[1007] Lügen ohne Beine [offen]

Wenn die Sonne hinter das Appenningebirge sinkt, kriechen die Verdammten aus ihren Löchern. Dies sind ihre Geschichten.

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Federico Augusto
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[1007] Lügen ohne Beine [offen]

Beitrag von Federico Augusto » Sa 14. Apr 2018, 21:26

Genua, eines unbekannten Jahres zwischen der Geburt des unehelichen Sohnes Papst Johannes XIX. und der Lungenentzündung Guimarios III.
Die Stadt und mit ihr das halbe Umland hatten sich zur Ruhe begeben. Die Sonne war vor geraumer Zeit hinter dem Appenin verschwunden und mit ihr aller Anstand, alle Ruhe und auch der größte Teil aller ehrlichen Leute. Was sich noch auf die Straße wagte, war trunken, Abschaum oder beides.

Nur selten fand sich jemand in den Gassen und Winkeln der wuchernden Metropole, der nicht eindeutig einer dieser Kategorien zugeordnet werden konnte. Das Männlein, das an der Kreuzung der Römerstraße und der Straße des Heiligen Bernhard auf einem Fass hockte, war sicherlich eine dieser Kuriositäten. Es mochte dem Hof der Wunder davon gelaufen sein oder von einem der Schiffe aus fernen Landen angespült worden sein. Womöglich war er auch schlicht ein Wahnsinniger, der sich die Zeit auf eine überaus eigentümliche Weise vertrieb, von der ich erzählen möchte.

Das Fass, auf dem er sich niedergelassen hatte, stand an der besagten Kreuzung, sodass linker Hand der Weg zum Marktplatz der Stadt führte und rechter Hand quer durch den Rest der Stadt bis zum Handelshof der Melissiden auf der anderen Seite der Stadt. Das Männlein starrte unter seiner Kapuze und einem weiten, zerrupften Umhang her in beide dieser Richtungen und wann immer einer des Weges kam, so wurde er mit einem ruppigen "Grüß Gott!" aufgehalten.
Das Männlein - und es musste ein Männlein sein, denn seine Stimme war rauh und tief und brummte mehr, als dass sie wirklich etwas sagte - informierte sodann darüber, dass es sich hier nicht um irgendeine beliebige Kreuzung handelt. Sondern um eine, an der die Schicksale sich kreuzten.
Diese Schicksale, dargestellt durch den Weg zu seiner linken und zu seiner rechten, seien wechselbar. Man müsste nur wissen, auf welchem Weg man sich befände und mit einer einfachen Frage und einer noch einfacheren Antwort - schwups und hups - hüpfe man von diesem auf jenen Weg und umgekehrt.

Das Männlein auf dem Fass war bereit, diese Antworten zu liefern. Es vermochte die wunderlichsten Dinge zu erzählen, wenn man ihm eine genaue Frage stellte.
Dem Pescatore Mario erzählte es von der Affäre seiner Frau. Der Witwe Angelina erklärte es, dass ihr Bruder nicht unschuldig an ihrer Witwenschaft sei. Die Jungfrau Leopoldina erfuhr von ihm, dass ihr Verehrter Rudolfo nicht sie liebte, sondern ihr Geld. Rudolfo erfuhr von ihm, dass Leopoldinas Familie bitterarm geworden sei.
All das war um nur den günstigen, günstigen Preis einer eigenen Antwort auf eine seiner Fragen zu haben.
Und jedem, der dort des Weges kam, wurde dieser Tausch angeboten.
Es besteht kein Grund, dass Ihr eure Hände beschmutzt, mein Herr. An meinen klebt genug Dreck für uns beide.

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Seresa
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Re: [1007] Lügen ohne Beine [offen]

Beitrag von Seresa » So 15. Apr 2018, 14:04

Nichts ist so sicher wie der Tod und die Wahrheit des Wahnsinnigen.

So hieß es im Volksmund zumindest. Doch was sie nicht wussten war, dass der Tod überlistet werden konnte. Überlistet durch das Blut Kains, welches durch so viele Adern der Stadt floss. Wenn also der Tod nicht sicher war, was bedeutete dies für die Wahrheit eines Wahnsinnigen?!

