[1003] Rasend in den Abgrund [Seresa]

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Brimir
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Re: [1003] Rasend in den Abgrund [Seresa]

Beitrag von Brimir » So 29. Okt 2017, 01:54

Brimir saß ganz locker da, als würde hier keine Bedrohung sein, die ihm schaden können. Und dennoch war er nicht einen Moment unaufmerksam oder unvorbereitet. Diese Art der Anspannung war ihm zur zweiten Haut geworden. Er grinste, als sie den Blick abwendete. Und während Seresas Worte verklangen lauschte Brimir sorgsam dem Klang ihrer Stimme. Gerade wollte er die Finger unter ihr Kinn legen, als sie den Blick von selbst wieder hob.

"Nein... ich bin nicht als Liktor hier. Auch nicht als Ancilla oder Ältester meines Clans. Dafür jedoch als Wissenssuchender... als der Mann, der das Biest in uns wohl am Besten von allen Kainiten in Genua versteht... und, der es noch besser verstehen will. Du kannst mir dabei helfen... so, wie ich dir helfen kann dein Tier besser zu verstehen... wenn es dein Wille ist das zu tun."
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Re: [1003] Rasend in den Abgrund [Seresa]

Beitrag von Seresa » So 29. Okt 2017, 17:29

Seresa nickte dem Gangrel zu.

„Ja, verehrter Brimir, es ist mein redlicher Wunsch mein Tier besser zu verstehen. Denn nicht nur du bist ein Wissenssuchender in diesem Punkt, sondern auch ich. Und wahrlich ja, ich denke du könntest mir tatsächlich dabei helfen.“

Während sie darüber sprach und sie seine bernsteinfarbenen Augen betrachtete, keimte in ihr die Erinnerung an das Gespräch in Gaius Festung wieder auf. Ihr Blick senkte sich kurz, bevor sie sich zwang, Brimir wieder anzusehen. In ihr war diese Erinnerung. Dieses Gefühl wie in Watte gepackt zu sein. Warm und behütet. Ein Gefühl, dass jetzt in dieser Form nicht präsent war. Vor ihr saß ein Jäger und ihr Tier war sich dessen Anwesenheit nur allzu deutlich bewusst.

„Du hattest mich viele Dinge bezüglich der Raserei gefragt. Bitte erlaube, dass ich sie dir einzeln beantworte. Ich würde dich ungerne mit einem Vortrag langweilen. Zumal ich gerne Dingen beantworten würde, sollte ich etwas vergessen haben.“

Seresa verneigte sich leicht vor Brimir, bevor sie weitersprach.

„Um jedoch der Wahrheit gänzlich die Ehre zu geben, ist es für mich nicht leicht, über die Raserei zu sprechen. Worte zu finden für etwas, wofür es eigentlich keine Worte gibt. Worte, die deine Fragen jedoch hinreichend und extakt genug beantworten.“

Worte, um eine passende Antwort auf seine erste Frage zu geben.

„Du fragtest mich, wie ich die Raserei empfunden habe. Ich vermute du meinst meinen Kontrollverlust gegenüber der werten Sousanna?“

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Re: [1003] Rasend in den Abgrund [Seresa]

Beitrag von Brimir » Mo 30. Okt 2017, 11:59

Der Blick des Nordmannes lag auf Seresa, aber es wirkte eher so, als würde er durch sie hindurch blicken. Nein, nicht durch sie hindurch, sondern mehr hinter die Fassade; hinter den Käfig, der ihr Tier einsperrte. Dabei schaute er ihr direkt in die Augen, wenn sie den eigenen Blick denn nicht senkte. Nickend gab der Wikinger ihr die Erlaubnis die Fragen nacheinander abzuarbeiten. Und dann sagte Seresa, dass es nicht einfach sei über diese Dinge zu reden. Brimir lächelte daraufhin das Lächeln, dass auch das eines Vaters sein könnte, der mit seiner Tochter über einfache Dinge des Lebens redete, die doch so einfach waren.

