[1004] Ein unerwarteter Besuch [Federico Augusto]

Wenn die Sonne hinter das Appenningebirge sinkt, kriechen die Verdammten aus ihren Löchern. Dies sind ihre Geschichten.

Moderatoren: Toma Ianos Navodeanu, Acacia

Benutzeravatar
Sousanna
Ravnos
Beiträge: 1597
Registriert: Mo 14. Nov 2016, 21:12

Re: [1004] Ein unerwarteter Besuch [Federico Augusto]

Beitrag von Sousanna » Fr 12. Jan 2018, 19:51

Ein anmutiges Nicken war die Antwort darauf, doch es wirkte etwas brüchig.
Je mehr die Stimme dieses Wesens erklang, desto mehr krochen die kalten Schauen ihren Rücken empor. Strichen mit eisigen, dünnen Fingern über ihren Nacken und ließ die sonst so kaltschnäuzige Ravnos sich fragen, ob sie nicht doch langsam zu ihrer Kinderschar oder besser zu den schützenden Armen ihres Kettenhundes zurückkehren sollte.
Unruhig begannen von Diebstahl geübte Finger an dem dunkelgrünen Rock herumzunesteln und weiße Zähne nagten an ihrer vollen Unterlippe herum, während ihr Blick hin und wieder nach hinten flackerte.

"Ich beanspruche nur die Kinder und deren Eltern.", erklärte sie schließlich bemüht sachlich. "Das Dorf interessiert mich nicht."

Benutzeravatar
Federico Augusto
Nosferatu
Beiträge: 20
Registriert: So 7. Jan 2018, 15:26

Re: [1004] Ein unerwarteter Besuch [Federico Augusto]

Beitrag von Federico Augusto » Fr 12. Jan 2018, 23:47

"Ich...verstehe."

Es verstrich eine kleine Zeitspanne, während der der Schatten schwieg. Sein Blick ruhte auf ihrem Kettenhund. Längere Zeit, als vielleicht angebracht war. Unweigerlich war dabei wohl auch eine Frage mit im Spiel, die man in angesehener Gesellschaft nicht stellte. Eine respektlose, gewalttätige Frage.
Er stellte sie nicht.

"Ich will euch nicht über Gebühr abhalten, meine Dame, und die Störung eurer Geschäfte tut mir Leid. Fortan werde ich...eure Kinder mit dem euch zustehenden Respekt behandeln, und sie nicht länger belästigen.
Die Umstände versagen mir, euch in sehr viel angenehmerer Umgebung vorstellig zu werden. Gibt es daher etwas...mit dem ich euch behilflich sein kann? Es ist recht dreist von mir, ich weiß und bitte um Verzeihung. Doch seht es als eine winzige Gefälligkeit eines Neuangekommenen an die Alteingesessenen."


Ein Maul klaffte unter der Kapuze auf, breit und voller gelblicher Zähne, die nur undeutlich zu erkennen waren. Ein Lächeln - oder ein gefräßiges Grinsen.
Noch bin ich frisch in der Gegend, doch ich versichere euch: Ich kann vieles finden, was andere für unmöglich halten. Begehrt es euch nach einem alten Relikt? Einer Lösung für ein hartnäckiges...Problem? Kunde aus der fernen Heimat? Es gibt kaum ein Geheimnis, das ich nicht für euch ergattern kann.
Nicht einmal die des Grabes."
Es besteht kein Grund, dass Ihr eure Hände beschmutzt, mein Herr. An meinen klebt genug Dreck für uns beide.

Benutzeravatar
Sousanna
Ravnos
Beiträge: 1597
Registriert: Mo 14. Nov 2016, 21:12

Re: [1004] Ein unerwarteter Besuch [Federico Augusto]

Beitrag von Sousanna » Mo 15. Jan 2018, 13:17

Ihr Blick folgte dem Seinen. Man konnte keine Verurteilung jener doch sehr respektlosen Frage erkennen, doch in ihren Augen lag die dezente Verneinung dieser Anfrage auf Gewalt. So leicht, dass man meinen konnte, man hätte es sich nur eingebildet, schüttelte sich das Haupt der Dame. Den Kindern mochte besonderer Schutz zu Teil werden. Ihr Eigentum aber bewachte sie noch eifersüchtiger. Das war wohl die Art der schönen Frauen aus dem Orient.

"Ihr habt nicht gestört.", erwiderte sie allerdings mit jenem leichten, höflichen Lächeln auf den vollen Lippen. "Nur seid ihr aufgefallen. Wenn es euch erfreut, stört es mich auch nicht, wenn ihr sie weiterhin besucht. Nur tut ihnen kein Leid."
Dann aber trat Nachdenklichkeit in Sousannas Blick. Es war leichtsinnig hinter diesem so ... zuvorkommenden Angebot keine List zu erwarten, doch es wäre eine gute Gelegenheit. Eine Möglichkeit etwas zu erledigen, dass sie schon lange quälte. Die vollen, so zum Kuss einladenden Lippen wurden zu einem schmalen, nachdenklichen Strich, während ihre Gedanken offenkundig rasten. "Es ist sehr freundlich von euch, mir so etwas anzubieten. Tatsächlich suche ich etwas", begann sie dann langsam, die Gestalt genau fixierend. "Ich suche einen Ort. Einen für meine Geheimnisse. Ich sollte Dinge ungesehen lagern können. So ihr so etwas findet, wäre ich euch zu Dank verpflichtet und würde euch mit meinen Künsten zur Verfügung stehen."

