Die Erinnerungen des verflossenen Jahres

Welche Gespenster gehen um in der Domäne? Worüber redet das Volk und seine dunklen Herrschaften?
Gerüchte und Ankündigungen?

Moderatoren: Toma Ianos Navodeanu, Acacia

Benutzeravatar
Il Canzoniere
Erzähler
Beiträge: 4007
Registriert: Fr 22. Jan 2016, 20:22

Re: Die Erinnerungen des verflossenen Jahres

Beitrag von Il Canzoniere » Sa 6. Jan 2018, 03:50

Das Jahr 1003 (Oktober, November, Dezember 2017)

Das Jahr 1003 war von Aufräumarbeiten, Beerdigungen und Trauerfeiern gesäumt wie eine Kuh von Fliegen. Viele die nicht in der Schlacht selbst gefallen waren kamen verletzt nach Hause, mussten um das immer teurer werdende Brot betteln, obwohl sie ihre Gesundheit für Genua gegeben hatten! Zwar rief die Kirche in jedem Gottesdienst zu spenden auf, aber es reichte dennoch nur an wenigen Tagen.

In mehreren Sestiere, besonders aber in Domus grassieren außerdem allerlei Krankheiten die von den durch die Sarazenen achtlos liegengelassenen Leichen, der allgemeinen schlechten Gesundheit und der Manegelernährung herrühren. Das fehlen des Domus Medicorum wird nun umso schmerzlicher.

Hunger macht sich, vor allem in Clavicula und Ravecca, breit. Die Menschen darben und versuchen über die Runden zu kommen. Zu wenig Nahrung ist im Umlauf, haben doch viele der Bauern des Umlandes in den Heeren der Genuesen und Mailänder gekämpft statt ihre Ernte einzuholen. Zwar hat der Erzbischof von Mailand einen Konvoi mit gespendeten Hilfen geschickt, doch ist in Clavicula und Ravecca davon nicht viel angekommen.

Auch viele Handwerker, teilweise von großem Talent, scheinen nicht mehr ganz recht über die Runden zu kommen und verlassen die Stadt, ziehen ins Umland. Der Graf ist sicher erfreut darüber. Für Genua ist es ein Verlust.

Der Skandal im Senat macht es nicht besser. Während der Abstimmung über die Konfiszierung der Bianchi-Güter stand Tommaso Bianchi, Patriarch der Familie Bianchi, auf - wie alle dachten um sich zu verteidigen. Mit nichten! Er gestand alle Taten ein! Er und der Capitano del Mare, sein Cousin Mario Bianchi, hätten Konvois der Fieschi überfallen, ausgeplündert und außer Landes geschmuggelt um sie dort gewinnbringend zu verkaufen. Die Suche nach der "Magdalena" war ein vorgeschobenes Argument um mit den Schiffen der genuesischen Flotte all die Nahrung transportieren zu können. Ihm sei Christus erschienen und er bereue zutiefst.
Der daraufhin im Senat losbrechende Tumult war ohrenbetäubend. Beinahe wäre der Senator von seinen eigenen Kollegen ermordet worden, doch Armando Pietro Fieschi konnte die Ordnung wieder herstellen und Recht und Gesetz aufrechterhalten. Tommaso Bianchi wurde wegen schweren Verstoßes gegen die res publica seines Senatsposten enthoben, wie auch Mario Bianchi seines Postens des Capitano del mare. Alle Güter der Bianchi in Genua wurden zur Beschlagnahmung durch die Stadtwache freigegeben, ein Dutzend in die empörende Operation Beteiligte wurden verhaftet und vor dem Stadtgericht in Clavicula verurteilt, darunter auch Mario Bianchi. Tommaso kam nur aufgrund seines Geständnisses mit dem Leben davon und wurde für immerdar aus Genua verbannt, wie auch der Rest seiner Verwandtschaft. Die Güter fallen nun zu Teilen den anderen Familien sowie der Stadt zugute.

Trotz all dieser deprimierenden Ereignisse ist es so das das Leben weitergeht. Besonders in Ravecca scheint man sich dessen bewusst zu sein. In vielen Kneipen und Gasthäusern wird ungebrochen gesungen und getanzt. Einen Schlager hört man dieser Tage gar überall in diesem geschäftigen Sestieri, angeblich von einer Frau namens Rosalinde erdacht:
Roter Mond über weiter See, Herzensglut wärmt den kalten Tee.
Hoffnungsschein, in der Nacht, und noch ist der neue Tag nicht erwacht!

