[1007] Das Spiel der Könige [Seresa, Ilario]

Wenn die Sonne hinter das Appenningebirge sinkt, kriechen die Verdammten aus ihren Löchern. Dies sind ihre Geschichten.

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[1007] Das Spiel der Könige [Seresa, Ilario]

Beitrag von Ilario » Sa 7. Apr 2018, 23:40

In den späten Abendstunden erschien ein Bote vor den Toren der Wachstation am Monte Bisagno, dunkelgraue Kleider und eine ebensolcher Mantel ließen die schmale Gestalt eins werden mit der hereinbrechenden Nacht. So bemerkten die Wächter sie wohl auch erst recht spät, die junge Frau grüßte knapp und übergab ein in gewachstes Tuch eingeschlagenes Wachstäfelchen. Zu überreichen an die Signora Seresa. Dann verschwand die Botin wieder in die Nacht.

Geschrieben in präziser, aber schnörkelloser Schrift stand dort:

"Werte Seresa,

die Zeit ist gekommen meine Schuld euch gegenüber zu begleichen. Lasst uns über Politik reden. Über Motive und Gelegenheiten. Und welcher Ort wäre dafür wohl passender als San Donato? Seid daher mein Gast in diesen heiligen Hallen zum nächsten Neumond. Sollte mich bis dahin keine Nachricht von euch erreichen erwarte ich euch dort eine Stunde vor Mitternacht.

Möge die Dunkelheit eure Schritte leiten,

Ilario Contarini"
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Re: [1007] Das Spiel der Könige [Seresa, Ilario]

Beitrag von Seresa » So 8. Apr 2018, 16:55

Der Wächter hatte Seresa das Wachstäfelchen gebracht und sie hatte es nach einem längeren, schweigenden Blick aus dem offensichtlich ungeöffneten, gewachsten Tuch geschlagen. Ihre Augen waren neugierig, aber langsam über die Schrift gewandert. Ganz so als würde sie nicht nur interessieren, was der Schatten schrieb, sondern auch wie er schrieb. Als würde beides zählen. Als würde alles zählen. Dann wanderten ihre Finger andächtig über den Text und schließlich schüttelte sie leicht den Kopf, bevor sie ihr Handwerkszeug nahm. Es war bedauerlich, aber es ging nicht anders. Buchstabe um Buchstabe. Zeichen um Zeichen verschwand von dem Wachstäfelchen. Wurde sauber ab- und ausgekratzt. Das Zeugnis über den Inhalt verschwand für immer. Dann bereitete sie es sorgfältig wieder auf. Schließlich blieb nichts zurück, als ein leeres, unbeschriebenes Wachstäfelchen.

Die auferlegten Einschränkungen, ihre sinkende Menschlichkeit und die gebotene Frühe des Treffens hatten Seresa nicht viel Zeit gelassen. Zügig war sie über die Mauer geklettert. Schnellen Schrittes hatte sie sich durch die verwinkelten Gassen bewegt und schließlich Raffaele angetroffen. Seresa entfernte so gründlich wie möglich die Reste ihres notdürftigen, nächtlichen Verstecks außerhalb der Mauern, bevor sie ihren Umhang und ihre Tunika gegen ihre schlichte Robe vom Hof und ihren Mantel tauschte. Eine kurze Anweisung, einen Kuss und eine Umarmung später, eilte Seresa bereits weiter. Erst auf den letzten Metern, auf welchen sie gezwungen war, aus den Schatten der Gassen zu treten, wurde ihr Schritt langsamer.

Ruhig schritt sie auf die Kirche zu. Die Kopfbedeckung ihres Mantels über ihr Haupt geschlagen, wirkte sie in jener Nacht nicht wie der einfach Botenjunge, für den sie sich ansonsten so oft ausgab. Vielmehr war sie in jener Nacht das, was sie tatsächlich war. Eine Kainitin vom Clan der Gelehrten. Etwas was sie für gewöhnlich nicht offen zeigte oder gar zur Schau stellte. Denoch schien es ihr angemessen, betrachtete man wo, mit wem und weshalb sie sich in der heutigen Nacht treffen würde.

