[1003] Blut, Freude, Tränen [Livia]

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Sousanna
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[1003] Blut, Freude, Tränen [Livia]

Beitrag von Sousanna » Mi 29. Nov 2017, 11:06

In diesen Nächten schien die Dunkelheit noch dunkler zu sein. Die Schatten erinnerten noch mehr an Tinte, die eine viel zu große Hand ausgegossen hatte und die Düsternis lag auch auf den Seelen der Menschen. Misstrauen lag in de Luft, war beinahe greifbar. Kaum ein Lächeln erhellte noch ein Gesicht. Noch weniger bei Nacht. Selbst Fackeln, Kerzen und Lämpchen schienen die Düsternis noch vollends zu durchdringen. Wirkten eher wie blasser Hohn gegen jene dunkle Sorge, die an jedem der Bewohner Genuas zu nagen schien.
In den Wirren des Krieges, in denen die Gewalt schlicht zum Stadtbild gehörte, war es noch weniger als sonst verwunderlich, wenn sich eine Rotte abgerissener Gesellen vor einer winzigen Gasse aufgebaut hatte und man dahinter schmerzhaftes Stöhnen und den dumpfen Klang, von Fleisch das auf Fleisch eindrosch, zu vernehmen mochte. Es war ein ganz klares Signal, dass man die Umgebung dieser Gasse meiden sollte.

Und dennoch schritt eine zierliche Gestalt zielstrebig auf die gewiss mindestens einen Kopf größeren Männer zu. Es war eine ungewöhnlich schöne Frau für diese Gegend ungewöhnlich guter Kleidung. Nichts an ihr schien etwas mit dem offensichtlich verbrecherischen Treiben der Bande zu tun zu haben, war sie doch anscheinend eben so sanft und unschuldig wie ein Lamm. Vielleicht eine niedere Adelige, die versuchte zu retten, was noch zu retten war. Doch dafür begegneten ihr die Kerle mit entschieden zu viel Respekt.
Kurz wurden einige Worte gewechselt, fast als nähme sie einen Bericht an, dann teilte sich der unüberwindbare Wall vor der Schönen und mit einigen letzten Grüßen nach hinten, zogen die Kumpanen von dannen, blieben aber in den Gassen um diesen Ort verteilt.

Nun konnte man die wenig überraschend Szenerie erkennen. Ein Mann über einem anderen, der auf dem Boden zusammen gekrümmt lag, hielt in seinem letzten Tritt inne und blickte die Brünette an, die so gelassen auf ihn zuschlenderte, als spaziere sie gerade durch einen hübschen Garten. Ein Lächeln teilte seine vernarbten Züge, ließ sie weicher erscheinen und erinnerte daran, dass der großgewachsene Kerl vielleicht eines Tages hübsch gewesen war, ehe er sehr viele falsche Entscheidungen in seinem jungen Leben getroffen hatte.
"Ich sehe der Junge hat dich erreicht", grinste er und es lag eine gewisse Selbstzufriedenheit in seinem Blick und der Art wie er weitersprach, während er träge mit dem Fuß in die Seite des Körpers zwischen ihnen stupste. "Ist nichts besonderes, war aber nüchtern genug, zu versuchen, wegzulaufen."

Sie seufzte so schwer, als fühle sie doch eine Form des Mitleids für den armen Teufel der vor ihr lag. Kurz sanken ihre schmalen Schultern und sie strich sich offensichtlich müde übers Gesicht. "Ich bin so froh, wenn das alles vorbei ist.", murmelte sie und selbst wenn in ihrer Stimme die Unschuld ihres Äußeren mitschwang, so brach sich eine gewisse Härte darin, die aber gewiss den Umständen geschuldet war. "Endlich wieder Würde und Vergnügungen, statt in diesem Elend ersaufen."
Überraschend schnell für einen derart bulldoggenartigen Mann, stieg der Dunkelhaarige über sein Opfer, um die augenscheinlich so junge Frau in seine Arme zu schließen und ihr übers Haar zu streichen. "Bald, kleines Rehlein, bald wirst du wieder die Königin dieser Stadt. Bald labst du dich an den Besten und Schönsten und vergisst dein Leid.", raunte er ihr zu und für einen Moment wirkten sie so aneinander geschmiegt, wie ein Liebespaar, das sich einen sehr seltsamen Orten für ihre Nähe gesucht hatte.

