[1006] Das tägliche Gesindel [Seresa]

Wenn die Sonne hinter das Appenningebirge sinkt, kriechen die Verdammten aus ihren Löchern. Dies sind ihre Geschichten.

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Re: [1006] Das tägliche Gesindel [Seresa]

Beitrag von Sousanna » Sa 17. Mär 2018, 13:30

Die Hehlerin war schon ruhigen, aber keineswegs langsamen Schrittes in Richtung des besagten Kollegen gegangen. "Er macht sich, wie ich gehört habe, Notizen über seine Geschäfte.", blieb die leichtfertige Erklärung. "Die genaue Darstellung kenne ich noch nicht. Also gibt es nichts, was ihr genau wissen oder beachten müsst. Er gehört nicht zu mir - ist sozusagen ein Freier und nimmt gegen einen Abschlag unseren Schutz entgegen. Besagter Abschlag wird allerdings immer weniger - obwohl es der Markt nicht bedingen würde. Irgendetwas ist also ohne Zweifel im Busch. Die Frage ist nur was."

Die beiden Töchter der Nacht betraten einen Teil der Stadt, der nicht ganz so heruntergekommen schien. Ein etwas besserer Ort für etwas bessere Menschen. Recht zielstrebig trat sie auf ein kleineres Häuschen zu und würde Seresa noch einmal zuraunen: "Aber fürs Erste fragen wir natürlich nur ganz höflich nach."
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Re: [1006] Das tägliche Gesindel [Seresa]

Beitrag von Seresa » Sa 17. Mär 2018, 23:49

„Natürlich, Sousanna.“

Seresas Stimme war leise und gedämpft.

„Wir sind schließlich keine Monster.“

Ein schmales Lächeln umspielte Seresa Mundwinkel, während sie Sousanna zunickte und in Richtung Tür wies, um ihr den Vortritt zu lassen.

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Re: [1006] Das tägliche Gesindel [Seresa]

Beitrag von Sousanna » So 18. Mär 2018, 14:28

Kurz blitzte ein Lächeln über die ebenmäßigen Züge. Eines, das gefährlich wie ein fein geschliffenes Schwert und ebenso süß wie Honig schien. Ihr gefährlichster Gesichtsausdruck, wie die Brujah inzwischen wusste. Das Monster in ihrem Inneren schien den Witz mehr als nur ein wenig lustig zu finden.
Doch in dem Moment, da sie die Tür aufschob, war da nur noch der freundliche Blick einer Händlerin zurück geblieben.

So traten die beiden Frauen ein und ein junger, seltsam ungesund aussehender Mann schien etwas zusammenzusacken als er die andere Hehlerin erkannte. Doch er lächelte tapfer, während er sich am ungewaschenen Hals kratzte. "'Sanna schön, dass du es noch geschafft hast. Euer Junge hat mir schon Bescheid gesagt, dass du heute kommst." Kurz wandte sich der Blick zu der Fremden. "Eine Freundin von dir?"
Fröhlich strahlte die Angesprochene zu ihm hinüber und würde sich, so die zweite Tochter der Nacht es zulassen würde, sich bei dieser unterhaken. "Ganz genau - und sie ist so gebildet. Da könnt ihr beide mir sicher ganz genau erklären, was du da alles aufgeschrieben hast." Sie schaffte es, tatsächlich freudig aufgeregt zu klingen, als läge hier nicht die Spur einer Bedrohung im Raum.

Der junge Kerl lächelte noch etwas unsicher. Er hatte es nicht verhindern können, noch etwas blasser zu werden, als er von einer zweiten Prüferin erfuhr. Nervös zupfte er an seinem Ärmel und würde sich unangenehm berührt daran machen einige Blätter Pergament zusammenzusuchen.
"Wie ... schön.", log er schlecht, ehe er etwas ehrlicher erklärte: "Ich weiß sowieso nicht, warum Tiziano will, dass du von mir so etwas ... lernst. Er hat doch genügend Leute."
Sousannas lächelte bloß und zuckte gelassen die Schultern. "Ich hab nicht nachgefragt - du weißt doch, wie wenig er Nachfragen mag. Seine Gründe wird er haben", gab sie zurück und zwinkerte ihm verschwörerisch zu.
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Re: [1006] Das tägliche Gesindel [Seresa]

