alles. Vor allem aber dafür sich aus falscher Bescheidenheit unter Gaius Geliebte zu stellen. Ihre Stimme ließ auch kaum Raum für Einsprüche dagegen. Etwas Drängendes lag darin. Etwas, wie es nur in jenen Stimmen lag, die von schrecklichen Schicksalen zu berichten hatten.

Würde Seinfreda ihr Gegenüber genauer betrachten, würde sie bemerken, dass etwas mit der Ravnos geschehen war. Sie war blass und in ihrem Gesicht lagen die Spuren von Gewalt. Hatte sie nicht die Kraft besessen, sich selbst zu heilen? Oder waren die Schläge so heftig gewesen, dass es dauerte, sich selbst zu heilen?
Auch das sonnige Funkeln war aus ihren Augen verschwunden. Der Ernst einer Toten lag darin, während ihre Mundwinkel jedes Lächeln verloren hatten.
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Re: [1006] Oh süße Rache [La Vedova]

Beitrag von La Vedova » Mi 7. Mär 2018, 21:20

Als Sousanna so in den Raum hineinrauschte, erstarrte Layla erschrocken in der Tür und verschwand, als Seinfreda ihr einen Blick zuwarf. Diese hob beide Brauen, als die andere Frau so ohne Umschweife zur Sache kam. Als ihr Blick auf die blauen Flecken in Sousannas Gesicht fiel, beschloss sie, dass dies wohl nicht der Augenblick für eine Rüge in Richtung Etikette war.
So nickte sie einfach und trat etwas besorgt an die Ravnos heran "Wir sind allein", sagte sie statt einer Begrüßung. Es hatte sich eine Falte zwischen ihren Brauen gebildet und die meeresgrauen Augen schienen zu versuchen, unter dem sittsam verhüllten Körper weitere Verletzungen zu entdecken. Es war ein routinierter Blick, der solche Verletzungen schon oft inspiziert hatte, der schon oft gebrochenen Blicken begegnet war...doch das waren einfache Frauen gewesen. Huren und Prostituierte, Frauen betrunkener Ehemänner oder Töchter verwitweter Väter...nicht selten, vor allem nicht im und nach dem Krieg...Aber dies war keine dieser einfachen Frauen, dies war Sousanna...
Sie spürte, wie sich ein sehr ungutes Gefühl in ihrer Magengegend ausbreitete. Hätte sie noch einen Puls gehabt, so hätte dieser sich jetzt wohl beschleunigt. Doch so verscheuchte sie bloß dunkle Erinnerungen und fragte sich, was wohl mit Sousanna geschehen war und weshalb sie diese Spuren so deutlich zur Schau trug.
"Bitte setzt Euch, dann können wir uns unterhalten..", sagte sie mit einer sanften Geste in Richtung eines Stuhles. "Was ist geschehen...?"

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Re: [1006] Oh süße Rache [La Vedova]

Beitrag von Sousanna » Do 8. Mär 2018, 13:10

Die zarten Hände der Schönen schienen zu zittern. Ihnen beiden musste klar sein, dass die körperlichen Verherungen nur Ausdruck eines tieferliegenden Seelenleids waren. Und, dass es höchst bedenklich war, wenn es die Witwe war, der sie ihr Leid mit solcher Vehemenz zu klagen gedachte. Doch hier, da sie allein miteinander waren, würde Seinfreda eine weitere Nuance im Schmerz der Ravnos erkennen: Wut.
Worauf oder weshalb war in diesem Augenblick jedoch kaum zu erkennen. Dennoch blieb das lodernde Brennen unter den matten, fast schwarzen Augen. Es blieb, wie die Feuer der Erde unter einer Eisschicht blieben. Delbst wenn sie von kalter Panzerung bedeckt waren.

Auch in der Stimme Sousannas würde das Lodern bleiben. Es verlieh dem Sanftmut ein Drängen. "Wie üblich ist es, dass Besucherinnen der Thermen geschändet und versklavt werden?", fragte sie leise. Sie brauchte ihre Stimme nicht zu erheben, um die Worte dennoch wie einen Schrei durch den Raum gellen zu lassen. "Wie wahrscheinlich ist es, dass sich das Personal an Christenfrauen vergeht? Unser gemeinsamer Traum - scheint brüchig zu sein, wenn ich bedenke, dass dies hier" Eine schlanke Hand wies auf das geschundene Gesicht. "Im Schutz des Andenkens meines alten Freundes geschehen ist."
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Re: [1006] Oh süße Rache [La Vedova]

Beitrag von La Vedova » Do 8. Mär 2018, 19:39

Seinfreda hörte sich die Vorwürfe ruhig an und beobachtete die Ravnos dabei sehr genau.
"Natürlich wird hier nimand versklavt...oder geschändet", antwortete sie dann langsam "Bitte beruhigt Euch und erzählt mir, was genau vorgefallen ist."

Eine dunkle Ahnung machte sich in ihr breit. Ja, sie hatte von Praktiken gehört, die hier geschehen waren...und die hatte den entsprechenden Personen klar gemacht, dass sie ein solches Verhalten nicht weiter dulden würde. Dies hier sollte ein Ort von Ruhe und Entspannung sein, frei von Gewalt und Zwang.

Als Sousanna auf ihr Gesicht deutete, hob Seinfreda kurz die Hand, zog sie jedoch zurück.
"Wie Ihr sicherlich wisst, bin ich ausgebildete Heilerin...wenn Ihr es wünscht, könnte ich mir die Verletzungen ansehen...", bot sie ihre HIlfe an.

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Re: [1006] Oh süße Rache [La Vedova]

Beitrag von Sousanna » Do 8. Mär 2018, 22:35

Der unnütze Atem der Ravnos ging heftiger. Sie schien sich offensichtlich zurückhalten zu müssen, nichts sehr provozierendes oder unhöfliches zu erwidern. Zumindest ließen ihre sich wieder in den Stoff ihres Kleides krallenden Finger erahnen, während sie tief durchatmete.
"Der Meister der Huren hielt mich wohl für eine eben jener - und wollte mich davon überzeugen, dass mein Platz hier sei.", blieb schließlich die tatsächlich noch um etwas Sachlichkeit bemühte Erklärung. "Er entschied sich, mich einzuschließen. Sich Dinge zu rauben, die ihm gewiss nicht gehörten und mir zu verkünden, dass ich ab jener Nacht in diesem Hause ... angestellt sei. Ich bin dem Schicksal in der Sonne zu verbrennen geradeso entflohen." Etwas an ihrem Tonfall verriet, dass sie sich zur Ruhe zwingen musste, um nicht wie eben jene griechische Furie loszuwettern, die sie zweifellos werden konnte.

Auf Seinfredas Angebot schließlich schüttelte sie heftig den Kopf und winkte ab. Es gab wichtigeres im Augenblick. "Es ist weniger schlimm als es aussieht - auch wenn ich mir nicht vorstellen will, wie eine Menschenfrau ausgesehen hätte.", stellte die Hehlerin fest und sah ihr schließlich fest in die Augen. Schließlich verkündete sie sehr leise, immer noch mit jenem Drängen in der Stimme: "Als Schwester, als Verbündete, möchte ich euch bitten, mit dem Schuldigen sprechen zu dürfen."
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Re: [1006] Oh süße Rache [La Vedova]

Beitrag von La Vedova » Do 8. Mär 2018, 22:52

Seinfreda mochte sich nicht vorstellen, was genau sich der Mann gestohlen hatte...
"Und Ihr konntet nichts gegen ihn unternehmen?", fragte sie ungläubig "Ich weiß, er ist ein kräftiger Kerl...aber immerhin ein einfacher Mensch? Konntet Ihr ihn nicht beißen oder irgendwie..?"
Es war eine seltsame Vorstellung, dass die vor Wut rauschende Vampirin vor ihr sich nicht gewehrt hatte. Oder hatte sie einen Bruch der Maskerade befürchtet? Ich einem solchen Moment wäre ihr das doch sicherlich nicht mehr wichtig gewesen?
Seinfredas Gesicht zeigte nicht sehr viel Mitgefühl, eher Unzufriedenheit. Es war eine Schande, dass soetwas in diesem Hause geschehen konnte und sie verstand absolut nicht, weshalb Gaius einen Mann wie diesen in diesen Hallen zugelassen hatte und weshalb all dies überhaupt geschehen hatte können.