Woran es lag, dass die Brujah sich in jener Nacht von dem Männlein auf dem Fass anziehen ließ, wie eine Motte vom Licht, konnte sie selbst nicht gänzlich erklären. Womöglich war es die Tatsache, dass ihr Dasein gerade selbst an einem Scheideweg stand. Dass Wissen immer kostbar war. Dass der Tausch einer Antwort für eine Antwort ihrem eigenen Naturell am meisten entsprach. Oder dass sie schlicht nichts zu verlieren, aber womöglich vieles zu gewinnen hatte.

Und so näherte sich der scheinbare Botenjunge langsam dem scheinbaren Wahnsinnigen. Nickte ihm mit einem höflichen Lächeln zu und erwiderte den Gruß, bevor der junge Bursche sich geduldig - und offensichtlich interessiert - all die wundersamen Werke anhörte, die das Männlein mit seinen Antworten angeblich bewirkt hatte.
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Federico Augusto
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Re: [1007] Lügen ohne Beine [offen]

Beitrag von Federico Augusto » So 15. Apr 2018, 16:48

Das Männlein saß auf seinem Fass, recht ungeachtet der Neugier, mit der es betrachtet wurde. Seine Füße und zerlumpte Beinlinge staken unter dem Umhang hervor, baumelten vor und zurück.
"Nun, Adolfo Viaggiatore", sagte die Stimme aus dem Umhang gerade. "Du verlangst also zu wissen, ob deine Tochter vom Signore Beppe befleckt worden ist."
Ein Mann, der mit verschränkten Armen vor ihm stand, nickte.
"Höre also den Preis für meine Antwort.
Am Tag des heiligen Martins im letzten Jahr trugst du an deinem linken Finger einen Ring aus Kupfer, mit dem Zeichen 'M' in die Innenseite gebrannt. Dieser Ring gehörte nicht dir sondern war früher im Besitze des Signore Cholchis aus Broglio, ein Geschenk seiner heimlichen Geliebten, mit dem sie ihn in Bann und Ketten schlug...Sage mir also: Wo hast du ihn...gefunden?"

Adolfo Viaggiatore empörte sich ob dieser Unterstellung, er wurde hitzig, drohte, flehte, schacherte - doch das Männlein blieb hart. Dies war sein Preis. Nicht mehr und nicht weniger.
Adolfo gab nach. Er nannte Ort und Zeitpunkt seines Fundes und - auf die Ermahnung des Männleins, ja die Wahrheit zu sagen - auch den Namen eines Freundes, der ihn beobachtet hatte.
Die meisten taten es, denn der Preis war gering und ihre Neugier groß.

Das Männlein hielt ebenso seinen Teil des Paktes. Es unterrichtete Adolfo, dass es nicht der Signore Beppe gewesen sei, sondern seine Tochter eine Hure sei, die sich unkeusch einem Reisenden hingegeben, den sie geliebt und der von Zeit zu Zeit in die Stadt käme. Wenn er sich eilte, würde er sie bei Anbruch des Tages antreffen können, hinter dem letzten Olivenbaum auf den Klippen von Mascharana.

Eine kleine Weile herrschte Schweigen, als Adolfo davon gestürmt war. Nach Osten auf der Römerstraße, die auch nach Mascharana führte. Dann entfloh ein kleines Lachen dem Umhang und die schattengefüllte Kapuze wandte sich dem kleinen Botenjungen zu.
"Wie heißt du, kleiner Mensch, und welche Frage soll dir der Magnifico Magno beantworten?"
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Re: [1007] Lügen ohne Beine [offen]

Beitrag von Seresa » So 15. Apr 2018, 22:11

Seresas Blick ging nachdenklich dem Mann hinterher, der in Richtung Mascharana rannte. Sie schien gar nicht zu realisieren, dass das Männlein sie angesprochen hatte. Erst als Seresa sich von ihren Gedanken gelöst und sich umgesehen hatte, wurde ihr bewusst, dass wohl sie mit der Bezeichnung ´kleiner Mensch´ gemeint war.