Sterne stehn, hell am Firmament! Solche Nacht, findet nie ein End!
Dieser Ort, rau und schön, und wir dürfen seine Herrlichkeit sehn.
Dieser Ort, wild und schön, und wir dürfen seine Herrlichkeit sehn.

Weißer Fels, Holz, Lavendelkraut, weit entfernt schon der Morgen graut.
Fahne weht, weiß und rot, das Meer es schimmert, nachts so rot.

Fahrt vorbei, morgen geht es fort. Kommen wir wieder an gleichen Ort?

Osten ist unser Glück und in uns bleibt nur die Erinnerung zurück,
Osten ist unser Glück und wir schwören uns ein neues Zurück.
Stadtpolitik:
- Tommaso Bianchi aus Mascharana wurde wegen schweren Verstoß gegen die res publica aus dem Senat entfernt. Neuwahlen wurden, im Hinblick auf die bereits laufende Wahl in Mascharana, ins nächste Jahr verschoben.
- In Broglio wurde Renzo Serpico in das Sestieriparlament gewählt. Als Freund der Melissiden steht er seinem Vater, ebenfalls Senator in Broglio, offenbar nicht sonderlich nah, es heißt sogar er sei von dessen Erbe ausgeschlossen. Nun scheint er sich mit durch eigene Kraft das holen zu wollen was er nicht durch Erbschaft bekommt.
- In Mascharana wurde Alard Arduinici, der erst in diesem Jahr die Geschäfte der Familie Arduinici übernommen hatte, in den Senat gewählt.
- In Clavicula wurde Lio 'il nano', seines Zeichens der größte "Vermieter" Claviculas, in den Senat gewählt.

Aus dem italienischen Umland:
- Januar: Herzog Otto von Kärnten erleidet an der Veroneser Klause eine schwere Niederlage gegen Arduin von Ivrea, den König von Italien.
- Papst Silvester II. stirbt am 12. Mai nach vierjährigem Pontifikat in Rom. Schon vier Tage später wird Giovanni Sicco vom römischen Patricius Johannes II. Crescentius zu seinem Nachfolger erhoben. Er wählt den Namen Johannes XVII., womit er dem wenige Jahre zuvor gestürzten Gegenpapst Johannes XVI. Legitimität verleihen will. Damit beginnt die Falschzählung der Päpste mit dem Namen Johannes. Der von Johannes Crescentius abhängige Papst stirbt nach kurzer Amtszeit bereits am 6. November.
- 25. Dezember: Der Kardinalpriester von St. Peter, der Benediktiner Johannes Fasanus, wird Papst Johannes XVIII. und übernimmt sein Pontifikat. Wie schon sein Vorgänger Johannes XVII. wird er vom römischen Patricius Johannes II. Crescentius zum Papst erhoben und ist von diesem abhängig.
- Am 23. Februar gründet der burgundisch-italienische Abt, Klosterreformer und Architekt Wilhelm von Dijon die Abtei Fruttuaria in San Benigno Canavese etwa 20 km nördlich von Turin. Stifter dieses Klosters sind Arduin, Markgraf von Ivrea und König von Italien, und dessen Ehefrau Berta, sowie Otto Wilhelm, Graf von Burgund, die zu seiner Verwandtschaft zählen

Benutzeravatar
Il Canzoniere
Erzähler
Beiträge: 4007
Registriert: Fr 22. Jan 2016, 20:22

Re: Die Erinnerungen des verflossenen Jahres

Beitrag von Il Canzoniere » Fr 2. Feb 2018, 00:43

Das Jahr 1004 (Januar)

Hunger! Nach den sarazenischen Plünderungen, den bei der Stadt lagernden Heeren, der nicht völlig eingeholten Ernte und des teilweise schlechten Wetters herrscht großer Hunger in Genua und Umgebung. Für einfache Mahlzeiten werden Höchstpreise verlangt, die Getränke bis zur Unkenntlichkeit gestreckt und die Armenspeisungen kommen kaum mit dem abwimmeln der Bedürftigen nach - es ist kaum mehr zu Essen da. 1005 wird ein hartes Jahr.

Pater Leandro, Priester San Nazarets in Mascharana hat dieser Tage nur gutes über Marcello Embriaci zu berichten. Der fromme Mann habe Mascharana vor dem Ausbruch einer Seuche bewahrt indem er seine Männer unter Lebensgefahr die die von den Sarazenen die Klippen hinabgeworfenen und auf den Felsen zerschollenen Toten hat bergen lassen. Deren miasmatische Ausdünstungen würden nun bei landseitigem Wind nicht mehr wie ein schlechtes Omen über dem Sestieri liegen. Ein wahrlich tapferer Mann. Um Seuchen vorzubeugen wurden die Toten vor den Toren der Stadt verbrannt. Möge Gott sich ihrer Seelen annehmen.