"Es tut mir jedenfalls sehr leid, dass dies in meinen...unseren Hallen geschehen ist. Der Mann ist schon an anderen Stellen durch sein aufsässiges und frauenfeindliches Verhalten aufgefallen...deshalb habe ich beschlossen, ihn zu entfernen..vorerst.", meinte sie dann zähneknirschend. Offenbar kamen Entschuldigungen nicht sehr oft über ihre Lippen.
"Und ich finde, dass eine Wiedergutmachung durchaus angebracht ist, Ihr habt schon Recht, auch wenn ihr mit ihm....sprechen...wollt."
Sprechen betonte sie dabei sehr gedehnt, als würde sie automatisch davon ausgehen, dass es hier keineswegs um eine friedliche Aussprache ging, sondern eher um eine Hinrichtung. Sie seufzte, denn eigentlich hatte sie noch etwas mit diesem Mann vorgehabt. Andererseits lag ihr auch nicht viel an ihm, definitiv nicht genug, um es sich mit Sousanna zu verscherzen.
"Ich kann Eure Rachegelüste gut verstehen...", sagte sie in Gedanken versunken. Gedanken an lange zurückliegende Tage und Aussprachen, die in Gräbern endeten. "Und auch wenn ich der Meinung bin, dass es allein Gott zusteht, Sünden zu rächen, so werde ich Euch gewiss nicht daran hindern, Euch Eurem Peiniger entgegenzustellen, um Eure Würde wiederzuerlangen."

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Re: [1006] Oh süße Rache [La Vedova]

Beitrag von Sousanna » Do 8. Mär 2018, 23:29

Sousannas Lippen pressten sich zusammen. Da das sanfte Rot aus ihnen schwand, wurde klar, wie menschlich sie wirklich aussah. Kurz gruben sich ihre Schneidezähne in das Fleisch ihrer vollen Unterlippe, zeigten deutlich, dass sie über etwas nachdachte.
Einige Momente herrschte Schweigen, dann öffnete sie den Mund. Für den Bruchteil einer Sekunde schien es als blecke die Schöne die Fänge. - Doch da war nichts. Weiße, ebenmäßige Zähne auf samtigen, roten Hügeln. Keine grauenerregenden Fangzähne oder dergleichen. "Da ist nichts, mit dem ich sinnvoll hätte beißen können.", stellte sie im frustrierten Tonfall einer Frau fest, die etwas sehr beschämendes eingestehen musste. Ein bitteres Lächeln zuckte über ihre ebenmäßigen Züge. "Und ich kenne solche Kerle zur Genüge. Für gewöhnlich bleiben sie friedlich, so man halbwegs ... mitspielt. Dann hätte ich misshandelt meiner Wege ziehen können und hätte weder die Stille noch irgendein Hausrecht gebrochen. Dass dieses Exemplar sich allerdings entschloss, mich danach gefangen nehmen zu wollen, war neu. Meine Selbstbeherrschung am Anfang war offensichtlich ein großer Fehler."

So die Ravnos über diese Entschuldigung überrascht war, ließ sich diese Überraschung nicht an ihrer Reaktion ablesen. Sie neigte anerkennend den Kopf, während sie ruhig zurückgab: "Ich rechne es euch hoch an, dass ihr euch für etwas entschuldigt, dass ihr nicht getan habt und von dem ich weiß, dass ihr es nie zugelassen hättet. Darum bin ich zu euch gekommen. Es ist wichtig, dass die Herrin der Thermen weiß, wenn solch schändliches Verhalten eines Einzelnen ihr ehrenvolles Werk besudelt." Vermutlich war es ihrerseits ein großes Zugeständnis, Seinfreda die Herrin der Thermen zu nennen. Eine Art Friedensangebot, vielleicht?