"Warum fällt es dir schwer? Das Tier ist in uns... Teil von uns... so Viele unserer Art streiten es ab... sperren es ein... und verleugnen sich selbst. Eine Maske aus Selbstbeherrschung und Lüge über das eigene Innere... ... doch das Tier lügt nicht... verheimlicht nicht. Was für eine viel bessere Welt wäre dies, wenn wir alle so wären, wie das, was in uns liegt? Und der erste Weg dahin... ist Akzeptanz... und frei darüber reden zu können. Du brauchst keine Angst davor haben, dass ich dich für eine Raserei verurteile... ... sie... gehört zu uns... aber ich verstehe dich... ich war auch einmal, wie du."

Brimir zuckte mit den Schultern, als sei es ganz normal, dass jemand rast. Und wahrscheinlich war es das für den Nordmann auch so.

"Ja... dein Verlust gegenüber Sousanna... weil er der Frischeste ist. Aber, wenn es dir lieber ist... darfst du mir auch von einem Anderen berichten..."
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Re: [1003] Rasend in den Abgrund [Seresa]

Beitrag von Seresa » Mo 30. Okt 2017, 14:30

Seresa begutachtete Brimir einen Moment skeptisch, dann jedoch zuckte sie leicht mit den Schultern, bevor sie dem Gangrel antwortete.

„Der Kontrollverlust gegenüber der werten Sousanna war eine der ungewöhnlicheren Rasereien. Aus vielerlei Gründen. Ich würde deshalb bevorzugen darüber zu sprechen wie es für gewöhnlich ist. Ich streite nicht ab, dass das Tier zu einem Teil von uns wurde. Spüre ich seine Präsenz allgegenwärtig.“

Der Brujah gelang es inzwischen tatsächlich etwas besser den Blick zu halten. Dennoch senkte sie ihn nun bewusst. Seine Augen erinnerten sie an Honig. Seine Worte väterlichen Worte legten sich wie eine warme Decke um ihre Schultern. Seresa schloss für einen Augenblick die Augen, bevor sie den Umhang enger um ihren schmalen Körper zog. Erneut öffnete sie die Augen und blickte ihn direkt an.

„Bitte missversteh mich nicht. Weshalb es mir schwerfällt darüber zu sprechen ist, dass es schlicht keine Wörter gibt, die die Empfindung zur Gänze beschreiben. Zumal sie sich unterschiedet in dem was sie ausgelöst hat. Allesamt bleibt die Empfindung gleich, als wäre ich nicht mehr Herr über mein eigenes Schicksal. Als säße man auf einem Pferd das durchgegangen ist. Unfähig abzusteigen zu können. Absteigen zu wollen, da es einem das Liebste auf der Welt ist. Ich bin bei ihm. Ich bin mit ihm. Doch ich bin unfähig zu ihm durchzudringen. Ihn zu beruhigen. Falls du verstehst was ich meine, verehrter Brimir.“

Seresa zuckte fast entschuldigend mit ihren Schultern, als wäre dies die beste Beschreibung, die sie für das Empfinden liefern konnte. Dann versuchte sie es dennoch erneut mit einem anderen Ansatz.

„Vielleicht ist die beste Beschreibung tatsächlich, dass es ist, als wäre ich nicht mehr Herr über meinen eigenen Körper. Als würde mein Körper an den Fäden eines Puppenspielers hängen, der bestimmt, was nun zu tun ist.“

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Re: [1003] Rasend in den Abgrund [Seresa]

Beitrag von Brimir » Mo 30. Okt 2017, 15:57

"In den Fäden eines Puppenspielers... ... so beschreiben erstaunlich Viele, wie sie sich fühlen, wenn sie vom Tier reden. Gefangen im eigenen Körper... überrumpelt von dem Biest und von ihm... hinter geschliffen, wie an einer Kutsche, ohne das Seil lösen zu können."

Es klang als würde Brimir die Geschichten schon hundert mal gehört haben und sie ihn irgendwie langweilen. Doch im selben Moment änderte sich der Blick wieder. Sie schien etwas gesagt zu haben, was so aus dem Mund eines Nicht-Jägers fremd wirkte.

"Ein Pferd das durchgeht... ... ja... ... das trifft es am Besten... Pferd... Hund... Stier, Wolf, Bestie... ganz gleich. Man kann es nicht mehr lenken... nicht mehr... erreichen, wie du so trefflich gesagt hast. Die Beschreibung nutzen Kainiten, wie du, nie... ..."