In Broglio hingegen singt man von einem gewissen Ricardo, kaum eine Taverne kommt ohne Loblieder auf ihn aus. Mal wird er als strammer Bursche gelobt der trinken kann wie kein zweiter, dann wieder heißt es er sei ein herzensguter Kerl und mache wirklich jedem einen guten Preis. Auch sein Schnurrbart wird besungen. Die humorvolle Banalität der Lieder macht ihn schnell zur Lokalberühmtheit. Und lässt überall in Broglio die Schnurrbärte emporschießen.

Auch ohne zu mahlendes Korn laufe die Burgusser Geistermühle immer weiter und weiter. Und wenn sie des Tages teilweise gar nicht mehr bewegt werde, läuft sie des Nachts immer wieder, Stunde um Stunde und reibt kalten Stein auf kalten Stein. Was mag dort nur vor sich gehen?

Sarazenischer Überfall! Wie auch im deutlich weiter im Süden gelegenen Pisa sind erneut Sarazenen gesichtet worden. Augenzeugen zufolge überfielen sie eine Messe nahe Quinto al Mare, konnten aber von einigen Söldnern abgewehrt werden, die Genua bereits verlassen wollten um anderswo Geschäften nachzugehen. Es gab zahlreiche Tote. Jedoch konnten die teuflichen Heiden daran gehindert werden erneut die Kinder Genuas zu steheln. Gott sei gedankt!

Der Teufel hat nach Genua gefunden. Denn er hat in San Laurentus, in Domus, Pater Christiano des Nachts dahingeschlachtet! Das ganze Sestieri ist ob des Mordes in Aufruhr. Der gute Mann, der seine Kirche für jedermann offen hielt, wurde von einigen entsetzten nächtlichen Gästen tot aufgefunden, blutig und bleich. In den nächsten Tagen machte sich daraufhin das Gerücht breit das es für den Mord offenbar Zeugen gab. Der Mörder solle ein hübscher Mann gewesen sein. Goldringe an den Fingern, Pelzkragen, sowie mittellanges, braunes Haar welches das dreckige Lächeln im Gesicht boshaft einrahmte. Das Anlitz des Teufels!

Aus Venedig hört man einige eigenartige Gerüchte. Der Name "Augustus Giovanni", vom Clan Kappadozius, wispert durch die kainitische Gesellschaft Norditaliens wie ein Mysterium. Angeblich habe er sich, nur wenige Wochen nach seiner Zeugung, selbst zum Ancilla erhoben. Entgegen aller Bräuche und in offensichtlicher Angst vor diesem Mann hätten ihm alle Venedig zugehörige Ancilla rasch und ohne Not zu seiner Erhebung gratuliert. Kann das wahr sein?

Stadtpolitik:
- Galileo lo zelante, Exporteur und Schwager der Brigori wurde nach einem langen und mühevollen Wahlkampf in Broglio zum Senator gewählt
- Die Senatswahlen in Mascharana wurden aufgrund der Wiederaufbaumaßnahmen, der Beschlagnahmung der Bianchi-Güter und der allgemeinen schlechten Lage auf allgemeinen Wunsch des Sestieriparlamentes um ein Jahr verschoben. 1005 finden die hiesige Wahlen statt.

Aus dem italienischen Umland:
- Heinrich II. unternimmt nach einem Hilferuf der lombardischen Bischofe, allen voran Leo von Vercelli, seinen ersten Italienzug gegen Markgraf Arduin von Ivrea, der sich im Vorjahr zum König von Italien krönen hat lassen. Am 14. Mai lässt er sich selbst in der Kirche San Michele in Pavia durch Erzbischof Arnulf II. von Mailand zum König von Italien krönen. In der folgenden Nacht greifen die Bürger Pavias Heinrich und seine Begleiter an. Der Aufstand kann nur mit Mühe niedergeschlagen werden.
- Anfang Juni: Heinrich II. zieht sich aus Italien zurück, ohne die Kaiserkrone erlangt oder Arduin besiegt zu haben.
- Gegen Herbst 1004 kommt es zu einem verheerenden Überfalls einer sarazenischen Flotte auf Pisa. Die Stadt wird von Sarazenen geplündert, zahlreiche Sklaven werden verschleppt. Es heißt es wären die gleichen Kräfte gewesen die zwei Jahre zuvor Genua überfallen hätten.
- 26. September: Nilus von Rossano, italienischer Mönch und Heiliger stirbt in der Nähe von Rom.

Antworten