Beitrag von Seresa » Mo 19. Mär 2018, 08:01

Seresa ließ Sousanna bei sich unterhaken. Sie nickte der Ravnos gar zu und schenkte ihr dabei ein Lächeln. Das weitere Gespräch schien die Brujah interessiert verfolgt zu haben. Als Sousanna geendet hatte, ging ihr Blick zu Sousanna. Ein leises Seufzen erklang.

„Ich beneide dich um ihn, werte Freundin. Tiziano will einfach immer nur das Beste für dich.“

Dann gingen ihre Augen zurück zu dem jungen Mann.

„Ich bin sehr gespannt zu sehen, was du meiner werten Freundin beibringst. Sie hatte so viel Gutes von dir erzählt. Womöglich kann ich selbst noch etwas von dir lernen. Man lernt schließlich nie aus.“

Ein höfliches Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Nicht wahr?“

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Re: [1006] Das tägliche Gesindel [Seresa]

Beitrag von Sousanna » Mo 19. Mär 2018, 18:54

Dass der Mann mit dem straßenköterfarbenen Haar noch etwas mehr erbleichte, als man den verschrienen Anführer dieser Bande Verbrecher und Nichtsnutze erwähnte, ließ darauf schließen wie sehr es ihm davor graute, dass eben dieser von irgendetwas erfuhr, was er tat.
Und er schien durchaus intelligent genug zu sein, zu erahnen, dass des Schlägers kleine Griechin wohl kaum Unterricht von ihm benötigte. Zumindest ließ sein Lächeln das vermuten. Es wirkte, als hätte er schlimme Zahnschmerzen.

"Dann kommt her.", bat er unnötigerweise, denn Sousanna war schon zu ihm getreten, um einen neugierigen, eifrigen Blick auf die Schriften zu werfen. In mädchenhafter Manier begann sie sofort recht dümmliche Fragen zu den Vorgängen des Handels zu stellen, was ihr Opfer wohl etwas beruhigter, denn er schien bald eher an belanglosen Flirts mit der Schönen interessiert, als auf seine Worte zu achten.
Auch Seresa würde Einblick erhalten. Die Aufzeichnungen zeugten von jemandem, der sicher irgendeine Form von Bildung genossen, aber wohl entweder die Hälfte wieder vergessen oder nie erhalten hatte. Die Schreibung war katastrophal, hin und wieder behalf er sich mit kleinen Skizzen und Umschreibungen - doch vor allem folgten die Zahlen keiner Logik. Vor allem die Ergebnisse am Ende schienen völlig willkürlich niedrigere Zahlen zu sein, als sie eigentlich hätten sein müssen.
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Re: [1006] Das tägliche Gesindel [Seresa]

Beitrag von Seresa » Mo 19. Mär 2018, 20:00

Seresas Augen wanderten ruhig über die Aufschriebe. Gelegentlich zogen sich ihre Augenbrauen leicht fragend zusammen, als versuchte sie aus den kleinen Skizzen und Umschreibungen schlau zu werden. Dann lächelte sie.

„Was für eine überaus schöne Herangehensweise.“

Die Stimme der Brujah klang begeistert, während sie auf eine der Skizzen deutete.

„Sieh nur, werte Freundin. Da sind Bilder, um Dinge zu erklären, für die es kein passendes Wort zu geben scheint.“

Seresa lächelte ihre neue Freundin an, bevor sie zu dem Mann blickte.

„Würdest du es mir vielleicht erklären?! Das ist so neuartig und kreativ! Es ist so gänzlich anders, zu dem was mein Vater mir beigebracht hatte.“

Ein leises, fast bedauerndes Seufzen war zu hören.