Brimir faltete die Hände und legte seinen Kopf darauf ab, während die Ellenbogen auf seinen Knien ruhten. Er beugte sich sachte vor.

"... was wenn ich dir sage, dass ich in der Lage bin das Tier dennoch zu reiten? Was, wenn ich behaupte, dass ich in der Raserei die Kontrolle nicht verliere und das mit keiner Gabe meines Blutes zusammen hängt, sondern einzig und alleine damit, wie ich das Tier in mir betrachte?"

Er legte den Kopf dann auf den Händen wieder etwas schiefer.

"Was war der Unterschied zur Raserei gegen Sousanna? Also für dich."
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Re: [1003] Rasend in den Abgrund [Seresa]

Beitrag von Seresa » Mo 30. Okt 2017, 20:04

Seresa überlegte einige Momente. Schien abzuwägen und zuckte anschließend mit den Schultern.

„Normalerweise spüre ich, wenn mein Tier aufbegehrt. Wenn es versucht die Kontrolle zu übernehmen. Wenn es versucht mich zu übermannen. Wie ein Reiter der spürt, dass sein Pferd unruhig wird. Meistens gelingt es mir mein Tier zu beruhigen. Falls es mir nicht gelingt, so verschafft es für gewöhnlich einem Wissenden jedoch genügend Raum und Zeit, um zu fliehen oder mir genügend Zeit mich aus der Situation zu entfernen. Bei der werten Sousanna war es gänzlich anders.“

Ihr Blick senkte sich und blieb starr auf das Gras vor ihren Knien gerichtet.

„Der Grund weshalb die Raserei begann war lächerlich gering.“

Seresa Finger stupste einen der zuvor niedergetretenen Grashalme mit ihrem Finger an und sorgte dafür, dass er sich wieder erhob.

„Ein einfaches Grinsen.“

Ihr Blick blieb auf einem Halm daneben hängen und auch ihm half sie fast zärtlich, indem sie das Selbe tat.

„Ein paar einfache Worte und ein Grinsen.“

Sie blickte mit gesenktem Kopf kurz nach oben zu Brimir, schnaubte leicht und wandte ihren Blick wieder dem Gras zu.

„Es ist lächerlich.“

Einem dritten Halm wurde von Seresa gedankenverloren aufgeholfen.

„Da war kein langsames Anschwellen. Keine Vorwarnung. Von einer Sekunde zur Nächsten war es geschehen.“

Seresa strich sanft über die Spitzen der Gräser mit ihrer Handfläche.

„Und dann war da einfach keine Möglichkeit der Beruhigung. Des sich wieder fangen können. Einzig und allein der rotgetrübte Blick und das Verlangen der Raserei.“

Seresa schüttelte leicht den Kopf.

„Es war als hätte mich jemand von hinten bewusstlos geschlagen und mein Tier angepeitscht.“

Die Brujah seufzte leise und ließ das Gras Gras sein. Sie brachte ihren Kopf und Körper wieder in eine aufrechte Position und blickte Brimir erneut an.

„Einerlei. Ich sollte aufhören mir Vorwürfe zu machen. Ich sollte dankbar sein, dass der wohlwerte Gaius so nahe war, so dass er die werte Sousanna vor weitaus Schlimmerem bewahren konnte.“

Seresa schwieg für einen Moment, bevor sie ein „Uns beide“ leise, fast geflüstert hinzufügte.

„Mir obliegt es Wege zu finden, dass so etwas nicht noch einmal geschieht. Und wenn das was du sprichst wahr ist - was ich niemals wagen würde in Frage zu stellen - so würde ich - sofern wir bei dem Bild verweilen wollen - neidlos anerkennen müssen, dass du fürwahr ein weitaus besserer Reiter bist als meine Wenigkeit.“

Seresa verneigte sich vor Brimir.

„Es wäre mir eine Ehre von dir lernen zu dürfen, verehrter Brimir.“

Dann jedoch legte Seresa ihren Kopf schief und bot gleichzeitig damit ihrem Gegenüber ihren ungeschützten Hals dar. Eine Tatsache, die sie im Moment jedoch nicht wirklich zu kümmern schien, denn ihr Blick war nicht unterwürfig, sondern vor allem fragend auf den Gangrel gerichtet.

