I Sestieri

Die Stolze ist voll von Geschichte, selbst jetzt, voller Orte und Plätze mit ihrem ganz eigenen Charme.
Hier sind einige davon.

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Il Narratore
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I Sestieri

Beitrag von Il Narratore » Do 23. Jul 2015, 13:45

Ein Überblick
Sechstel nennen die Genovesi ihre Stadtteile, denn Genua ist zu stolz und zu mächtig, um sich mit deren vier zufrieden zu geben. Und wenn Venedig schon die Frechheit zu diesem Namen besitzt, so steht es der wahren Herrin der Meere doch nur recht und billig an.
Im zehnten Jahrhundert sind diese Sestieri noch einiges kleiner und unscheinbarer, als sie es in der spätmittelalterlichen Hochphase sein werden. Tatsächlich umfasst allein das heutige Sestiere Molo das gesamte Stadtgebiet Genuas im Jahre 936.
[Bis ich Zeit und Muse für vernünftige Recherche und Atmosphärische Beschreibungen finde hier die Kurzversion:]

Mascarana oder Maccagnana lag ganz im Süden der Stadt, entlang der sanften Hänge des Kastellhügels und im Schatten des bischöflichen Einflusses, von San Donato. Einige der wohlhabenderen (und gottesfürchtigeren) Bürger lebten hier, wie auch jene Handwerker, deren Talente zum Erhalt des bischöflichen Haushalts benötigt wurden. Sie ließen sich in den Garnisonsgebäuden der Römer nieder, wo die Legionen des Castrums sich

Brolius, oder auch Broglio, war vor Errichtung der karolingischen Stadtmauern das Borgo Saccherio, wo sich noch zu Zeiten des Grafensohnes Otberto Hühnerfarmen auf den grünen Hügeln im Osten befanden.

Ravecca nahm seinen Namen von der Via Revecca, der Straße die von der Porta Soprana zur Porta di Castello führt, und war ein um diese ehemalige Handelsstraße nach Nordosten gewachsenes Dorf voller Leben. Wirtshäuser, festlich geschmückte Plätze und der ein oder andere Kräutergarten erfreuten hier das Auge und die Seele.

Clavica....Clavica ist ein seltsames Wort, seine Etymologie gibt aber großen Aufschluss über die Bevölkerung dieses illustren Örtchens: Es ist die latinisierte Form des alltäglicheren Chiavica, das wiederum eine Bastardisierung des lateinischen Clovaca bedeutet.
Scheißekanal. Der Abschaum der Stadt siedelte sich hier an, nistete sich wie Gewürm in den ruinierten Häusern größerer Männer ein, die das schwarze Herz des Sesterie bildeten. Wie von der Flut angespült landete unfehlbar jeder Bettler, Beutelschneider und Büttel früher oder später hier, jeder Strauchdieb und Matrose fand seinen Weg in die Hurenhäuser und Schenken der Clavica. Nicht eine Kirche gab es hier, nicht eine Piazza, auf die die Anwohner ihre Feste hätten verlagern können: Nur ein endloses Meer aus Gassen und Schatten.

Platealonga oder auch Piazzalunga, bedeutet soviel wie Langer Platz und umfasste jenen südwestlichen Teil der Stadt von der Wasserfront über die Chiesa di San Damiano, den Mercato di San Giorgio bis hin zu dem Platz vor der Chiesa San Donato. Der Name stammt offensichtlich von den vielen Plätzen und Handelsständen, die sich durch das ständige kommen und gehen der Händler und Märkte teils nur wenige Meter hintereinander befanden. An Markttagen mochte es so wirken, als sei das ganze Straßennetz von der San Donato bis zu San Giorgio eine einzige, lange Piazza.

Domus, römisch für Haus, war genau das: Eine Ansammlung von Häusern entlang der alten Stadtmauern, die sich im Schatten der erneuerten Mauern wiederfanden. Es lebten nicht die reichsten Menschen hier und nicht die ehrlichsten, aber Weber, Müller, Bader, Turmschließer, Totengräber und Abdecker und Metzger mussten irgendwo leben. Da diese unreinen Berufe leider einen Großteil der städtischen Wirtschaft ausmachten, war das Domus auch das größte Viertel und von den sarrazenischen Geißeln am härtesten getroffen.

Die Römer fassten diese Stadtteile unter vier Namen zusammen:
Castrum, was natürlich die Gegend um das Bischofskastell im Süden der Stadt bezeichnet und eigentlich nur Mascharana umfasst.
Civitas, womit das Zentrum der römischen Planstadt und Kultur gemeint war, bestehend aus Clavica, Platealonga und Domus.
In Abgrenzung zu diesen Zentren der römischen Kultur bezeichneten sie die sogenannten Burgi - die Dörfer ausserhalb der Stadtmauern - und mit Domocultae die Landgüter der reicheren Römer, ihre Weinberge und Villen, die sich hauptsächlich auf den Hügeln zwischen den kleineren Zuflüssen des Golfes entlang dem Weg nach Lucculi.