Dann löste sie sich wieder von ihm. "Es muss sein.", flüsterte sie, kniete sich schließlich über den am Boden Liegenden. Rasch zog sie etwas aus ihrem Gürtel hervor, während er am Rand der Gasse Position bezog, seine Herrin zu bewachen.
Eine Klinge blitzte auf, dann neigte sie sich über den Bewusstlosen. Ihre vollen Lippen fanden eine frisch geschlagene Wunde, dann begann Sousanna zu trinken.
Ach! es sey die letzte meiner Thräne,
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Re: [1003] Blut, Freude, Tränen [Livia]

Beitrag von Livia » Mi 29. Nov 2017, 17:56

Schwere drückende Dunkelheit, kalte nasse Straßen, ein bitterer Hauch von Tod in der Luft, wuselndes Gekreuch und Gefleuch auf jeder Straße,
ärmliches
Wimmern und Schluchzen von Witwen, Waisen, Armen und den schier endlosen Kriegsversehrten... Genua hatte gelitten.

Doch nicht für Livia. Livia kannte Genua nur so. Dies war Genuas Seele. So war es in Ihre gedrungen... kalt, nass, drückend und dunkel - für ein lichtscheues Reptil wohl perfekt! Für die junge italienische Setitin hingegen eine stumme Qual. Aber, so war es nun einmal... "Genua sehen, und leiden.", so sprach man doch schon in der halben Welt - oder?

Wie üblich schritt sie aufmerksam durch die Gassen, auf der Suche nach einer guten Beute. Da hatte sie einen Kneipengänger entdeckt, dessen Fahne aus der Nähe noch nicht beängstigend war - in dieser Zeit gar nicht so einfach in Genua - sie war ihm etwas gefolgt, wie die Katze der Maus, nein, wie der Floh der Ratte.

Doch dann war er unverhofft in eine latent einseitige Auseinandersetzung geraten, höchst verwunderlich. Eine Auseinandersetzung mit viel zu eingespielten Gegnern, hochgenommen, wortwörtlich. Armer Tropf. Livia hatte die Szene beobachtet, spannend, womöglich eine ganz andere Option, als nur eine Mahlzeit. Sie war auf Distanz und unauffällig geblieben und hatte nichts getan, als der Mann winselnd am Boden lag. In ihren Gedanken sprach sie ein züchtiges Gebet, doch es war nicht ihre Rolle, Pflicht und Tugend einzugreifen - dazu waren die Milites da, oder Büttel, oder wer auch immer hier noch lebte und seine Waffe nicht gegen die Hilflosen richtete.

Erst als die junge Schönheit ins Bild trat regte sich die Schlange... die hellen Augen wurden geweitet, die vollen Lippen leicht geöffnet und sie schluckte langsam, als sie Zeuge dieser abstrusen Fütterungszeremonie wurde. Nun regte sie sich gar nicht mehr, eine der Ihren, wer wusste schon, wie gut deren Sinne waren... aber mit einem Messer? Was in aller Welt, wie unpraktisch... wie unelegant... wie, quälend. Wie genuesisch...
Das sollte eine Jagd sein? Nun gut, sie war mit Sicherheit effizient... einfach Leute für sich Beute machen zu lassen, aber ihr fehlte alles, alles... kainitische! Es sah aus wie eine Königin, die in der Gosse Essensreste von ihrem Mundschenk gereicht bekam?! Abstrus! Faszinierend...

So stand die Setitin zur Salzsäule erstarrt und beobachtete das weitere Geschehen schlicht heimlich und passiv, leckte sich über die Lippen und wartete. Erregt.

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Re: [1003] Blut, Freude, Tränen [Livia]

Beitrag von Sousanna » Mi 29. Nov 2017, 18:27

Verzweifelt versuchte die Ravnos noch mehr aus ihrem Opfer herauszusaugen, als es ihre Schmach zuließ. Jedes Mal war es frustrierend. Jedes verfluchte Mal hätte sie so verflucht gern weiter getrunken, doch es gab keine Fänge, die die Wunden offen hielten und sie konnte hier nicht auf so offensichtliche Weise immer und immer wieder die Haut dieses Taugenichts zu öffnen.

