Schattenjagd (Il Canzoniere, Brimir)

Wenn die Sonne hinter das Appenningebirge sinkt, kriechen die Verdammten aus ihren Löchern. Dies sind ihre Geschichten.

Moderatoren: Acacia, Toma Ianos Navodeanu

Benutzeravatar
Acacia
Lasombra
Beiträge: 508
Registriert: Mo 20. Jul 2015, 18:05

Schattenjagd (Il Canzoniere, Brimir)

Beitrag von Acacia » Fr 12. Mai 2017, 12:41

Die düsteren Schatten der Nacht hatten sich erhoben und das kleine Dorf in sich eingehüllt. Selbst der Mond verbarg sich scheu hinter Wolkenfetzen und vermied es sein Licht auf die Szenerie zu werden. Längst hatten sich die Bewohner des kleinen Örtchens in ihre Häuser und Betten zurückgezogen und schliefen den Schlaf der Gerechten. Am Rande – dort wo die Nacht von keinem Funken Licht durchdrungen waren – erhoben sich düstere Gestalten. Kaum auszumachen gegen den dunklen Hintergrund war ihr Blick auf die trutzigen Mauern der Kirche gerichtet, die schützend über den Hütten der Fischer aufragte. Wind kam auf und zerrte an dem schweren Stoff des Umhangs, der sich mir dem dichten Fell des mächtigen Wolfes an ihrer Seite mischte. Ohne bewusst darüber nachzudenken, erhob sich eine schwarz behandschuhte Hand aus den Falten und strich dem gigantischen Tier über den Kopf. „Warte auf uns.“, wispernd, zu leise für menschliche Ohren, erhob sich die dunkle Stimme aus den mitternachtsschwarzen Tiefen der Kapuze, ehe der Kopf sich drehte und sie lauter sprach, wenn auch immer noch leise. „Umstellt die Kirche und behaltet das Dorf im Auge. Rosa bleib bei der Tür und öffne sie, wenn die Wölfe kommen.“ Nicken war zu sehen und das leise Reiben von Metall auf Leder, als die Männer sich auf den Weg machten und heimlich wie Schatten in der Dunkelheit verschwanden, damit niemand sie zu Gesicht bekam.

So wirkte die schmale, hochgewachsene Gestalt wie eine einsame, seltsame Wanderin, die da des nächtens an das Tor der Kirche klopfte. Bedrohlich erhob sich die Gestalt ihres Leibwächters direkt hinter ihrer Schulter und mochte so beinah von dem prächtigen Raben ablenken, der gelassen auf ihrer Schulter saß, so als würde er das jede Nacht tun. Sobald die drei dumpfen Laute verhallt waren, senkte sie den Arm und erneut breitete sich die nächtliche Stille um sie herum wie ein Leichentuch aus.
Wir sind wie Eisblumen, wir blühen in der Nacht. Wir sind wie Eisblumen viel zu schön für den Tag.
Wir sind wie Eisblumen, kalt und schwarz ist unsere Macht.
Eisblumen blühen in der Nacht.

Benutzeravatar
Brimir
Gangrel
Beiträge: 764
Registriert: Do 21. Jan 2016, 13:52

Re: Schattenjagd (Il Canzoniere, Brimir)

Beitrag von Brimir » Fr 12. Mai 2017, 13:06

Die Tiere waren bereit. Wölfe umkreisten die Kirche und starrten in die Dunkelheit. Ein weiterer Rabe flog über das Gebäude hinweg und war nur ab und an in dem sachten Mondeschein zu erkenne, bevor die Wolke sich wieder davor schob. Und zwischen den Tieren standen Krieger, im Kreis um die Kirche für jede Himmelrichtung einer. Doch von dem Anführer fehlte jede Spur.
"Eines Jeden Rücken ist ungeschützt, es sei denn, er hat einen Bruder."
Grettirs Saga

Benutzeravatar
Il Canzoniere
Erzähler
Beiträge: 2916
Registriert: Fr 22. Jan 2016, 20:22

Re: Schattenjagd (Il Canzoniere, Brimir)

Beitrag von Il Canzoniere » Fr 19. Mai 2017, 23:53

Sant' Agostino lag ruhig und schlafend da. Kein Licht brannte hier. Niemand ging so verschwenderisch mit den Kerzen um wie in manchen städtischen Kirchen. Auch das Dorf selbst schlief um eine Uhrzeit wie diese tief und fest. Fischer standen in aller früh auf und arbeitetn hart wie kaum ein zweiter. Aber auch diese hartgesottenen Kerle mussten irgendwann einmal schlafen.

Das dumpfe Pochen an das Portal verriet, dank des innen hörbaren Echos, das ihre Akustik keine schlechte sein konnte. Antwort gab es jedoch keine. Zu solchen Uhrzeiten schlief sicher auch der Priester der kleinen Gemeinde tief und fest. Von dem waffen- und zähnestarrenden Aufgebot draußen ahnte er sicher nichts.

Wie die meisten Kirchen hier draußen schien diese nicht abgeschlossen zu sein. Wenn es keinen Ort mehr gäbe an den die Schlaflosen und Gepeinigten des Nachts fliehen konnten um Ruhe und Frieden zu finden, wäre die Kirche nur ein halb so trostspendender Ort gewesen. Innen offenbarte sich eine unscheinbare Szenerie: ein Altar auf der anderen Seite des Raumes, davor ein gutes Stück freie Fläche wo die Gläubigen stehen, knien oder betend Platz finden konnten. Rechts und links der Tür fanden sich jeweils zwei Bänke, vermutlich für Alte Leute oder für Besucher abseits der Gottesdienste. Das ganze Schiff war jedoch leer.
Wenn überhaupt jemand hier wäre dann sicher der Priester, der vermutlich irgendwo weiter hinten eine kleine Kammer hatte in der er lebte und schlief.

Sie hatten die entsprechende Tür bereits ausgemacht, waren nur noch wenige Schritte vom Altar entfernt, als ihnen ein dünner jedoch wohlbekannter Duft in die Nase stieg. Blut. Trockenes Blut. Sicher schon eine Weile her das es vergossen worden war. Der Geruch war jedoch für jeden ihrer Art unverkennbar.

Antworten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste