Pflücke die Knospe so lange es geht [Luca]

[Mai '17]

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Sousanna
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Pflücke die Knospe so lange es geht [Luca]

Beitrag von Sousanna » Mo 29. Mai 2017, 20:05

"Widerlinge mit dem Verstand von Lurchen...", schimpfte die Byzantinerin als die Tür der Taverne hinter ihr zugeschlagen war und sie weiter rauschte, Tiziano versuchte hinter ihr aufzuschließen. "...Keine Augen im Kopf außer man hält ihnen ein Euter unter die Nase." Empört drehte sie sich zu ihrem Diener und hielt ihm ihren Monolog während sie rückwärts weiterschritt.
Er konnte gar nicht anders als seine offensichtlich erzürnte Herrin immer noch schwer atmend und mit ziegelroten Wangen auf ihre Weise schön zu finden. Auch wenn er es nicht mochte, dass sie offensichtlich unzufrieden war, konnte er doch nicht umhin zu grinsen. Der Alkohol und das Wissen, dass er alles richtig gemacht hatte, ließen ihn sich ganz warm und glücklich fühlen. - Immerhin war sie nach ihrem ersten Treffen nicht mit Zornesröte im Gesicht abgehauen. Sie war sein kleines Reh geworden und erfüllte ihm seine Wünsche genauso, wie er die ihren ohne Zögern erfüllte.

Wild gestikulierend sprach Sousanna weiter, während ihr Tiziano wie ein dümmlich grinsender Kampfhund folgte. "Ich weiß nicht, welcher Ochse auf deren Kopf herumgetrampelt ist ... An jemanden der so verdammt unauffällig ist, dass er genauso gut, in Purpur und mit einem privaten Marktschreier rumlaufen könnte, erinnert sich keiner, aber wahrscheinlich könnten sie mir alle Huren im Detail beschreiben, die sie im letzten Jahr hatten."
Es folgte einiges Geschimpfe im byzantinischen Griechisch, das der Schläger nicht wirklich verstand, von dem er aber wusste, dass sie es nur in sehr speziellen Situationen verwendete. Vermutlich sprach sie dabei von ihrem ... wie hatte sie den Kerl genannt? ... "Bruder im Blute".
Wenn er den Kerl in die Finger bekam, würde er ihm schon beweisen, dass man schöne Frauen, wie Sousanna, besser nicht durch die halbe Stadt und in versiffte Tavernen scheuchte. Man hofierte ihnen. Ja, er würde ihm noch Anstand einbläuen.

Voller Vorfreude ließ er die Knöchel knacken, als die Ravnos, die offenbar, gerade stehen geblieben war und ihm einen schlanken Finger auf die breite Brust setze.
"Und dem nächsten, dem wir begegnen, der diesen diebischen Mistkerl gesehen hat, drischt du die Antwort einfach aus dem verlausten Schädel", zischte sie voll kaum unterdrückter Ungeduld, woraufhin sich ein zufriedenes Grinsen auf dem Gesicht ihres Ghouls ausbreitete. Na, wenigstens einer von ihnen würde Spaß haben.
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Re: Pflücke die Knospe so lange es geht [Luca]

Beitrag von Luca » Di 30. Mai 2017, 17:13

Gedankenverloren streifte Luca durch die verdreckten Gassen des Hafens, vollkommen von seinen Überlegungen in Beschlag genommen. Diese Handelskontoren waren gar nicht so schlecht gesichert, schwierig, das zu umgehen ... vielleicht sollte er nochmal woanders schauen? Aber nein, die Beute wäre ideal ...

Die Nachtluft war schwül und roch noch schlechter als sonst, denn das sommerliche Gewitter, welches Erlösung bringen und zudem den Unrat von Wochen wegspülen sollte, ließ auf sich warten. Nach einige Abzweigungen, die den Mann über verschiedene Piazza des mit Handelsständen gesäumten Stadtviertels führte, nahm das Treiben der Mercatoren stetig ab, die Kleidung der Menschen, denen er begegnete, sah immer abgerissener aus und die Gassen wurden schmaler und sogar noch dreckiger.