„Doch bitte verzeih mir die offene und direkte Frage. Was genau du meinstest du damit, wenn du von 'Kainiten wie mir' sprichst?“

Ihre Stimme war weich und sie schien nicht wirklich verärgert sein. Runzeln zeigten sich auf ihrer Stirn, als wäre sie tatsächlich unsicher wovon er da gerade sprach, wenn er Kainiten wie sie meinte.

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Re: [1003] Rasend in den Abgrund [Seresa]

Beitrag von Brimir » Mo 30. Okt 2017, 21:13

Brimir lauschte interessiert zu und nickte dann... irgendwie mitfühlend und verstehend. Doch er schwieg zunächst weiter. Und als sie dann sagte, dass sie von ihm lernen wollte, hob sich eine Braue als wüsste sie nicht, wovon sie da redet.

"Du bist ziemlich schnell in der Auswahl deiner Lehrer... ohne zu wissen, wodrauf du dich wirklich einlässt."

Brimir streckte sich und legte die Hände in den Nacken, während er mit den Schultern rollte.

"... Kainiten wie du eben. Ihr klammert euch an eure Menschlichkeit, als wäre sie das einzige, was euch schützt... vergesst dabei aber, dass ihr keine Menschen mehr seid. Euer Schild bröckelt mit jeder Nacht mehr... und irgendwann ist Nichts mehr da, was euch davon trennt, dass das Tier die Kontrolle für immer an sich reist und euch bis zum letzten Mondlichstrahl zu seinem Sklaven macht. Andere haben das zwar erkannt... aber auch sie machen den gleichen Fehler, wie ihr Menschenfreunde."

Da war keine Anklage in der Stimme; vielmehr... Bedauern.

"Die meisten Vampire in Genua... ... sperren ihr Tier in einen Käfig, der aus Selbstbeherrschung und Kontrolle besteht. Das Biest wird in den Hintergrund gedrückt... spielt keine Rolle mehr in dem Leben, bis es sich regt... und dann wird es nieder gerungen. Und, wenn es dann los bricht, wundert ihr euch, dass ihr es nicht verstehen könnt... und es nicht mehr auf eure Stimme hört. Ihr wundert euch, dass es sich los reist und euch in Verderben reist.... ... jede noch so kleine Chance nutzt... und nichteinmal Anlauf braucht, um sich zu befreien, wie es bei dir bei der Ravnos der Fall war."

Brimir lehnt sich zur Seite und legte dabei einen Arm auf den Boden. Wie ein Römer auf seinem Sofa lag der Nordmann da. Und währe nicht der durchdringende Blick, der immernoch nicht von Seresa loslassen konnte, würde er wirklich ganz entspannt daliegen, als würden sie ein unverfängliches Gespräch führen.

"... ... ich folge einem anderen Pfad, als die meisten Genuesen. Der Weg des Tieres offenbarte mir den Pfad der Jagd... ... menschliche Belange belasten mich nicht. Nur die Jagd ist wichtig... ich bin Jäger... und Beute... immer... aber das Wichtigste ist, dass die Bestie in mir... mein Jagdhund ist... ein treuer Gefährte. Wo Andere sich in Beherrschung üben, vertraue ich meinen Instinkten. Wenn andere die Ketten auspacken, um das Tier einzusperren... lasse ich es frei.... ... und wo andere in dem Versuch die Raserei zu unterdrücken scheitern... Reite ich das Tier und lenke es, um meine Feinde zu vernichten. Ich akzeptiere mein Dasein als Jäger... ... als Bestie... ... und mache aus der Furcht, die andere vor dem Tier haben... meine wahre Stärke."

Dann wurde der Blick des Nordmannes ernst.

"Wenn du wirklich von mir lernen willst, wird das bedeuten, dass du dich weiter, als je zuvor vom Menschsein abwendest. Das sollte keine Entscheidung sein, die du jetzt triffst. Denke darüber nach... ... und dann suche mich in Luccoli. Zeige mir, dass du eine würdige Jägerin sein kannst... finde mich... in meinem Revier und vertraue deinen Instinkten... denn ich werde dir Nichts schenken... so wie das Raubtier Nichts geschenkt bekommt."
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Re: [1003] Rasend in den Abgrund [Seresa]

Beitrag von Seresa » Di 31. Okt 2017, 02:05

„Wissen wir denn jemals, worauf wir uns wirklich einlassen, verehrter Brimir? Ob unser Gegenüber uns belügt? Uns betrügt? Uns für seine Zwecke einspannen will? Ob er wahrhaft redlich ist?“

Seresa blickte Brimir lange in die Augen, bevor ihren Kopf zurück in eine aufrechte Position brachte und ihn langsam, gar bedächtig schüttelte. Dann schwieg sie, atmete tief ein- und wieder aus, während die Fingerspitzen ihrer Hand die Fingerspitzen der jeweils anderen berührten.