„Oh bitte verzeiht, werter Signore Magno, ich war wohl in Gedanken.“

Ein entschuldigendes, höfliches Nicken folgte.

„Es ist mir eine Freude. Es ist lange her, dass man mich einen kleinen Menschen genannt hat, aber mir gefällt die Bezeichnung. Ihr könnt mich so nennen, werter Signore, ist es weitaus netter als ein ´Hey, Bursche´ oder ein ´Hey, du da´.“

Dann blickte sie in Richtung Westen, schüttelte leicht den Kopf und blickte erneut zu der seltsamen Gestalt auf dem Fass.

„Ich gestehe, ich hätte viele Fragen, aber mein Schicksal ist fest verwoben und nicht an mir. Der Herr bestimmt den Weg, auf welchem ich schreite.“

Seresa schwieg für einen kurzen Moment.

„Dennoch bin ich interessiert zu erfahren, ob es wohl jemanden gelänge sein Schicksal zu überlisten. Sofern es Euch nicht stört, werter Signore Magno, würde ich mich gerne verweilen und zusehen. Gelegentlich ist es schlicht interessant zu zusehen, wie sich der Lauf der Geschichte verändert, auch wenn man den der Eigenen wahrlich nicht verändern kann.“
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Re: [1007] Lügen ohne Beine [offen]

Beitrag von Federico Augusto » Mo 16. Apr 2018, 09:07

"Niemand erhält eine Antwort, für die er nicht den Preis gezahlt hat", sagte das Männlein. "Sei es auf eigene oder fremde Fragen".

Der Platz an der Kreuzung war kein angenehmer. Mit dem Männlein auf dem Fass zu sprechen war unheimlich. Sie roch. Nach Staub, nach Grabeserde, nach dem distinkten Geruch von Alkohol und Wundbrand. Zu lange den Blick darauf zu richten, rief Unbehagen in einem hervor. Es war etwas, auf das man den Finger nicht direkt legen konnte. Weder die Stimmlage noch die Wortwahl waren ungewöhnlich, es bewegte sich recht anständig und soweit man das durch die Lumpen sehen konnte, fehlten ihm weder Arm noch Bein noch irgendein anderes Glied.

Aber dennoch konnte man sich eines Eindrucks nicht erwehren:
Dass man sich mit ihm an einer Gabelung zwischen der Realität und Wirklichkeit befand. Und dass diese Kreatur dort sich jenseits davon aufhielt.

"Du erfährst von mir die Wahrheit, Kind der Piccolomini, oder du gehst unbescholten deines Weges. Verweilen ist eine Illusion, wie es der dreimal Größte vor langer Zeit zu mir sagte.
Jeder Andere hier hat seinen Preis gezahlt, um seinen Platz im großen Rad der Himmel zu erfahren, das unaufhaltsam uns alle zerreibt. Und du willst den Adepten der Wahrheit ihren rechtmäßigen Lohn verweigern? Sei nicht dumm, zaudere nicht oder zögere - ergreife die Chance! Blicke nur einmal in deinem elend langen Leben in den Abgrund der Wahrheit und erfahre dein innerstes Selbst, offengelegt von einem Mund, der keine Lügen sprechen kann."

Bei diesen Worten hatte das Männlein unter seinen Umhang gefasst. Unter großem Klirren und Klimpern zog es eine Münze hervor, mit der seit einer Ewigkeit niemand mehr etwas gekauft hatte. Seine in Lumpen gehüllten Krallenfinger hielten sie in die Höhe und drehten sie, damit Seresa sie von beiden Seiten sehen konnte.
Auf der einen Seite war das von Eichenlaub umkränzte Haupt eines mächtigen Mannes zu sehen. Die andere war ganz glatt abgerieben.
"Wähle", sagte das Männlein, "zwischen diesem Pfad und jenem."
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Re: [1007] Lügen ohne Beine [offen]

Beitrag von Seresa » Mo 16. Apr 2018, 16:01

Die Brujah nickte kurz, als sie mit Kind der Piccolomini angesprochen worden war. Danach schwieg sie weiter, bis ihr die Münze präsentiert worden war. Während sie einen genaueren Blick darauf warf, sprach sie ruhig mit dem Männlein.