Wie zufällig traf der Ravnos, wie fast immer in seinen schlichten Umhang gehüllt, der ein Großteil seiner Gestalt verbarg und mit seinem Mantel auch das Gesicht nur schemenhaft zu erkennen gab, an einer Kreuzung mit einem dunkelhäutigen Hühnen zusammen, der augenscheinlich dort gewartet hatte. Der Wartende gab mit seiner graden, ja fast militärischen Haltung und seinem schweren ledernen, allerdings ziemlich abgewetzten Oberteil ein recht beeindruckendes Bild ab, welches allerdings durch große Narben, die quer durch sein Gesicht verliefen, gestört wurde. Infolge dieser Scharten schien sein Gesicht seltsam unsymmetrisch und die einzelnen Partien in seinem Antlitz merkwürdig verschoben.

Das Ravnos, obgleich nur halb so breit und einen Kopf kleiner, rief den Entstellten herrisch an. "Abramo. Jetzt steh dir hier nicht die Füße platt und stell dein hässliches Gesicht zur Schau, sondern komm." Dann schritt Luca weiter in die dunklen Gassen, ohne sich umzudrehen, und der Angesprochene folgt, nur überraschend demütig "Ja, Maestro" murmelnd, in einigem Abstand.

Plötzlich blieb Luca mitten in der Gasse stehen. Verwundert ging Abramo noch ein paar Schritte, bis er, fast zu seinem Herren aufgeschlossen, den Grund erkannte. Auf die Beiden lief rückwärts eine zierliche, außerordentlich wohlproportionierte Getstalt nebst einem kräftigen Begleiter zu und fluchte ohne Unterlass. Er selbst hatte diese Person noch nie gesehen, doch sein Gebieter musste sie erkannt haben - das schönste Ravnosgrinsen stand in seinem Gesicht, als die Frau immer näher kam und ihre Wut scheinbar kaum im Zaum halten konnte. Luca sagte jedoch nichts, sondern ließ sie nur weiter auf ihn zukommen, grade so, als wolle er testen, wie nah sie kommen würde, ohne ihn zu bemerken und wie groß ihre Überraschung sein würde. Abramo indem achtete mehr auf ihren Begleiter, den er für die größere Gefahr hielt, stierte aus seinen dunklen Augen, und sein gesamter Körper spannte sich noch mehr als zuvor.

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Re: Pflücke die Knospe so lange es geht [Luca]

Beitrag von Sousanna » Di 30. Mai 2017, 22:07

"Und", fuhr die Ravnos offenbar ein wenig ruhiger wenn auch immer noch mit einer kaum zu ihrer Unschuld passenden Aggressivität in der sonst so sanften Stimme fort. "Dem nächsten, der seine dreckigen Finger nicht bei sich behalten kann, brichst du sie einzeln. Langsam und so, dass ich zusehen kann."
Das Grinsen des Schlägers wurde noch breiter. Solche Bitten erfüllte er seiner Kleinen immer viel zu gern. Sie ließ es viel zu selten zu, dass er die Schmutzfinken, mit denen sie sich abgab, an ihren Platz zurück verwies. So versprach er mit einem sehr zufriedenen Grinsen: "Für dich brech ich jedem jeden Knochen, der dir einfällt." Offensichtlich war die Ravnos darüber zufrieden, denn ein leises, zufriedenes Lächeln erhellte das hübsche Gesicht. Nein, er war nicht der Hellste, aber immerhin gefiel es dem Ghoul die Drecksarbeit für sie zu machen.

So bekam er einen flüchtigen Kuss auf die Wange zur Belohnung, bevor Sousanna sich umwandte und ihr Blick mit einem Mal auf die vermummte Gestalt viel.
Dunkle Augenbrauen wanderten nach oben. Damit hatte sie offensichtlich nicht gerechnet. Ein kurzes Zucken spielte über ihre Lippen. Ob es nun abfällig oder erschrocken war, ließ sich nur schwer einschätzen.
Jetzt war er da und es galt eben das Beste aus diesem Zusammentreffen zu schlagen. Wenigstens musste sie so nicht mehr nach ihm suchen.

Also bekam der zweite Wanderer ein zuckersüßes Lächeln zugeworfen, das im fast schon komischen Gegensatz zu ihrem vorherigen Ausbruch stand, und kam herüber geschwebt als stünden sie nicht in einer engen, schmutzigen Gasse, sondern auf einer duftenden Blumenwiese. Mit der Eleganz eines Trolls trottete Tiziano ihr hinterher, der die beiden Männer mit misstrauischen Blicken bedachte. Ob sie wohl diejenigen waren, denen er Anstand beibringen würde?
"Wie schön dich zu sehen, lieber Bruder.", begrüßte sie ihn betont freudig auf Griechisch und würde ihn tatsächlich wie einen Bruder umarmen, würde er oder sein Kumpane es zulassen. Ein wenig Familienfrieden schadete ja nie.
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Re: Pflücke die Knospe so lange es geht [Luca]

Beitrag von Luca » Mi 31. Mai 2017, 18:05

"Meine liebe Schwester! Welch ein unerwarteter Zufall, dein erschrockenes Gesicht hier zu sehen ... deine Gefühlswandlungen sind ja schon beinahe eines Malkavianer würdig."