„Was deine Worte bezüglich ‘Kainiten wie ich‘ betrifft, so möchte ich dich mit allem gebotenen Respekt höflich, aber bestimmt darauf hinweisen, dass du bereits selbst richtig festgestellt hast, dass ‘Kainiten wie ich‘, diese Formulierung für gewöhnlich nicht verwenden.“

Die hielt ihren Blick auf dem Liegenden.

„Du sprachst davon, wie du das Biest sieht und wie ‘Kainiten wie ich‘ das Biest sehen. Bitte gestatte mir den Versuch deine Sichtweise auf meine Wenigkeit zu korrigieren. Du hast Recht, wenn du sagst, wir seien keine Menschen mehr. Selbst die Frage, ob wir tatsächlich noch Mann und Frau sind ist ungeklärt. Dennoch weigere ich mich, die Menschen als schlichte Beute sehen. Ich habe gesehen, wohin der Weg führt, wenn wir vergessen was wir einst waren. Wenn wir unseren Ursprung verlieren und dem Tier in uns nachgeben. Das Tier in uns kennt nur wenig. Es will fressen. Es will schlafen. Es will fliehen. Es will angreifen. Überfüttern wir es, wird es gierig. Versuchen wir es am Schlafen zu halten, begeht es auf. Versuchen wir es davon abzuhalten zu fliehen, greift es an. Versuchen wir es abzuhalten anzugreifen, kämpft es umso stärker gegen uns. Was also tun?!“

Seresas Hände öffneten sich und ihre Hände lagen mit den leeren Handflächen nach oben, auf ihren Oberschenkeln.

„Mir wurde beigebracht Situationen zu vermeiden, die mein Tier ängstigen würden. Mir wurde beigebracht mich zu mäßigen und mich regelmäßig zu nähren, auf dass mein Tier nicht dem Hunger einher fällt. Mir wurde beigebracht mich respektvoll und angemessen gegenüber anderen zu verhalten, so dass das Tier meines Gegenübers nicht gereizt wird und somit auch das Meinige ruhen kann. Ich versuchte einen Einklang mit ihm zu finden. Ich bezweifle, dass das Tier in uns Böse ist oder uns wirklich schaden will. Aber es versteht nicht, dass nicht alles eine Gefahr für uns ist und dass sein Versuch uns zu schützen Konsequenzen haben mag, die weitaus schlimmer sind, als die tatsächliche Gefahr. Ich will es nicht an die Kette legen oder gar einsperren. Ich wünsche mir einen Weg zu finden, dass es lernt mir und meinen Entscheidungen zu vertrauen. Zu vertrauen, dass ich für uns Beide da bin. Zu vertrauen, dass ich auf es achte und es gut behandle.“

Die Brujah legte ihre Hände wieder ineinander.

„Doch wahrlich, verehrter Brimir, ich bedaure dir mitteilen zu müssen, dass ich kein Jäger bin. Ich will niemanden verletzen. Ich will niemanden töten. Nicht, weil ich es nicht könnte. Nicht einmal, weil es mich stören würde zu tun, was getan werden muss. Nicht, weil ich die Antwort auf die Frage wer sterben soll - sie oder ich - nicht kennen würde. Ich bin diesen Weg schon einmal gegangen und alles was ich gefunden habe was Leid und Schmerz und noch mehr Leid und noch mehr Schmerz.“

Ihr Blick spiegelte nur all zu deutlich ihren Widerwillen wieder.