„Seine Herangehensweise wirkt dagegen so veraltet und rückständig.“

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Re: [1006] Das tägliche Gesindel [Seresa]

Beitrag von Sousanna » Mo 19. Mär 2018, 22:04

Die Ravnos strahlte zurück - und auch der junge Mann, Alfredo hatte er sich genannt, strahlte der unbekannten Freundin seiner Schülerin entgegen. Da noch immer keiner auf die Unstimmigkeiten aufmerksam geworden war, schien er langsam sicherer geworden, denn in prahlerischer Manier lehnte er sich nach vorne und verkündete, solche Methoden hätte er auf Reisen ins Land der Franken gelernt.
Während Sousanna in Lobgesänge über weitgereiste Männer ausbrach und der Hehler in weiterem Prahlen darauf aufmerksam machte, dass man so viel schneller Wiederkehrendes erkennen konnte als durch solche Buchstaben, würde Seresa das Gefühl bekommen, dass sich der Blick der dunklen Augen auf ein häufig wiederkehrendes Symbol heftete. Eine sehr kritische Falte bildete sich zwischen den Brauen und kündete wie Wetterleuchten von drohendem Gewitter. Doch noch plapperte Alfredo recht unbeschwert weiter.
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Re: [1006] Das tägliche Gesindel [Seresa]

Beitrag von Seresa » Do 22. Mär 2018, 00:17

Seresas Lächeln wurde breiter, als der junge Mann über Franken erzählte. Womöglich sogar etwas wohlwollender und ehrlicher. Interessiert fragte sie nach, wo in Franken er bereits war. Sie selbst stamme aus Grenoble. Eine sehr schöne Gegend. Vor allem die Nähe zu den Bergen. Sie vermisse den Schnee und den prächtigen Bischofsitz. Der Glaube sei dort noch sehr stark. Falls er jemals soweit in den Norden käme: Es wäre äußerst schön dort. Auch Marseille wäre schön gewesen. Die großen Schiffe dort wären beeindruckend gewesen. Genua hätte sicherlich auch überaus imposante Schiffe, aber die Schiffe in Marseille wären doch noch etwas anderes gewesen. Dann wurde ihr Blick jedoch etwas betrübter.

„Ich frage mich bis heute, weshalb mein geliebter und höchst verehrter Vater Grenoble verlassen hatte. Warum es unbedingt Genua sein musste.“

Die Brujah schüttelte leicht den Kopf.

„Seid die Heiden vor bald drei Jahren die Stadt überfallen hatten, ging es nur noch Berg ab für uns. Von allen Seiten kamen sie auf uns zu und drohten uns alles zu nehmen, sollte wir nicht zahlen, was sie verlangten. Mein armer, alter Vater war so verzweifelt.“

Seresa schüttelte leicht den Kopf und bekreuzigte sich.

„Der Krieg und seine Folgen brachten wahrlich das Schlechteste in Allen zu Tage. Güte und Barmherzigkeit schienen ach so fern. Doch dann lernte ich meine Freundin besser kennen und über sie dann auch Tiziano. Unter dem gewährten Schutz geht es uns nun gut. Mein geliebter und höchst verehrter Vater kann sogar das kleine Bisschen was uns mehr bleibt, dem Herrn opfern. Tiziano ist solch ein beeindruckender und hilfsbereiter Mann, wenn man ehrlich mit ihm und mit seinen Sorgen zu ihm kommt. Nicht wahr, werte Freundin?“

Sie schenkte Sousanna ein mildes Lächeln.

„Er lässt mich sogar meine wunderbare Freundin begleiten, die mir so viele neue und interessante Dinge zeigt. Von der ich noch so viel lernen darf.“

Ein kurzes Nicken in Richtung der Ravnos erfolgte.

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Re: [1006] Das tägliche Gesindel [Seresa]

Beitrag von Sousanna » Fr 23. Mär 2018, 21:39

Die Ravnos hätte sich lieber die geschickte Zunge abgebissen, als ihrer neuen "Freundin" zu sagen, dass sie überrascht war, wie sehr sie sich auf dieses Spiel einließ. Doch wenn sie ehrlich war, bekam sie langsam ein wenig Respekt vor Seresa. Offensichtlich war sie nicht ganz so unnütz, wie sie sich in ihren letzten Begegnungen gezeigt hatte.
Während sich die junge Frau damit beschäftigt hatte, ihr gemeinsames Projekt abzulenken und einzulullen, war ihre Konzentration auf den Rechnungen gelegen.