„Ich sagte nie, ich wäre nicht gewillt den Preis zu zahlen, sofern dieser es wert wäre, werter Signore Magno.“

Ihre zwei Betonungen legten nahe, dass sie sich beim Ersten nicht sicher war und beim Zweiten sicher, dass dies nicht sein Name war. Dennoch schien sie derzeit keinen gesteigerten Wert darauf zu legen, wer sich unter den Lumpen tatsächlich befand. Ihm schien die Etikette in diesem Punkt nicht wichtig genug zu sein und so ignorierte sie selbst diese, schien er durchaus zu wissen wer sie war und niemand konnte ihr vorwerfen, sie hätte ihn nicht gegrüßt.

Stattdessen legte Seresa neugierig ihren Kopf zuerst auf die linke, dann auf die rechte, dann wieder auf die linke Seite zurück. Sie schien die Münze in der Hand des Männleins eine Zeitlang interessiert zu betrachten. Dann ging ihr distanzierter Blick zurück auf ihr Gegenüber.

„Der dreimal Größte erscheint mir durchaus weise zu sein. Jedoch seid versichert, werter Signore, ich bin mir durchaus bewusst, dass ich zu jedem Zeitpunkt weiter auf dem Weg des Schicksals schreite, auch wenn ich an einem Ort für den Moment verweile. Doch Wahrheit ist es, was ich ersuche…“

Ein Schmunzeln umspielte ihre Lippen.

„Und deshalb scheint es so, als könnte ich nicht unbescholten weiter meiner Wege gehen. Zumal Ihr selbst sagtet, dass sich hier auf dieser Kreuzung die Schicksale begegneten. Egal wie ich mich entscheiden würde, allein dadurch, dass wir miteinander sprechen, haben sie sich bereits an einem Punkt verwoben. Die Annahme unbescholten Weiterschreiten zu können, wäre also selbst nichts anderes als ein gänzlich naives Wunschbild.“

Sie nickte ihrem Gegenüber zu, bevor ihr kalter Blick wieder auf die Münze fiel. Erneut spielte ein Schmunzeln um ihre Lippen, bevor ihre braunen Augen erneut auf das Männlein vor ihr fielen.
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Re: [1007] Lügen ohne Beine [offen]

Beitrag von Federico Augusto » Mi 18. Apr 2018, 10:18

Das Männlein gackerte. Seine Finger unter den Lumpen und Ringen und Schmutz katapultierten die Münze in die Lüfte. Sie wirbelte herum, drehte sich um ihre eigene Achse und wandte, wie Luna, mal die schattige und mal die sonnige Seite dem Antlitz Seresas zu.

"Dumm bist du nicht", sagte das Männlein in einem anerkennenden Tonfall.
Es fing die Münze wieder auf, drehte sie müßig zwischen den Fingern der rechten Hand, während es nachzudenken schien. Es wägte wohl die Worte Seresas ab, drehte sie in seinem Kopf wie die Münze in seinen Fingern.
Schließlich schnappten die Finger seiner rechten Hand zur Faust, die Münze verschwand darin. Es lehnte sich nach vorne, seine Stimme sank zu einem Flüstern herab. Der Geruch des Grabes haftete ihm an, schwer, körnig und verlockend süß für alle, die mit dem Tod getanzt hatten.