„Eine Spirale des Todes, die niemals aufhören wird, solange sie nicht durchbrochen wird. Ich habe sie durchbrochen. Habe mich mühsam wieder emporgearbeitet. Bitte sei versichert, dass dein großzügiges Angebot mich ehrt. Doch sagst du, ich müsse mich erneut vom Menschsein abwenden, um wirklich von dir lernen zu können?!“

Seresa schüttelte langsam und mit viel bedacht den Kopf.

„Bitte verzeih vielmals, verehrter Brimir. Doch dies ist ein Punkt an den ich nie mehr zurückkehren will.“

Sie verneigte sich vor dem Gangrel tief, hielt die Position für einen Moment länger und ging in ihre aufrechte Position zurück.

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Re: [1003] Rasend in den Abgrund [Seresa]

Beitrag von Brimir » Di 31. Okt 2017, 02:51

Brimir saß da und lauschte den Argumenten, die er schon so oft gehört hatte. Es waren immer dieselben. Sie waren zwar gut... aber zu kurz gedacht. Sie mochten richtig sein, in diesem Moment und aus ihrer Perspektive, doch am Ende würde sie sich als falsch heraus stellen. Dennoch unterbrach der Nordmann Seresa nicht und hörte ihr aufmerksam bis zum Ende zu.

"Wirke ich auf dich, als würde ich in diesem Moment dem Tier nachgeben oder zulassen, dass es die Kontrolle übernimmt? Nein... ganz sicher nicht. Aber... ich lasse es näher an mich heran. Wirke ich so, als wäre ich nicht respektvoll im Umgang mit Anderen oder gar so unruhig, dass es ausbrechen könnte? Wirke ich hungrig oder reize ich mein Biest? Nein."

Er lächelte sogar sachte und ehrlich.

"Du suchst nach einem Weg, dass das Tier lernt dir zu vertrauen? Du willst, dass es deinen Entscheidungen folgt und sich sicher sein kann, dass du für euch Beide da bist? Dass es vertraut, dass du es gut behandelst und respektierst? Aber dennoch sperrst du es Weg... ... weil die menschliche Seite in dir nicht anders kann. Wenn es auszubrechen droht, greifst du nach den Ketten, die du nicht nutzen willst, weil dir keine anderen Mittel zur Verfügung stehen... Zur Verfügung stehen können, weil du die Augen verschließt aus Angst... Menschen weh zu tun."

Brimir nickte schließlich und schloss einen Moment die Augen.

"Du bist diesen Weg schonmal gegangen... aus menschlicher Sicht heraus. Aber du... verstehst nicht was ich meine. Die Pfade der Erleuchtung... dazu zählt der Pfad der Jagd... sind nicht mehr menschlich. In keinster Art und Weise. Sie gehen weit über das, was der Mensch zu verstehen vermag hinaus und offenbaren eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Du willst deinem Tier nahe sein, um ihm all die Dinge zu zeigen? Dann lass los."

Der Nordmann lachte leicht auf. Es klang ein wenig traurig.

"Du hällst mich für einen Mörder und für jemanden, der Tag ein und Tag aus... Menschen verletzt und tötet, um ein großer Jäger zu sein, hm? Ja... ich töte... um zu überleben. Ich habe keine Bedenken dabei einen Menschen das Leben zu nehmen... oder einen von uns zu vernichten. An meinen Händen klebt Blut und Asche. Aber... ein Wolf reist nur ein Schaf... vielleicht zwei... niemals die ganze Herde. Jeder Mensch, den ich töte... kann keine Beute mehr sein. Jede Form von Gewalt... kann meine Beute aufschrecken und die Jagd komplizierter machen. Wie ich schon sagte... wir alle sind Jäger und Beute... auch du... in diesem Moment bist du beides gleichzeitig. Und doch erschlage ich dich nicht, obwohl du in meinen Augen Beute bist. Sowenig, wie du mich erschlägst, weil ich Wissen habe, dass du als Beute ansehen könntest. Die Jagd ist heilig, Seresa. Und die Ziele werden mit Bedacht gewählt... ich mag ein Wilder sein, aber das heist nicht, dass ich mich nicht benehmen kann oder grundlos morde... ich bin kein Tyrann. Genau genommen ist die Zahl an Menschen, die der größte der Jäger Genuas in den mehr als 60 Jahren, in dennen ich nun hier bin, getötet habe... an einer Händen abzuzählen... den Krieg gegen die Assamiten vor einigen Jahren und den jetzigen Krieg ausgenommen."