Luca sagte das nicht unfreundlich, obgleich es in seinen Augen blitzte, so als würde er mehr ahnen, als er zugab. Auch ließ er die Umarmung zu, wenngleich die Erwiderung eher flüchtig war und der Ravnos sich schnell wieder aus dieser löste. "Vielleicht sollte ich nun kontrollieren, ob meine Geldbörse noch vorhanden ist." Natürlich war dieser seltene Anflug von Ironie sowie alles weitere, was den Ravnos sprach, auf griechisch gehalten.

Abramo verhielt sich während dieser Szene völlig still, was vielleicht auch an dem unauffälligen Handzeichen gelegen haben mochte, das Luca ihm hinter seinem Rücken gegeben hatte. Regungslos in strammer Haltung stand der Mann da, dessen Blick stehts zwischen der Frau und ihrem Ghul hin- und herhuschte. Einem aufmerksamen Beobachter mochte auffallen, dass seine Augen zusehens länger auf der Frau weilten ... und er ihr nicht nur ins Gesicht sah. War ja auch wirlich eine auffallend hübsche Dame.

Indessen redete Luca weiter zu seiner Clansschwester. "Ich hoffe, du hast seit unserem letzten Treffen eine angenehme Zeit verbracht. Würde mich freuen, wenn du die Zeit für ein Gespräch hättet - doch ..." der Ravnos blickte sich demonstrativ in der schmalen Gasse um, die zwar nicht grade bevölkert, aber auch nicht völlig ausgestorben war und einige Passanten beinhaltete, die die beiden Kainiten so offensichtlich ignorierten, dass diese vermutlich neugierig zuhörten, da war sich Luca sicher. In einer Stadt, die vom Handel lebte wie diese, trieben sich bestimmt genug Sterbliche und Unsterbliche herum, die des Griechischen mächtig waren. "Ich denke, wir sollten uns dafür an einen Ort begeben, an dem wir ungestört sind. Hast du mein bescheidenes Geschäft bereits gefunden? "

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Re: Pflücke die Knospe so lange es geht [Luca]

Beitrag von Sousanna » Fr 2. Jun 2017, 13:50

Sousanna lachte leise. "Diese Welt ist immerhin ebenso wandelhaft und lächerlich wie eine Aufführung von Gauklern oder die Stimmung eines Irren, warum sollten wir es ihr nicht gleich tun?", grinste sie ihn an und legte den Kopf schief während sie ihn schalkhaft musterte. Dann winkte sie gelassen ab. "Und ich stehle Männern lieber Stolz und Ehre als Gold. Das ziehe ich als Geschenk vor, lieber Bruder. - Ist einfacher und weniger leicht zu beweisen. Du scheinst deine noch zu haben, also ist alles gut." Wie viel sie davon ernst meinte, blieb jedoch schleierhaft. Es konnte ebenso nur das Albern einer jungen Frau voller Übermut sein, wie ein ehrliches Geständnis.

Die Blicke des Wächters dieses Bastards, blieben Tiziano währenddessen nicht verborgen. Er wachte wie ein eifersüchtiger Drache über seinen Schatz und schien sich gerade nicht sicher zu sein, ob er ihn auch verteidigen durfte. Immerhin hatte sie es zuvor befohlen, andererseits gehörte dieser ungezogene Lümmel zu dem Kerl, den sie Bruder genannt hatte. Diese Entscheidungen würde er besser seiner Herrin überlassen. Allerdings ein warnender Blick konnte nicht schaden.