Und schließlich nickte sie ernst. "Nie würde ich mich erdreisten, Sünden rächen zu wollen. Das ist allein das Privileg des Herrn.", kam dieses Versprechen über ihre Lippen - auch wenn sie wohl eine sehr andere Auffassung von "Sünden" hatte, als eine so heilige Frau. "Aber ich möchte meine Ehre zurück. Und ihm die Möglichkeit geben, Buße zu tun."
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Re: [1006] Oh süße Rache [La Vedova]

Beitrag von La Vedova » Fr 9. Mär 2018, 00:51

Überrascht, fasziniert und neugierig betrachtete die Kappadozianerin das Gebiss Sousannas. Wie konnte das sein?
"Wie kann das sein?", stieß die hervor "Wie macht ihr das denn dann ohne...Fänge?"
Die Forschernatur in ihr vergaß für diesem Moment das eigentliche Anliegen der Ravnos. "Könnt Ihr sie nur nicht ausfahren oder sind sie tatsächlich gar nicht da? Dürfte ich vielleicht einmal...?"
Sie streckte schon die Hand nach ihr aus, als sie realisierte, was sie gerade tat und wie unhöflich es war. "Verzeiht, es ist bloß, ich hatte nicht damit gerechnet... ich dachte, wir alle hätten Reißzähne?"
Vielleicht war dies ja eine Clansbesonderheit der Ravnos oder möglicherweise waren ihr die Zähne einfach noch nicht gewachsen. "Das ist eine sehr interessante Besonderheit, habt Ihr schon mit Toma darüber gesprochen? Er wäre sicher auch sehr interessiert..."

Dann riss sie sich wieder zusammen.
"Ich muss gestehen, dass Ich Euch für dieses sehr mutige, vorausschauende, selbstbeherrschte und friedfertige Verhalten bewundere. Nicht viele hätten zum Schutz der Stille so viel Schmach auf sich genommen", sagte sie anerkennend "Vermutlich hätte ich nicht an mich halten können. Das war wirklich ein Zeichen von Stärke und nichts, wofür Ihr Euch schämen solltet. Wer sein Tier so gut unter Kontrolle hat, hat Respekt verdient."
Diese Worte schien sie wirklich ehrlich zu meinen. Tatsächlich war die Ravnos durch diesen Bericht gerade durchaus in ihrem Ansehen gestiegen. Eine solche Voraussicht und Selbstbeherrschung hätte Seinfreda ihr nicht zugetraut.

"Selbstverständlich bin ich verantwortlich für das, was unter meiner Aufsicht...oder mangelnden Aufsicht geschieht und ich freue mich, dass Ihr meine ENtschuldigung annehmt. Es ist nunmal so, dass ich, als ich Gaius Erbe angetreten habe, nicht nur die schönen Seiten übernommen habe."
So musste sie sich nun also auch mit solchen unerfreulichen und anstrengenden Geschehnissen herumplagen, wo sie ihre Zeit doch so viel besser mit dem Studium hätte verbringen können, doch das sagte sie nicht laut.
"Und wenn ein Mann, der einst Gaius Vasall war, nun Ärger macht, dann ist es an mir, ihn zu züchtigen...oder seine Buße zu beaufsichtigen", sagte sie recht emotionslos.

"Nun, dann sagt ruhig, welche Strafe Ihr Euch überlegt habt, für diesen Kerl. Welche Buße wollt Ihr ihm auftragen?" Sie schmunzelte innerlich bei der Vorstellung. Ja, der Dreckskerl hatte es verdient, zu leiden.
" Peitschenhiebe? Die Geißel? Kastration?"

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