Als er die augen wieder öffnete, blickte er Seresa eine Weile stumm an, ehe er noch etwas sagte.

"Es ist törricht einen Lehrer dirrekt anzunehmen... ... aber genauso törricht ist es ein solches Angebot direkt auszuschlagen. Ich verstehe jedoch deine Abneigung... ... und biete dir an mich und somit die Jagd besser kennen zu lernen. Und... vielleicht bietet sich dir die Chance zu sehen, wie ich rase... und was ich meine, wenn ich sage, dass ich das Tier reite."
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Re: [1003] Rasend in den Abgrund [Seresa]

Beitrag von Seresa » Di 31. Okt 2017, 05:44

„Bitte verzeih, sollten meine Worte dich beleidigt und auf dich gewirkt haben, als würde ich in dir einen Mörder, einen Wilden, gar einen Tyrannen sehen. Bitte glaube mir, dass dies niemals meine Absicht war.“

Seresa verbeugte sich erneut vor Brimir.

„Was ich jedoch sagte und meinte ist, dass ich mich bereits einmal vom Menschsein abgewandt habe. Du hattest mich gefragt, welche Rolle mein Blut bei der Raserei einnimmt. Es heißt die Kainiten des Clan der Gangrel verstünde das Tier am besten. Wir jedoch vom Clan der Brujah spüren es am Stärksten. Unsere Spirale dreht sich deutlich schneller, als die jedes anderen Clans. Wir sind deutlich schneller an dem Punkt, an welchem wir jede Menschlichkeit verlieren. An dem wir verlieren was uns ausmacht. An dem Punkt an dem das Tier einzig und alleinig unser Handeln bestimmt. An dem es ihm einerlei ist, welches Blut an unseren Fängen klebt. Mann, Frau oder Kind. Ich will nie wieder an diesen Punkt zurückkehren, verehrter Brimir.“

Sie senkte den Blick und schüttelte den Kopf.

„Bitte verzeih, ich kann es nicht. Nicht noch einmal.“

Seresa zog ihren Umhang enger um die Schultern, während ich Blick auf das Gras vor ihren Knien gerichtet war.

„Wahrlich ich bezweifle nicht, dass es anders wird, folgt man längere Zeit dem Weg. Ist es selbst für mich nun anders, als es damals war. Aber erneut an diesen Punkt zu gehen?!“

Sie sog langsam die kühle Nachtluft ein und ließ sie durch ihre Nase entweichen. Seresa schüttelte mit kleinen Bewegungen kaum merklich den Kopf, während sie die Arme um ihren Körper schlang und leise flüsterte.

„Nein. Nein. Das ist zu viel verlangt.“

Ihre Augen waren inzwischen geschlossen und ihr Kopf gesenkt. So sehr sie die Vorstellung hasste, so sehr war da auch der Wunsch der Veränderung. Ihre Finger schlossen sich zu Fäusten und bohrten sich in die Innenfläche ihrer Hand. Fast widerwillig und gezwungen sprach sie lauter weiter.

„Ich danke aufrichtig für dein Angebot - dich und somit die Jagd - besser kennenlernen zu dürfen.“

Seresa öffnete die Augen und blickte Brimir für einige Augenblicke schweigend an. Dann nickte sie. Ein wiederholtes, langsames und kontrolliertes Nicken, während sie in seine honigfarbenen Augen blickte.

„Bevor ich jedoch auf dein großzügiges und selbstloses Angebot antworte, gestatte mir eine Frage, verehrter Brimir. Du sagst Jäger und Beute zu gleich. Ein wahrhaft interessanter Ansatz. Es gibt nur eine Sache, die ich daran nicht verstehe. Du sagst, die Jagd sei heilig. Du sagst, die Ziele werden mit Bedacht gewählt. Du sagtest, jede Form von Gewalt kann deine Beute aufschrecken und die Jagd komplizierter machen. Und doch sagtest du, dass ich in deinen Augen Beute bin. Dass du mich dennoch nicht erschlägst. Du sagtest, dass ich dich nicht erschlagen würde, weil du Wissen hättest. Bitte gestatte also die offene und direkte Frage: Was ist es was ich besitze, dass du mich nicht einfach erschlägst?!“

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