Die Ravnos unterdessen wurde wieder ernst und musterte ihr Gegenüber mit listigem Interesse. "Immer gerne.", schmunzelte sie. "Ich bin gespannt, was du mir zu erzählen hast, darüber wie dich das kalte, hartherzige Genua aufgenommen hat. - Ich denke, ich habe es fast gefunden." Ein leicht amüsierter Blick traf ihren Ghoul. "Zumindest hätte es wohl nur noch einen kleinen Schritt gebraucht, um euch einen Besuch abzustatten."
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Re: Pflücke die Knospe so lange es geht [Luca]

Beitrag von Luca » So 4. Jun 2017, 13:39

Luca schmunzelte, doch es wirkte ein wenig gequält. "Männern Ehre und Stolz zu stehlen mag weniger leicht zu nachzuweisen sein, allerdings lässt sich eine zerstörte Ehre oder ein gekränkter Stolz im Gegensatz zu materiellem Schaden auch nicht so leicht wieder herstellen. Kann eine viel größere Wirkung hervorrufen, als jemandem um ein paar Münzen zu erleichtern."

Indessen nahm Abramo den warnenden Blick ungerührt zur Kenntnis, ohne sich davon beirren zu lassen. In seinen Leben hatte er schon so viele prekäre Situationen durchlebt, da würde ein Schläger ihm sicher nicht viel anhaben können. Doch schienen diese Gedanken seine Aufmerksamkeit wieder auf seine eigentliche Aufgabe zu richten, und sein Augenmerk galt nun in der Hauptsache dem anderen Ghul.

"Dann will ich dir den letzten Schritt abnehmen. Folge mir." Bei diesen Worten wandte sich der Ravnos zum Gehen um und schritt wortlos durch die verdreckten Gassen der Stadt. Schließlich gelangte die kleine Kolonne in eine Straße, die gesäumt war von Geschäften, denen das Attribut 'fragwürdig' mit Fug und Recht zugeschrieben werden konnte: Bordelle reihten sich an Glücksspielhöllen, unterbrochen von Läden, in denen der billigste Fusel feilgeboten wurde. Auch dunkle Kaschemmen konnte man hin und wieder finden. Auf eine solche Kneipe steuerte Luca zu.

Das sirena d'oro war in einem schmalen Haus gelegen, mit einem kleinen Fenster zur Straße hin, und ansonsten von außen sehr unscheinbar. Sollten die Kinder der Nacht durch die Eingangstür treten, würde Sousanna einen schummrigen Gastraum wahrnehmen, der nur von wenigen Talgkerzen beleuchtet wurde. Die Einrichtung war karg; der Boden bestand aus festgetretenem Dreck, die Wände waren nicht verkleidet, und somit bildeten die Backsteine der Außenmauer auch die Innenwand. Ein Tresen, der der Eingangstür gegenüberlag und im Moment unbesetzt war und die wenigen Tische, die mit schlichten Holzstühlen ausgestattet waren, wurden von nur wenigen Gästen bevölkert. Hinter dem Tresen befand sich eine halb offenstehende Tür, doch war es nicht möglich zu sehen, was sich dahinter befand. Die Atmosphäre war ruhig, die wenigen Personen, die sich hier aufhielten, redeten nur in leisem Ton miteinander. Den Eintreffenden würde nur ein kurzer Blick zugeworfen, und dann nicht weiter beachtet. Offenbar kümmerte sich hier jeder vorwiegend um seinen eigenen Kram - und Luca war ein bekanntes Gesicht. Abramo würde gleich nach Betreten des Hauses in der Nähe der Tür stehen bleiben und den Gastraum im Auge behalten, während er die beiden Kaniten ihren Geschäften machen ließ; allerdings würde er ziemlich genau darauf achten, was der andere Ghul so trieb.

"Willkommen in meinem noblen Gasthaus." Mit einem Grinsen wies Luca auf einen Tisch in der Ecke etwas abseits von den anderen. Er hatte nur zwei Stühle.

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Re: Pflücke die Knospe so lange es geht [Luca]

Beitrag von Sousanna » So 4. Jun 2017, 14:11

"Wer weiß...", philosophierte sie leise scheinbar in tiefst geistreiche Gedanken versunken und tauchte aus diesen Überlegungen mit einem überraschend leichtfertigen Schulterzucken auf. "Die Kunst ist es, die größtmögliche Wirkung zu erziehlen ohne sich erwischen zu lassen - und wir beide hatten vermutlich lange genug Zeit, unsere jeweiligen Strategien zu perfektionieren, so dass es wenig Sinn gibt, sich über Vor- und Nachteile der jeweils anderen Art, seine Ziele zu erreichen, den Kopf zu zerbrechen." Ihrer zumindest war dafür zu hübsch, fügte sie mit einem Grinsen in Gedanken hinzu.