"Die Wahrheit hinter welcher Frage soll Magnifico Magno für dich erleuchten, teuerste?
Welchen der Wege des Schicksals soll ich dir illuminieren? Derjenige, auf dem du hergekommen bist, der deine Vergangenheit ohne Zukunft ist, mit all ihren Zweifeln über Vater, über Mutter, deinen Bruder?
Oder denjenigen, auf dem du wandelst, ohne je ans Ziel zu gelangen, der deine Zukunft ist ohne Ende in die Nacht hinausgestreckt?"
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Re: [1007] Lügen ohne Beine [offen]

Beitrag von Seresa » Mi 18. Apr 2018, 12:57

Seresas Blick und Kopf senkte sich in bescheidener Demut, ganz so, als wäre sie verlegen und überfordert von den Möglichkeiten, die sich ihr auf einmal boten. Ihre Augen waren geschlossen, als sie sich zu dem Nosferatu nach vorne beugte. Sie rollte die Lippen ein und biss darauf. Schien sprechen zu wollen, aber sich nicht recht zu trauen. Zuckte etwas zurück, nur um sich dann doch noch ein Stückchen näher zu der verlockenden Stimme zu beugen. Sie schwieg für einen Moment. Dann noch einen weiteren. Schließlich drang ihre Stimme an das Ohr des Nosferatu. Ein leises, tonloses, kaum wahrnehmbares Flüstern.

„Euern.“

Kalte braune Augen fixierten den Nosferatu, während dabei ihre eisige und leicht gefauchte Stimme einem Menschen wohl mit unangenehmen Schauern durch Mark und Bein gekrochen wäre. Für einen Moment verweilte sie in ihrer Haltung. Schließlich wich sie jedoch wieder zurück. Ein höfliches Lächeln umspielte ihre Lippen.

„So es Euch beliebt, werter Signore.“

Ihre Stimme war wieder der leise, melodische Singsang, welcher er einst war. Eine weiche Stimme, die den Hauch von Kälte - der einen Moment zuvor in ihr gelegen war - böse Lügen strafte.

„Meine Vergangenheit ist meine Vergangenheit. Fest und unabänderbar. Mein Schicksal lag und liegt nie in meinen Händen.“

Ihre Hände öffneten sich, während sie sprach. Er schien ihr in diesem Punkt nichts bieten zu können, was sie nicht selbst schon besaß oder nie besitzen würde.

„Also, werter Signore, seid Ihr bereit mir die Wahrheit zu erleuchten? Mir den Weg des Schicksals zu illuminieren, den ich wünsche? Oder bietet Ihr nicht mehr feil, als den glänzenden, aber wertlosen Schein, verborgen unter dem Gewand einer gar liebreizenden und verlockenden Hure?“
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Re: [1007] Lügen ohne Beine [offen]

Beitrag von Federico Augusto » Fr 20. Apr 2018, 21:11

Das Männlein auf dem Fass lachte, als es die Worte der Brujah hörte. Ein trostloser, feuchter Ton. Wie von altem Fleisch, das sich aneinander rieb. Es beugte sich vornüber, die Arme vor den Bauch geschlungen, das unter der Kapuze und den Lumpen und den Schals unkennbare Kinn auf die Brust gepresst.
Es schüttelte das Männlein bei diesem Scherz in einem solchen Maße, dass es die burschenhafte Brujah beglückwünschte.

"Du gefällst mir! Du bist eine der wenigen hier, die ihren Kopf benutzen. Jeder andere hätte nach anderen Reisenden auf dem Weg gefragt. Aber nicht du, nein. Du bist schlau und fragst nach dem Wegweiser.
Unter meinen Kleidern verbirgt sich alles, was ich verspreche und noch mehr. Aber bist du auch gewillt, mit deiner Hand ins dunkle zu fassen und dir zu greifen, was du begehrst?"

Fast könnte man meinen, in seine Stimme hätte sich Anzüglichkeit geschlichen. Fast.