So war das Spektakel schnell wieder vorbei und ihr schöner Kopf hob sich wieder. Je nachdem wo die unbeachtete Beobachterin sich befand würde sie nun einen roten Schleier über ihren braunen Rehaugen und einen Ausdruck der Qual auf den sonst so attraktiven Zügen zu sehen bekommen.

Ihr muskelbepackter Wächter aber schien um die Pein zu wissen, die jedes Mal im Herzen seiner geliebten Herrin erwachte. In dem Moment, da er hörte, dass sie wohl fertig sein musste, kam er wieder zu ihr und kniete neben ihr nieder, legte sacht eine Hand auf ihre Schulter und versuchte der Tochter der Nacht Trost zu spenden.
Einen Moment bebte ihr Leib noch, während Sousanna sich einmal mehr gewahr wurde, dass ihr verflucht menschlicher Leib sie dazu zwang im Dreck zu knien und sich abzumühen einen Bewusstlosen auszusaugen. Dann strafften sich ihr Schultern wieder und die Tränen verschwanden. Selbstmitleid brachte niemandem etwas. Es gab heute Nacht Geschäfte zu machen und Profit aus dem Elend der Leute zu schlagen. Irgendeinen Nutzen musste das ganze doch haben.
Dafür gewann ihr Blick etwas Entschlossenes. "Sobald ich dieses Drecksviertel wieder aufgebaut habe, werde ich mich nur noch auf Feiern herumtreiben und mich genauso wie meine Bewunderer betrinken.", versprach sie sich selbst, ehe sie ihrem Ghul zärtlich über die Wange strich und ihm zuraunte: "Du hast gut daran getan, mich zu holen. So können wir wenigstens den Rest der Nacht genießen."

Der nun strahlende Schläger bekam noch einen Kuss auf die Stirn gehaucht, ehe sie sich mit der Eleganz einer Gazelle erhob und daran machte, ihre Klinge an ihrem ohnehin besudelten Rock zu säubern. Schließlich würden die Schöne und ihr Wachhund gemeinsam aus der Gasse treten, um ihr beider Nachtwerk zu erledigen.
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Re: [1003] Blut, Freude, Tränen [Livia]

Beitrag von Livia » Mi 29. Nov 2017, 23:26

Einen kurzen Moment schlich sich fast Mitleid in die fremde Kainitin... was für ein armes Wesen. Was für ein verwirrendes Wesen... sie hatte ein erbärmliches Los gezogen, wo sie nicht mit den Fängen speisen konnte oder wollte, aber sie hatte zugleich so viel Majestät an sich. Und sie hatte einen guten Gefolgsmann, eine Art Unterweltskainitin... perfekt! Oder eine verwirrende Kultistin? Schien sich doch wirklich unglaublich menschlich...

Livia beobachtete weiter, folgte unauffällig, wohin die Geschäfte jenes Wesen führen würden und ob sich eine gute und unauffällige Gelegenheit bieten würde, sich zu zeigen. Wobei der Kataphrak an ihrer Seite wahrlich einen unangenehmen Beigeschmack hatte...

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Re: [1003] Blut, Freude, Tränen [Livia]

Beitrag von Sousanna » Do 30. Nov 2017, 10:44

Ja, wohin trugen Sousannas Beine sie? Beging sie Schandtaten, wie man sie von einer Unterweltskainitin erwarten konnte? Nein, gewiss nicht. Alles, was sie tat, war guter ehrlicher Handel. Mit unehrlichen Waren und schmutzigen Methoden zwar, aber das konnte man ja so nicht erkennen. Sie betrat Hütten, ließ sich dort Diebesgut zeigen oder bot etwas an und verließ eben jene Hütten wieder mit einem breiten Strahlen auf den schönen Zügen. Tatsächlich schien die scheinbar so junge Tochter Kains mit jedem Besuch, den sie tätigte, aufzublühen. Eine schöne Wildblume, die durch die Erfüllung ihrer Aufgaben zu immer schönerer Blüte fand.
Die Menschlichkeit stand ihr außergewöhnlich gut und hätte die stumme Beobachterin nicht gesehen, dass sie ein Wesen der Nacht war, so hätte sie ihr kaum zugetraut, dass diese Frau auch nur bösartige Gedanken haben konnte. In den großen, braunen Augen lag melancholischer Sanftmut, ihrer Stimme lauschte man gern ... und ihr Lächeln... Ihr Lächeln schien die Sonne aufgehen zu lassen. Dazu geizte sie nicht damit. Wer auch immer ihr begegnete, bekam einen sachten Sonnenstrahl geschenkt, der so warm schien, wie die Sonne in jenen griechischen Landen aus denen sie zumindest ihrem Aussehen nach stammen musste.