Als sie näherkam, ließ Seresa ihren Blick schweifen. Offensichtlich auf der Suche nach dem Schatten, welcher sie hierhergebeten hatte.
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Re: [1007] Das Spiel der Könige [Seresa, Ilario]

Beitrag von Ilario » Di 10. Apr 2018, 11:05

Als Seresa die heiligen Hallen San Donatos betrat bemerkte sie, dass alles beim Alten war... bis auf eine Kleinigkeit. Es war nicht die Elysiumsgarde der Acacia della Velanera die wache hielt, sondern drei von Wetter und Kampf gestählte Nordleute in Kettenrüstung mit Axt, Schild und Speer bewaffnet sowie drei weitere, eher drahtige Gestalten in nachtgrauen Kaupuzenumhängen und Lederrüstungen. Letztere wesentlich weniger stark bewaffnet mit mehreren kurzen Klingen, die längste ein Kurzschwert, und je einem Pflock aus geschwärztem Eichenholz.
Beide Gruppen blieben eher unter sich. Die Nordleute sprachen, wenn überhaupt nur in ihrer rauen Muttersprache, während die anderen sich auf knappe Gesten beschränkten. Eine spürbares Misstrauen - oder Rivalität - lag in der Luft.

Ilario stand, wie so oft wenn er in San Donato weilte, bei den Bronzetafeln. In dieser Nacht trug er dieselbe schwarze Tunika wie bei Hofe und ein silbernes Kreuz ruhte auf seiner Brust. Den Traditionen zugewandt und schien der Kastellan diese zu studieren. Oder nachzudenken. Die Arme hinter dem Rücken verschränkt.
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Re: [1007] Das Spiel der Könige [Seresa, Ilario]

Beitrag von Seresa » Di 10. Apr 2018, 19:47

Aufmerksam wanderten ihre Augen über die Umgebung, während sie mit einer langsamen und kontrollierten Bewegung die Kopfbedeckung ihres Mantels auf ihre Schultern zurückschlug. Nur wenig später, begann ein altvertrauter Prozess, auch wenn dieser sich in seiner tatsächlichen Form von Domäne zu Domäne unterschied. Ein Wächter trat heran, um nach Waffen zu fragen. Seresas Stimme war leise, ob des Ortes an welchem sie sich befand. Dennoch sprach die Brujah deutlich, langsam und verständlich.

„Ich erkenne Acacia della Velanera als Hüterin und San Donato als Ort der friedlichen Zusammenkunft an. Ich respektiere die geltenden Gesetze und führe keine Waffen mit mir. Ich komme als Gast von Ilario Contarini und Suche ein Gespräch mit ihm. Ich unterstelle mich für die Dauer des Aufenthaltes dem Wort der Hüterin, sowie den Wächtern dieses Ortes.“

Der Wächter wertete die eher ungewöhnliche Rede der Brujah als Nein und ging zu der Gruppe zurück. Andere Domänen. Andere Sitten. Andere Gebräuche. Seresa nickte den drei Nordmännern respektvoll zu, bevor sie den drei leichter Bewaffneten auf gleiche Art und Weise zunickte. Ihre Arme hingen seitlich entspannt an ihrem Körper herab, während sich ihre linke Hand - mit der Handfläche nach oben gerichtet - unter ihrer Rechte geschoben hatte. Seresa machte einige wenige Schritte in die Kirche hinein, bevor sie aufrecht stehen blieb und ihr Blick auf den aufgestiegenen Schatten fiel.

Der Hof hatte Ilario neu positioniert und Seresa achtete den Wissenssucher der Lasombra sehr. Sie würde ihm den Respekt zu kommenlassen, welcher ihm durch seine neue Position gebührte. Geduldig wartete sie, bis dieser seinen Blick auf sie werfen würde und ihr gestatten würde, sich zu nähern oder gar zu sprechen. Die Ehre, aber auch die Bürde des Amtes.
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Re: [1007] Das Spiel der Könige [Seresa, Ilario]

Beitrag von Ilario » Mi 11. Apr 2018, 23:46

"Seid willkommen. Es freut mich, dass ihr es einrichten konntet werte Seresa."