Unter den Gewändern hob sich erneut eine knorrige Hand hervor, jedes Gelenk umwickelt mit Lumpen und Ringen und Anhängern aller Art, so dass es rasselte. Die Münze war daraus verschwunden.
Mahnend hob sich ein Zeigefinger in die Höhe.
"Jeder, der hier des Weges kommt, ob König oder Kind, zahlt den gleichen Preis: Jede Frage, die du stellst, kostet dich eine Antwort.
Der Ablauf ist simpel. Du stellst deine Frage. Eine konkrete Frage, meine Werteste, keine abstrakte. Keine rhetorischen Tricks, wie sie die gelehrten Herren Pfaffen gerne spielen. Eine erlaubte Frage ist etwa "Wer war deine erste Liebschaft?" oder "Wer hat dich getötet?". Unsinnige Fragen, wie jene nach dem Demiurgen oder dem skeptischen Aporie beantworte ich nicht.
Ich wäge den Preis dieser Frage ab und stelle dir im Gegenzug eine meiner Fragen, die den gleichen Wert besitzt. Willigst du ein und antwortest du wahr und treu, so will ich dir daraufhin antworten so wahr und edel und rein, als wären wir in der Halle eines Prinzen."
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Re: [1007] Lügen ohne Beine [offen]

Beitrag von Seresa » Sa 21. Apr 2018, 14:04

Seresa betrachtete stumm die Hand des Männleins, während sie aufmerksam seinen Worten gelauscht hatte. Als er geendet hatte, schien sie einen Moment nachzudenken.

„Mit meiner Hand ins Dunkle zu fassen. Mir zu greifen, was ich begehre.“

Ein leichtes Schmunzeln umspielte ihre Lippen.

„Ich gestehe, dies wäre eine überaus verlockende Vorstellung, werter Signore. Etwas worauf ich mich wohl oder übel einlassen müsste, wenn ich Euch eine Frage stellen würde.“

Sie schien einen kurzen Moment nachzudenken, bevor sie schließlich nickte.

„Da Ihr die Wahl der Fragen und wie sie gestellt werden dürfen einschränkt, ist es nur gerecht, wenn auch ich dies ebenso tue. Eine konkrete Frage Euerseits, keine abstrakte, keine rhetorischen Tricks. Fragen, welche Loyalitäten in Frage stellen oder gegebene Wörter brechen würden, beantworte ich nicht.“

Die Brujah schwieg, während ihr Anblick auf den Verborgenen fiel.

„Ihr werdet mir antworten, doch nicht wie in der Halle eines Prinzen, denn dies ist kein Ort an dem ein solcher Handel wertvoll wäre. Ihr werdet mir redlich antworten, als wären wir in einem geweihten und gesegneten Haus des Herrn, der nicht duldet, dass ein von Lügen durchdrungenes Wort über die Lippen der Anwesenden wandern würde oder dass man durch Lug, Trug oder gar Flucht einem Handel zu entfliehen versuchen würde.“

Ihre Augen wanderten erneut zu der Hand des Nosferatu.

„Die Wahl liegt bei Euch, ob Ihr mit diesen Bedingungen leben könnt, werter Signore.“

Seresa streckte ihre Hand dem Männlein entgegen.

„Schlagt ein und stimmt damit meinen Bedingungen zu, welche die eurigen erweitern und ich will Euch eine Frage stellen, auf die Ihr mir eine Antwort schuldet.“

Ihre Hand zitterte nicht und war nicht aufdringlich. Sie unterstrich ihr Angebot, dass ihr Gegenüber annehmen oder ablehnen könnte. So er danach gegriffen hätte, hätte sie sie nicht zurückgezogen, sondern ihre Finger hätten sich mit leichtem Druck, um seine Hand gelegt.

„Lasst mich sehen, wo Euer wahrer Wert liegt, werter Signore. Lasst mich sehen, ob das Schicksal will, dass sich unsere Wege in Zukunft öfter verbinden. Lasst mich sehen, ob Ihr jemand seid, der aufrecht zu seinem Wort steht.“

Die Brujah blickte erneut auf die Stelle, wo sie sein Gesicht vermutete, jedoch nicht sah. Sie hielt ihm noch immer die Hand entgegen. Die unausgesprochene Frage schwebte zwischen ihnen. War er ein Mann oder eine Hure?! Das sanfte Lächeln, dass die Lippen der Brujah umspielte und ihre ihn taxierenden Augen, spiegelten deutlich wieder, dass sie durchaus bereits eine ganz genaue Vorstellung hatte, was das Männlein vor ihr war.
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