Während ihres Weges berichtete ihr der grobschlächtige Wächter von seinen Tätigkeiten in den letzten Nächten. Hauptsächlich wohl, um der Schönen beeindruckte Blicke und leises Kichern abzuringen, die auch ihn auf seine unbedarft rohe Art zum Strahlen brachten. Schließlich aber raunte sie ihm etwas sehr leises zu, das ihn für einen Moment verstimmt, nach einem weiteren Kommentar aber wieder sehr zufrieden aussehen ließ.
Mit einem rauen Grinsen und einem Kuss schied er von ihr und die junge Frau zog alleine weiter. Schlängelte sich durch die dunklen Gassen Raveccas, als hätte sie nie etwas anderes getan. Ihre Schritte waren nun weniger zielstrebig, viel eher schien sie etwas zu suchen. Etwas, über das sie sich selbst noch nicht bewusst schien.
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Re: [1003] Blut, Freude, Tränen [Livia]

Beitrag von Livia » Do 30. Nov 2017, 15:00

Ravecca war gewachsen und hatte sich verdichtet, vor dem Krieg, früher bestand es ganz aus Hainen, Höfen und Äckern - heute war dies seltener zu sehen. Doch nicht verschwunden.

Als Sousanna gerade am Rand einer solchen Gasse entlangschlenderte, sah sie einen Schemen einige dutzend Schritt vor sich auf eine kleine dieser alten Hofmauern klimmen und sich dort niederlassen. Ein schmaler Schemen, im zarten Schimmern der Sterne, im fast leergefegten Sestiere.
Und wenige Momente später konnte die Ravnos eine zarte und leise Melodie vernehmen, der Schemen auf der Mauer spielte vor sich hin - in feinsten Bewegungen zupfte sie ihre Laute in der Art der reisenden Musiker, nur etwas filigraner - für die geübten Ohren.
Wenig später gesellte sich eine dunkle aber zarte Stimme dazu, von der gleichen Person. Sie sang melancholisch, ließ der Musik den Vortritt, drückte das Gefühl ihrer Finger mit den Worten ihres Mundes aus... sehnsuchtsvoll, leise und irgendwie, düster verliebt schwelgend...


"Roter Mond über weiter See, Herzensglut wärmt uns kalte Seel.
Hoffnugnsschein, in der Nacht, und noch ist der neue Tag nicht erwacht!

Sterne stehn, hell am Firmament! Solche Nacht, findet nie ein End!
Dieser Ort, rau und schön, und wir dürfen seine Herrlichkeit sehn.
Dieser Ort, wild und schön, und wir dürfen seine Herrlichkeit sehn.

Weißer Fels, Holz und Lavendelkraut, weit entfernt schon der Morgen graut.
Fahne weht, weiß und rot, das Meer schimmert, nichts bleibt tot.

Fahrt vorbei, morgen geht es fort. Kommen wir wieder an gleichen Ort?

Osten ist unser Glück und in uns bleibt nur die Erinnerung zurück,
Osten ist unser Glück und wir schwören uns ein neues Zurück."




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Re: [1003] Blut, Freude, Tränen [Livia]

Beitrag von Sousanna » Do 30. Nov 2017, 16:22

Selbst wenn sie es gewollt hätte, Sousanna hätte sich der Stimme nicht entziehen können. Nicht mit aller Macht. Mit einem verzauberten Lächeln trat sie in das Blickfeld der Fremden, lehnte sich in ihrer ruhigen Eleganz an die Mauer ihr gegenüber und schloss die Augen. In diesen Momenten schien sie mit der Ewigkeit eins zu werden. Sanft formten ihre sinnlichen Lippen die Worte mit.
Ja, der Osten war ihr Glück gewesen - und ja, sobald sich die erste Gelegenheit zur Flucht in den Osten bot, würde die Ravnos verschwinden. Kalt war Genua und grau. Warm, bunt und wunderschön dagegen die Stadt ihrer Träume.