Er drehte sich um und nickte seinem Gast respektvoll zu, das Gespräch war eröffnet. Seresa mochte auffallen, dass Ilario wesentlich ernster wirkte als bei ihrem letzten Gespräch. DIe Bürde der verantwortung vielleicht? Oder war es dem Inhalt der heutigen Lektionen geschuldet? Es versprach spannend und lehrreich zu werden. Für beide Seiten.

"Zunächst... Wie ist es euch ergangen? Gibt es drängende Fragen die sich seit unserem letzten Treffen ergeben haben?"
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Re: [1007] Das Spiel der Könige [Seresa, Ilario]

Beitrag von Seresa » Do 12. Apr 2018, 00:51

„Seid gegrüßt, wohlwerter Ilario.“

Seresa verneigte ihr Haupt vor dem Lasombra tief und hielt es einige Momente gesenkt, bevor sie es wieder erhob.

„Es ist mir eine Ehre und Freude Euch wiederzusehen. Habt Dank für Eure Einladung und der Frage nach dem werten Befinden.“

Die Brujah nickte dem Schatten zu, blieb ihm jedoch die Antwort darauf schuldig. Vielleicht weil sie ihm nicht die Wahrheit sagen konnte oder es gar wollte. Vielleicht jedoch auch, weil eine Antwort eine Antwort von Seiten des Kastellans geboten hätte. Stattdessen schüttelte sie leicht den Kopf.

„Ich gestehe, es gibt keine drängenden Fragen, noch solche die erforderlich wären, um die Gegebenheiten des heutigen Treffens näher zu erläutern. Wie Ihr mir in der Führung bei unserem damaligen Tanz vertrautet, so bin auch ich noch immer gewillt, Euch bei der Führung des Heutigen zu vertrauen.“

Seresa nickte Ilario erneut höflich zu.

„Bitte gestattet mir, Eure Frage zu erwidern, wohlwerter Ilario.“

Womöglich gab es etwas, was der Schatten vorab mit der Brujah klären musste oder dies gar wollte.
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Re: [1007] Das Spiel der Könige [Seresa, Ilario]

Beitrag von Ilario » Fr 13. Apr 2018, 23:44

Einen Moment lang ruhten die meergrauen Augen des Lasombra auf Seresa und er schien geneigt nachzuhaken, entschied sich dann jedoch dazu das Schweigen der Brujah zu ihrem Wohlbefinden zu übergehen. Auch er schüttelte verneinend sein Haupt und widmete sich dann dem eigentlichen Grund dieses Treffens.

"Gut, dann wollen wir es dabei bewenden lassen. Falls sich im Laufe des Abends Fragen ergeben sollten werden wir uns diesen dann widmen. Nun jedoch zu unserem Tanz, hoffen wir es wird mir gelingen euch gleichermaßen blessurenfrei zu führen wie ihr mich damals."


Ilario räusperte sich und fuhr dann, Seresa genau beobachtend, fort.

"Beginnen wir doch mit Grundlegendem und verschaffen uns einen Überblick. Was, werte Seresa, wisst ihr über die verschiedenen Machtblöcke und Fraktionen die in Genua wichtige Akteure darstelllen? Könnt ihr sie benennen?"
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Re: [1007] Das Spiel der Könige [Seresa, Ilario]

Beitrag von Seresa » Sa 14. Apr 2018, 12:27

Seresa hatte Ilario zustimmend zugenickt, als er von den Fragen gesprochen hatte. Die Brujah schien damit einverstanden zu sein. Ein sanftes Lächeln hatte Seresas Lippen dann umspielt, als der Schatten von seinen Führungsqualitäten beim Tanz gesprochen hatte. Die respektvolle Verneigung ihres Kopfes spiegelte wieder, dass sie seine Bemühungen sehr zu schätzen wusste, aber auch ihr schien allzu offensichtlich bewusst zu sein, dass der heutige Tanz - im Vergleich zu dem, bei welchem die Brujah geführt hatte – der deutlich schwierigere und gefährlichere war. Auf seine Fragen schwieg sie für einen kurzen Moment. Als sie schließlich sprach, schien sie dabei weiter nachzudenken.