Aufmerksam folgte Sousanna ihrem Bruder und hier in den dunklen Gassen auf dem Weg zu fragwürdigen Orten und Geschäften blühten ihre Sinne gewissermaßen auf. Jedes Details sog sich in die dunklen Augen hinein und jeder Wortfetzen erreichte die Ohren der jungen Frau, um sich in ihrem Geist festzusetzen. Es fiel ihr nicht schwer, sich an solchen Orten zu bewegen und offensichtlich gab es nichts, was sie noch nicht gesehen hatte oder was sie hier entsetzen würde.
Dennoch würde Luca, sollte er sich so sehr für seine Schwester im Blute interessieren, auffallen, dass die Leichtigkeit und Offenheit ihrer Bewegungen abgenommen und durch eine zwar lauernde, doch gelassene Vorsicht ersetzt worden. Aus dem verspielten Schmusekätzchen, war eine Jägerin geworden, die durch ein ihr bekanntes Revier streifte. Noch ohne Beute oder Gefahr erspäht zu haben, doch mit dem Wissen, dass sich das Blatt mit jedem Lidschlag ändern konnte.

So warf sie dem Ravnos schließlich einen leicht amüsierten Blick zu, während sie sich in der Kaschemme umsah. "Es hat Charme und beweist Charakter.", erwiderte die Byzantinerin leise vor sich hingrinsend, als wäre in diesem Raum ein Witz versteckt, den nur sie erkennen konnte. In den beiden Tavernen der beiden Geschwister schien sich der Unterschied zwischen ihnen noch einmal bildlich zu manifestieren.
Dann wandte sie sich wieder auf Italienisch an Tiziano, der sich gelangweilt umgesehen hatte. "Amüsiere dich ruhig, mein Lieber, während ich mich unterhalte.", wies sie ihn mit einem leisen, freundlichen Lächeln an und nickte zum Thresen. Vielleicht fand er ja auch hier neue Freunde, die ihren Zwecken dienen wollten.
Dann schritt sie zu dem gewiesenen Tisch und wählte, sollte er nichts dagegen tun, den Platz, an dem sie den Raum besser überblicken konnte.
"Also, was hast du in letzter Zeit erlebt?", erkundigte sie sich entspannt und musterte Lucas Gesicht. "Wie entwickeln sich die Geschäfte?"

Tiziano unterdessen hatte sein Reh angegrinst. Sie beide wussten, dass es ohne sie gar kein richtiges Vergnügen werden konnte, aber es bewies, dass sie die bedeutend bessere Herrin war, als der Lump, mit dem sie jetzt sprach. Immerhin ließ sie ihn jetzt etwas Wein trinken und hier umsehen. Wenn er seine Erfrischung bekommen hatte, würde er zu dem anderen ... wie hatte sie solche wie ihn genannt? Blutsdiener, oder so (ach sie kannte so viele seltsame Worte, diese Griechin) ... hinübertrotten und versuchen ein recht belangloses Gespräch zu beginnen.
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Re: Pflücke die Knospe so lange es geht [Luca]

Beitrag von Luca » Mo 5. Jun 2017, 20:07

Abramo ging auf das belanglose Gespräch ein, wobei er durch eingestreute Bemerkungen unauffällig versuchte herauszufinden, wie und ob sein Gegenüber eine soldatische Ausbildung durchlaufen hatte oder ob es sich tatsächlich bloß um einen Straßenschläger handelte - nicht aus gerechtfertigem Misstrauen, sondern aus Gewohnheit und weil er ahnte, dass sein Herr sich auch für solche Informationen interessierte.

Luca indessen ließ seine Clansschwester gewähren und setzte sich dann bedächtig auf den übrig gebliebenen Stuhl. Auf ihre Frage antwortete er nicht sofort, sondern seufzte zunächst leise und sah ihr dann in die Augen.

"Es geht voran, aber langsamer, als ich gehofft hatte ... zu meinem Leidwesen musste ich feststellen, dass die Strukturen hier schon zementierter sind, als ich erwartet hatte. Viel Gesindel unterwegs, da ist es schwierig, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Und vor allem teuer. Aber ich arbeite daran und vielleicht kann ich dir schon bald etwas anbieten, dass nach Byzanz verschiftt werden kann. Ein bisschen Zeit musst du mir allerdings noch geben."