So bekam die kleine Gestalt ein sanftes Lächeln zugeworfen, das ihre schönen, von Fremdheit kundenden Züge noch betonte und der Sehnsucht nach der Ferne. "Meine Liebe, ihr habt es eben geschafft, meinem Herzen eine Melodie zu geben.", lächelte sie salbungsvoll zu ihr hinauf. "Sagt, wo habt ihr so schön Singen gelernt?"
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Re: [1003] Blut, Freude, Tränen [Livia]

Beitrag von Livia » Do 30. Nov 2017, 17:10

"Sterne stehn, hell am Firmament! Solche Nacht, findet nie ein End!
Dieser Ort, rau und schön, und wir dürfen seine Herrlichkeit sehn.
Dieser Ort, wild und schön, und wir dürfen seine Herrlichkeit sehn."


Die Worte verklagen langsam, die hübsche Frau hatte noch einige längere Takte gesungen, ehe ihre Stimme schwächer wurde und ihr Blick auf Sousanna verweilend verharrte...

Aus der Nähe sah sie noch viel schöner aus, diese Fremde. Der minimale Geruch von Blut, bezaubernd. Diese Lippen. Diese Haut. Dieses Schimmern. Sie hatte etwas zerstörerisches an sich. Eine Vernichterin.

Livia schreckte aus ihren Gedanken heraus, das ließ sich auch nicht mehr verbergen, sie war tief im Lautenspiel und dem Nachklang der Musik, dem Blick auf die Ravnos, gefangen gewesen.


"Rimini... in Rimini lernte ich das Singen. Werte Dame." Dabei schenkte sie Sousanna ein zartes und schwelgendes Lächeln. Als habe sie eine gute Erinnerung im Sinne. "Und eh... danke. Es wird manchmal etwas einsam, hier in der Nacht." Gab die Getriebene zu.

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Re: [1003] Blut, Freude, Tränen [Livia]

Beitrag von Sousanna » Do 30. Nov 2017, 17:33

Leicht und voller Anmut neigte sich das Haupt der Griechin und mit einem Lächeln strich sie sich eine Strähne aus der Stirn, die sich aus ihrer Flechtfrisur gelöst haben musste, als sie eins der Kinder besucht hatte. Auch sie musterte die Fremde sanft und das unschuldige Interesse eines Rehs lag in ihren Blick, während sich ihre Mundwinkel sacht hoben als die Rothaarige aufschreckte. Lag etwas List in ihrer Miene? Nein, gewiss nicht. Dieses Wesen war in Unschuld geboren und es lag gewiss keiner dieser teuflischen Züge in ihr.

Dann war Mitgefühl in ihrem Blick. Das Mitgefühl einer jungen Frau, die ebenso verloren war, wie die andere. Sousanna kannte die Einsamkeit und das Sehnen nach zu Hause. Ein schweres Seufzen entrang sich ihrer Brust. "Rimini ist fern von hier, werte Dame.", seufzte sie und jene dahin schmelzende Melancholie war noch nicht ganz aus ihrer warmen, von einem feinen Akzent durchwobenen Stimme verschwunden. "Was hat euch hier in den Norden, auf die andere Seite des Landes verschlagen? Welch grausames Schicksal riss euch fort von eurer Heimat?"
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Re: [1003] Blut, Freude, Tränen [Livia]

Beitrag von Livia » Do 30. Nov 2017, 18:09

"Der Krieg." Livia seufzte. "Der Krieg trieb mich nach Genua. Also der Krieg hier. In den Papststaaten herrscht natürlich Frieden." Sie lächelte nur halb.
"Ich hörte von der Qual, die Genua erleiden musste. Hörte von der Verzweiflung und den Verlusten. Kunst gedeiht an solchen Orten und wird an solchen Orten gebraucht."
Dabei lächelte sie nun etwas stärker. Die Frau war elegant blass, sie atmete etwas schnell, war von Sousannas ruhiger Art ansonsten aber sehr beruhigt, vielleicht zu ruhig. "Und ihr, werte Dame? Was führt euch über die Straßen der Nacht? Ich finde es ist derzeit teilweise besonders sicher, wo die vielen Krieger und Männer gefallen sind... aber auch besonders unsicher, wo der Rest so rau ist und die Stadt nun alle Schändungen erlebt hat." Sie wirkte fragend, Sousanna, sich selbst. Womöglich beschäftigte sie dieser düstere Gedanke wirklich - das würde die sentimentale Musik zumindest gut erklären.

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