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Broglio

Beitrag von Il Canzoniere » Sa 30. Jan 2016, 09:46

Broglio (um ca.980 n.Chr.)

Früher einmal war Broglio ein Dörfchen, ein malerisches kleines Ding vor den Toren der römischen Stadtmauern. Auf seinen grünen Hügeln standen Reih um Reih Hühnerställe, durch die kleinen Täler zogen sich die sorgsam gepflasterte Ableger der Via Aurelia bis in die Stadt hinein und in seinen Stuben herrschte eine heimelige Ordnung.
Das Geschnatter von Hühnen und Gänsen lag in der Luft, Schweine drehten sich lachend über Feuern und der Geruch von Schinken, Brathähnchen und gebratenen Eiern lag beständig in der Luft. Es war ein Fest für die Sinne.

Mit der Errichtung der neuen Mauer durch den ach so großen Karl änderte sich das.
Broglio war nun Teil der Stadt. Jedenfalls innerhalb der Mauern der Stadt, mit dem Haupttor für Handel, der Porta Soprana im Osten und der alten Römerstraße (strata romana) im Norden. Und die Stadt schluckte das einst beschauliche Dörfchen mit gierigen reißen und zerren, wie ein Raubtier seine Beute.
Seit den sarazenischen Überfällen vor fast einem halben Jahrhundert lagern die Heimatlosen in den Straßen von Broglio. Jahrzehnte des Aufbaus, die andere Sestieri wieder aufrichteten und in neuem Glanz erstrahlen ließen, gingen unbemerkt an Broglio vorbei. Hässliche Behelfsbauten ragen dort in den Himmel wo früher Kühe weideten und Hühnerställe beherbergen heute Männer und Frauen mit hoffnungslosen Gesichtern.
Von seinen Schwesterbezirken im Stich gelassen und ausgenutzt wuchern die Elendsviertel Claviculas jedes Jahr weiter die einst grünen Hänge Broglios hinauf, werden die Banden aus Halsabschneidern, Straßendieben und Erpressern stetig dreister. Bettler denen in Domus und Mascarana der Strick droht, versuchen hier ihr Glück, nur um festzustellen das das Mitleid in den Herzen der Broglioer längst erloschen ist.

Broglio ist ein Ertrinkender. Die Straßen versinken seit Jahrzehnten unter einer dicken Schicht aus Dreck, Schlamm und Unrat. Der Sirenengesang der Menge ist von überall zu hören, auch wenn er sich über die Jahre verändert hat: Das Ächzen der stöhnenden Menschen, das Gequieke der werfenden Säue, das säuselnde Betteln der Hoffnungslosen, der Hochmut der krähenden Hähne, das Rumpeln der fahrenden Handelswagen.

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Ravecca

Beitrag von Il Canzoniere » Sa 30. Jan 2016, 09:47

Ravecca (um ca.980 n.Chr.)

Wenn Alten von dem Paradies schwärmen, welches Ravecca wohl einmal gewesen war erfüllt sie gleichzeitig der Kummer wenn sie sehen was daraus geworden ist. Jener östliche Teil der Stadt, der sich entlang der gleichnamigen Via Raveccha von der Sant'Andrea Ebene und der Porta Soprana bis zum Janusplatz zieht. Die Via del Colle (Hügelstraße) zieht sich hier an den karolingischen Stadtmauern entlang, verbindet die Haine und Gärten mit der Mauer, in deren Schatten sich oft die Faulenzer und Tunichtgute versammeln.
Auf dem Andreahügel (Colle di Sant'Andrea) gelegen ist die Luft hier manchmal noch freier, frischer und süßer als in den anderen Sestieri Genuas. Jedoch scheint die unsichtbare Hand welche das Sestieri lange beschützte von ihr genommen worden zu sein. Zwischen den hohen Wirtshäusern und den geräumigen Häusern tummeln sich heute die Bettler, Obdachlosen und Verzweifelten. Obwohl einiges tausend Volk hier wohnt und wirkt, sieht man doch selten viel von ihnen. Sie sind die wohlhabenderen, die begüterten unter den Bauern und Wirten und halten sich sichtlich von den fern von den hungrigen Gestalten, den verhärmten Kindern und den dubiosen Grüppchen die die Straßen immer mehr für sich einnehmen. Wie betäubt scheinen es viele Raveccaner noch nicht fassen zu können was aus ihrer Idylle geworden ist.