„Eine interessante - wenn auch wahrlich nicht einfach zu beantwortende - Frage, wohlwerter Ilario.“

Die Hände der Brujah öffneten sich.

„Die Antwort hinge davon ab, was man als Machtblock oder Fraktion betrachten möchte. Wie man sie zusammenfassen wollte. Wie weitreichend man die Betrachtung der Situation wählen will oder wie sehr man stattdessen ins Detail verfallen möchte. Welchen Aspekt und welches Interesse man der eigentlichen Frage zu Grunde legen würde.“

Seresa blickte in Ilarios Augen, während sie ruhig weitersprach.

„Zuletzt bliebe die Frage offen, was man in diesem Zusammenhang als wichtigen Akteur bezeichnen würde und worin sich dessen Bedeutung für Genua zeigen würde. Womöglich wäre es ein Fehler, einen scheinbar unwichtigen aus der Betrachtung zu nehmen, nur weil er den ausgewählten und zu Grunde gelegten Kriterien nicht oder noch nicht gänzlich entspricht.“

Sie senkte für einen Moment um Verzeihung bittend den Blick.

„Ich befürchte, wohlwerter Ilario, es ist mir nicht möglich, Eure Frage hinreichend zu beantworten.“
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Re: [1007] Das Spiel der Könige [Seresa, Ilario]

Beitrag von Ilario » Di 17. Apr 2018, 11:56

Anerkennend nickte Ilario, anscheinend war ein gewisses Grundverständnis vorhanden. Er lauschte ihren Worten und schmunzelte dann leicht. Das versprach interessant zu werden.

"Nun gut, ich verstehe. Ihr wollt nicht zu sehr mutmaßen, doch wird dies unumgänglich sein im Laufe der Lektionen. Beginnen wir also mit etwas Einfachem. Etwas, das ihr vielleicht aus einem anderen Blickwinkel betrachtet als die meisten und von dem ihr Kenntnis haben dürftet: Die Anklage eures werten Bruders Ajax gegen den werten Titus."


Eine Kunstpause machend, beobachtete Ilario die Reaktion Seresas, ehe er ergänzte:


"Was meint ihr war der Grund für diesen Angriff? Wie erklärt ihr euch die Urteile die damit zusammenhängen, gesprochen vom höchstverehrten Prinzen Mailands? Wie würdet ihr die Konsequenzen vom Fall und darauffolgenden Aufstieg des werten Titus bewerten?"

Sobald dieser Punkt durch war, nahm Ilario sich vor die Lektion in einem etwas unverfänglicherem Umfeld fortzusetzen. Vielleicht Politik der hohen Adelsfamilen...
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Re: [1007] Das Spiel der Könige [Seresa, Ilario]

Beitrag von Seresa » Di 17. Apr 2018, 18:49

Seresa hörte dem Lasombra aufmerksam zu. Ein Schmunzeln umspielte ihre Lippen, als der Schatten von ´etwas Einfachem´ sprach, doch die Freude darüber erreichte ihre Augen nicht. Einen Moment schien sie zu zögern. Offensichtlich schien ihr nicht zu gefallen, worauf dieses Gespräch letzten Endes hinauslaufen würde. Dennoch war sie zu ihm gekommen und wollte lernen, weshalb sie ihm schließlich zunickte.

„Nun gut, wohlwerter Ilario. Mutmaßungen unter dem Deckmantel des Schweigens.“

Sie blickte dem Schatten schweigend einige Augenblicke in die Augen, als erwartete sie ein zustimmendes Zeichen von ihm. Als sie jenes erhalten hatte, fuhr sie fort.