Die Mine des Ravnos wurde noch ernster als ohnehin schon. "Doch abgesehen von den Geschäften gibt ja noch andere wichtige Neuigkeiten - der bevorstehende Krieg. Was hältst du davon? Ist Genua in einer vorteilhaften Position?"

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Re: Pflücke die Knospe so lange es geht [Luca]

Beitrag von Sousanna » Di 6. Jun 2017, 12:43

Der Ghoul ging nicht wirklich auf die Bemerkungen des Anderen ein. Er schien schon ein wenig Wissen über das Soldatentum zu besitzen, sich aber eher dafür zu interessieren, wie der Wein und die Huren hier in der Nähe waren.

Sousanna unterdessen nickte seufzend. "Ja, ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht.", gab sie dann düster zu. "Ich dachte, es könne hier nicht schwerer sein, als in Byzanz, doch es gibt hier zu viele Bauertölpel, die zu lange zu viel Macht hatten..." Ein abfälliger, fast arroganter Ausdruck in ihrer Miene zeigte eine neue, zwar ebenso schöne, doch bedeutend härtere Facette der Ravnos.
"Aber ja, schick mir einen Boten oder komm besser selbst, wenn du bereit bist. Ich habe Zeit und gebe sie gern im Tausch für gute Ware." Ein kleiner, listiger Blick, traf ihren Clansbruder. Wenn er so gut war, wie er gesagt hatte, würde sie ruhig noch abwarten.

Die Erwähnung des Krieges allerdings trieb ihr ein bitter amüsiertes Lächeln ins Gesicht. "Ich kann dazu nur eine Sache sagen, die mir mein Vater erklärte: Krieg ist immer blutig und widerwärtig, aber ein guter Händler wird in ihm seine Geschäfte zu ganzer Pracht erblühen lassen können.", orakelte sie mit einem halben Grinsen, in dem auch die Sorge geschrieben stand.
"Ich freue mich nicht darauf, aber was hilft es? Es gilt das Beste aus dem Schlachten zu machen... Ob Genua nun vorteilhaft dasteht, kann ich nicht sagen. Das Glück ist nie nur einem treu..." Ein leises Seufzen hob und senkte ihre Brust. "Aber was denkst du darüber?"
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Re: Pflücke die Knospe so lange es geht [Luca]

Beitrag von Luca » Mi 7. Jun 2017, 23:22

Der Ravnos rang sich ein Lächeln ab, das man als nachsichtig bezeichnen mochte. "Bauerntölpel oder nicht, zumindest scheinen die an ihrer Macht zu hängen. Aber früher oder später finde ich eine Gelegenheit, und dann werden die, die sich mir in den Weg gestellt haben, es bitter bereuen." Die sonst meist eher ausdruckslosen Gesichtszüge des Mannes wurden, während er dies sagte, dünster und seine Augen funkelten blutrünstig.

"Ich denke über den kommenden Krieg ähnlich wie du. Er kann uns Möglichkeiten bieten, die sich in geordneten Zeiten nie ergeben würden. Habe mir schon einige Gedanken gemacht, da wir nun das Privileg haben und mehr als die sterbliche zivile Bevölkerung wissen ... das muss sich doch nutzen lassen? Vielleicht haltbare Lebensmittel aufkaufen und später, wenn die Felder durch Tod und Vernichtung brach lagen, wieder verkaufen, mit gehörigem Aufschlag natürlich?" Luca machte bei diesen Worte eine grüblerischen Mine, schien zudem kurzzeitig die Anwesenheit seiner Clansschwester vergessen zu haben und eher ein Selbstgespräch zu führen. Doch dann fiel sein Blick wieder auf sein hübsches Gegenüber und sein Blick klärte sich. "Zumindest ist es sicher nicht unklug, sich ein wenig bedeckt zu halten, bis man weiß, welche Partei die Oberhand behalten wird."

"Die ... Handelsgüter werde ich dir dann natürlich persönlich bringen. Ich hoffe allerdings, du wirst mehr als nur deine Zeit gegen die Waren tauschen." Der Ravnos ließ nicht durch seine Aussprache erkennen, ob dies als ernsthafte Aussage oder Scherz zu verstehen sei. Beiläufig fügte er hinzu: "Durch einen Zufall habe ich übrigens Caterina Tebalducci getroffen. Eine ... interessante Persönlichkeit. Du handelst auch mit ihr?"

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