Benutzeravatar
Federico Augusto
Nosferatu
Beiträge: 20
Registriert: So 7. Jan 2018, 15:26

Re: [1004] Ein unerwarteter Besuch [Federico Augusto]

Beitrag von Federico Augusto » Mo 15. Jan 2018, 21:44

Die Kreatur zögerte einen Augenblick, als Sousanna ihre Einladung aussprach, dann sagte sie:
"Ich mache keine Besuche zum Amüsement."
Daraufhin ließ sie das Thema fallen. Sie würde die Kinder in Ruhe lassen, in jeglicher Hinsicht, so viel hatte sie vorerst versichert. Alles weitere würde sich zeigen.

Die Bitte um einen geheimnisleeren Ort hielt sie dagegen nicht lange auf. Die Kreatur nickte eifrig.
"Ein vernünftiges Begehren, eine gute Wahl. Habt ihr euch bereits auf den Friedhöfen umgetan, in den Kirchen? Solche verfügen gewöhnlicherweise über stumme Ecken, die selten gestört werden. Insbesondere die Grüfte..."
Es besteht kein Grund, dass Ihr eure Hände beschmutzt, mein Herr. An meinen klebt genug Dreck für uns beide.

Benutzeravatar
Sousanna
Ravnos
Beiträge: 1597
Registriert: Mo 14. Nov 2016, 21:12

Re: [1004] Ein unerwarteter Besuch [Federico Augusto]

Beitrag von Sousanna » Di 16. Jan 2018, 12:58

Noch besser. Die Ravnos hatte absolut kein Problem damit, wenn sich diese Kreatur von ihren Schützlingen fernhalten würde. Je ferner fremde Blutsauger ihr und den ihren blieben umso besser.
So nickte sie und ihr zuvor ausschließlich höfliches Lächeln gewann etwas an Wärme und Anerkennung. Wenn diese Gestalt schon aussah wie ein Monster aus den schlimmsten Albträumen eines Kindes, vernünftig war sie offensichtlich.

Das eifrige Nicken ließ sie noch etwas wärmer dreinblicken und seufzend ließ sie ihren Blick schweifen, als suche sie hier auf diesem dunklen Acker eine Krypta, die es zu erobern galt. Die schlanken Arme hatten sich hinter ihrem Rücken verkreuzt so dass die schöne, zierliche Gestalt mit dem wachen Blick für einen kurzen Augenblick den Anschein eines Scholaren machte, der ein wichtiges Thema durchdachte.
"Ich habe darüber nachgedacht, doch in der Stadt erschien es mir zu auffällig, Kisten auf Friedhöfen zu lagern und hier in diesen Gegenden kenne ich mich noch nicht gut genug aus.", erklärte sie dann nachdenklich.

Benutzeravatar
Federico Augusto
Nosferatu
Beiträge: 20
Registriert: So 7. Jan 2018, 15:26

Re: [1004] Ein unerwarteter Besuch [Federico Augusto]

Beitrag von Federico Augusto » Di 16. Jan 2018, 17:15

"Dort sind Geheimnisse am sichersten, dort kann sie niemand stehlen: Im Grab."
Federico gluckste. Ein dunkles Geräusch, das aus seiner Kehle blubberte.
"Meistens jedenfalls."

Vielleicht war die Kreatur nicht so sehr vernünftig als viel mehr vernunftbegabt. Aber letzten Endes machte das wenig Unterschied: Die von ihm präsentierte Maske blieb die gleiche.
"Ich werde für euch nach einem geeigneten Versteck suchen. Wie überall wird es auch hier Ecken und Nischen geben, in denen wir zu vergessendes verstecken können. Ich werde in der Gegend eine Nachricht an euch hinterlassen, Sousanna, wenn euch dies genehm ist?
Auch wenn es mir, wenn ihr erlaubt, etwas seltsam vorkommt. Ihr seid länger hier als ich, wie ich annehme, da ihr so gut mit der örtlichen Jugend auskommt. Es wundert mich, dass ihr Kunde über eure eigene Heimat verlangt."
Es besteht kein Grund, dass Ihr eure Hände beschmutzt, mein Herr. An meinen klebt genug Dreck für uns beide.

Benutzeravatar
Sousanna
Ravnos
Beiträge: 1597
Registriert: Mo 14. Nov 2016, 21:12

Re: [1004] Ein unerwarteter Besuch [Federico Augusto]

Beitrag von Sousanna » Di 16. Jan 2018, 20:08

Sousanna zeigte ein leichtes Schmunzeln. Ob es nun reine Höflichkeit oder tatsächlich mildes Amüsement war, war kaum zu erkennen. Der Umgang mit anderen Kindern Kains schien ihr ins tote Fleisch übergegangen zu sein. Einer Maske gleich, die so fest mit der rosigen Haut verwachsen war, dass man sie nicht mehr abnehmen konnte, ohne eine schwere Verletzung zu verursachen.

Dann aber schien sie tatsächlich lachen zu müssen. Glockenhell ließ ihr Lachen die Nacht zu erleuchten. Wäre unter ihrer zerbrechlichen Verkleidung kein Monster gesteckt, das seine Lippen regelmäßig mit Blut benetzte, hätte man ihr die Unschuld in jenem Augenblick ohne zu zögern abnehmen können.
"Ich hoffe, dass ich nicht aussehe, als würde ich hierher gehören", erwiderte sie mit schelmisch blitzenden Augen. "Meine Heimat ist Ravecca, jenes Viertel, das ich im Senat vertrete. Hier bin ich nur um ... mich von meinen Geschäften zu erholen." Das Grinsen der Ravnos erinnerte an das einer Raubkatze, die von der Maus sprach, die sie bereits in ihren Tatzen gefangen hielt.

Antworten