Auf den Hinweis auf Tizianos Großzügigkeit und Güte dann, blitzte etwas in den Augen der Griechin auf. Eine tiefe Gefahr schien darin zu glimmen. Eine leise, tiefe Gefahr, die langsam erwachte und drohte demnächst etwas zu verschlingen. Doch noch war es in Honig getunkt. Noch lächelte das Raubtier.
"Oh ja", säuselte sie und blickte über den Hehler hinweg zu ihrer Begleiterin herüber, wobei plötzlich ein sehr viel engerer Körperkontakt zwischen ihr und ihrem Opfer zu Stande kam. Seinem Blick nach zu schließen, war er sich selbst nicht ganz sicher ob er das genoss oder furchteinflößend fand. Auch er musste fühlen, dass sich dort gerade eine entfesselte Raubkatze an ihn schmiegte. "Tiziano ist ein wunderbarer Mann. Mich hat er ja damals auch so gütig aufgenommen, als ich hierher gekommen bin."
Mit einem Seufzen ruhte nun ihre Wange fast an seiner Schulter. "Er hat mich vor all den bösen Kerlen beschützt. - Und mir ein Zuhause gegeben." Ein verliebtes Lächeln flackerte kurz zu ihm empor, ehe es mit einem Mal erlosch wie eine Kerze.

"Ich denke, dir hat er auch viel Gutes getan?" Die Frage enthielt ein Messer. Alfredo wurde etwas bleicher und sein Schlucken verriet von seiner Unsicherheit. Dennoch war seine Antwort etwas zu hastig. "Ja, ja.", erwiderte er und schaffte es, sich beinahe bei diesen beiden Worten zu verhaspeln.
Sousannas Lächeln wurde noch süßlicher, noch gefährlicher. "Du weißt, dass er verzeiht, wenn man ihn nur um Vergebung bittet?", raunte sie leise kaum hörbar und schien seinen Blick mit dem ihren zu fesseln.
Die Lippen des jungen Mannes wurden beinahe weiß, da er sie zusammenkniff, nachdem sie ein "Es gibt nichts zu verzeihen" hervorgebracht hatten.
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Re: [1006] Das tägliche Gesindel [Seresa]

Beitrag von Seresa » Sa 24. Mär 2018, 09:36

„Nein. Nein, natürlich gibt es nichts zu verzeihen, Alfredo.“

Die Brujah lächelte sanft, während ihre Finger ruhig und ohne Eile das Buch schlossen, bevor sie es zu sich zog.

„Denn um Vergebung zu bitten würde bedeuten, dass man einen Fehler, den man begangen hat anerkennt, ehrlich bereut und um die Situation weiß, in welcher man sich befindet. Hier…“

Ihr Handrücken fegte leicht über die oberste Seite.

„…würde doch niemand einen Fehler finden.“

Seresa lächelte sanft, während sich ihre Hand flach auf seine Aufschriebe legte.

„Es ist schließlich nur eine neuartige, kreative und überaus schöne Herangehensweise. Nicht wahr, Alfredo?!“

Die Brujah schwieg für einen Moment, während ihr Blick auf Sousanna wanderte.

„Nun, ich weiß nicht wie es dir geht, werte Freundin, aber so wirklich verstanden habe ich die Aufschriebe noch nicht. Womöglich sollten wir damit zu Tiziano gehen und ihn bitten es uns noch einmal genauer zu erklären.“

Seresa zuckte leicht mit den Schultern und schickte sich an, die Aufschriebe unter den Arm zu nehmen und aufzustehen. Aufmerksam verfolgten ihre Augen die Reaktion des jungen Mannes. Dann hielt sie in der Bewegung inne. Sie stand und ihre Hand ruhte noch immer flach auf dem Buch.

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