„Würde man das Geschehen unter dem Blickwinkel betrachten, dass es einfach wäre, hätten wir einen treuen Vasallen Mailands gesehen, der für seine Lehnsschwester und seinen Lehnsherren Partei ergriff. Die Demonstration, dass Mailand geschlossen steht und füreinander eintritt. Dass ein Angriff auf einen Vasallen die Verärgerung aller Vasallen und ihrer höchst verehrten Majestät Totila auf und nach sich zieht. Dass Mailand bereit ist mit allen Mitteln und mit aller Härte zurückzuschlagen. Dass sie ihnen ihre Macht entreißen und dass sie sie vor den Augen aller in den Staub treten würden. Die Ernennung des wohlwerten Titus zur Geißel wirkt wie der hilflose Versuch ihrer höchst verehrten Majestät Aurore sich gegen die Dreistigkeit Mailands zu erheben, indem sie denjenigen, der sich gegen Mailand positioniert hatte und von Mailand abgesetzt wurde, nun an eine Stelle setzt, die ihm erlaubt mit allem angestauten Hass zurückzuschlagen, sollte sich Genua eines Nachts aus der Umklammerung Mailands lösen können.“

Für einen Moment schwieg sie, dann wechselte sie ins Französische. Der Wechsel selbst erfolgte dabei so scheinbar mühelos und ohne Vorwarnung, dass es nur allzu deutlich wiederspiegelte, dass sie keinen Zweifel dran hegte, dass Ilario sich schnell genug auf einen solchen Wechsel einstellen konnte. Doch sie waren nicht allein in diesem Raum und offensichtlich war sie sich seiner Verschwiegenheit gewiss, jedoch nicht den anderen, welche sich im Elysium befanden. Ihre Stimme war leise, gedämpft und ein melodischer, weicher Singsang einer hier fremden Sprache.

Sie sprach viel und sie sprach lange und versuchte so genau wie möglich dem Schatten das Bild zu zeichnen, welches sich ihr neben dem offensichtlichen geboten hat. Schließlich endete sie.

Ihre braunen, gefühlskalten Augen ruhten ruhig in denen des Lasombras, während sie schwieg und dennoch damit ihn ansah als wollte sie ihn fragen, ob seine Einschätzung, dass ihr Blickwinkel ein anderer sei, als der der meisten, noch immer zutreffen war. Danach wechselte sie unvermittelt zurück ins Italienische, während sie mit den Schultern zuckte.

„Wie ich bereits sagte, wohlwerter Ilario. Meine Kenntnisse der Politik sind bedauerlicherweise sehr bescheiden, weshalb ich an einer für Euch einfacheren Frage, verzweifeln und letzten Endes gar scheitern muss. Jedoch hoffe ich sehr, dass es zu keinem weitreichenden Konflikt zwischen dem wohlwerten Titus und meinem wohlwerten Bruder im Blute Ajax kommt. Ich schätze beide Männer sehr, doch sind sie Beide mit einer verbissenen Sturheit und einem starren schwarz-weißen Denken gesegnet, welche es einem schwer macht ihre Sicht der Dinge zu erweitern oder gar zu verändern, sofern man nicht bereit ist, sie mit aller Gewalt und allen Mitteln in ihre Köpfe hinein zu prügeln.“

Seresa seufzte schwer und schüttelte fast verzweifelt den Kopf.

„Nun, wie dem auch sei, wohlwerter Ilario, ich hoffe, meine Euch gegenüber geäußerten Mutmaßungen waren nicht unangemessen oder gar beleidigend. Bitte seid versichert, dies wäre niemals meine Absicht gewesen. Die Wahrheit im Spinnennetz der Lügen zu erkennen und Intrigen zu durchschauen ist eine undankbare und wahrlich schwierige Aufgabe.“

Seresa verneigte stumm ihr Haupt vor dem neuen Kastellan ihrer höchst verehrten Majestät Aurores, als wollte sie für ihr eigenes Untermögen um Entschuldigung bitten. Die Dauer der Verneigung legte jedoch offen, dass darin womöglich noch etwas mehr als nur diese Wahrheit lag.
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