Die Olivenhaine, Apfelbäume und Rebstöcke zeugen noch immer von dieser Idylle. Jedoch hängen niemals lange Früchte an den Bäumen und Sträuchern und manch zu lange unbeaufsichtigter Grünfleck ist nun mit behelfsmäßig zusammengezimmerten Bauten und verängstigten Menschen besiedelt.
Nachts mag man den Grund hierfür erkennen, wo das nächtliche Volk aus Broglio oder schlimmer, Clavicula, die Gassen für sich entdeckt um ihren hässlichen Geschäften nachzugehen.
Kaum Licht dringt aus den vielen Tavernen und den verriegelten Häusern, in das die Sterblichen sich verkriechen, kahl gefressen und verlassen liegen die Haine und Wäldchen da und fern, oh so fern, wirkt von hier oben die restliche Stadt.

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Clavica

Beitrag von Il Canzoniere » Sa 30. Jan 2016, 09:47

Clavicula (oder Clavica) (um ca.980 n.Chr.)

Die Kloake. Der Pfuhl. Die Jauchegrube. Die Sünde Genuas. Die Hure. Das schwarze Herz.
Keiner der Namen für Clavicula war hübsch, doch alle beschrieben sie das kleinste und am dichtesten besiedelte Sestiere ausgesprochen gut.
Tausende lebten hier, hunderte Flüchtlinge waren dazu gekommen, all diejenigen, die ohne ehrliche Arbeit waren, die Glücksritter aus den Dörfern und den Wäldern, die vom Krieg der Könige, von Hugo 'dem Italer', Lothar 'der Puppe', Otto 'dem Großen' und Berengar 'dem Knieenden' vertrieben worden waren. Sie alle sammelten sich hier, liefen wie ein Fluss durch die Hügel, wurden von der Flut in Platealonga angespült und landeten schließlich am niedrigsten Punkt der ganzen Stadt.
In Clavica, das eingesperrt war zwischen dem Bischofskastell und den Schergen der Reichen im Süden, zwischen den aschenen Feldern Domus' im Norden, dem Meer menschlicher Leiber und Reisender am Hafen und den luftigen Höhen von Raveccha und Broglio.
Alles senkte sich hier zu Boden, alles drückte und drängte nach unten. Denn dies war der einzige Weg, um dem Elend zu entkommen: Noch tiefer zu versinken.
Klein und erbärmlich war es in Clavicula, wo jeder Blick den Neid schürte. Eng sind die Gassen in dem überbauten Stadtteil, kaum breit genug für einen Mann, stickig die Luft von dem Miasma tausender hungernder und schreiender Menschen, Tiere und Verbrecher und düster die Straßen, in denen hohe und wackelige Holzkonstrukte sich in den Himmel schrauben.
Nur auf den Plätzen und Piazze ist der Himmel mehr als ein schmaler Streifen Dampf.
Doch jeder Blick nach oben offenbarte nur die schönen Villen im Süden oder den blauen Himmel über den Köpfen oder die grünen Hügel im Osten. Jeder Blick nach oben fiel auf etwas schöneres als das eigene Leben und weckte Gier und Neid und Hass in den Menschen.
Sich in den dunklen Abgründen zwischen den Häusern aufzuhalten, die faule Luft zu atmen, sich an den schmutzigen Leibern zu reiben war beileibe kein angenehmes Gefühl. Noch weniger Freude bereitete nur das Leben hier.
In den dunklen Ecken lauerten die Männer des 'Königs aller Diebe', der seit Jahrzehnten das Viertel fest im Griff hatte, auf jeder Straße begegnete man den Schergen des 'grauen Silvio', der mehr die Diebe vor den Bürgern schützte als andersherum, auf jedem Platz verbreiteten die irren Anhänger des 'Propheten' ihre Ressentiments gegen die Herren.

Und trotzdem, trotzdem findet sich eine gewisse Schönheit in dem elendsten Viertel, harsch und grausam wie das Leben selbst.
Jede Nacht brachte etwas Neues hervor: Eine neue Tragödie, eine unerhörte Liebschaft, eine kreative Todesart, ein unvorstellbares Verbrechen, eine ungewöhnliche Geschichte.
Hinter jeder Ecke wartete ein unbekanntes Gesicht, ein fremder Name, ein frisches Verlangen, ein unerforschter Hinterhof.
Jeder Platz veränderte sein Antlitz. Nie war der Platz der schwarzen Katzen derselbe, nie verblassten die Zauber des Hofes der Wunder, immer wilder wurde die goa di birra, immer fremder der Maskenplatz.
Das Volk von Clavica kostete die volle Süße des Lebens in jedem Augenblick und in jeder Stunde ihres Wachens, denn in der Kloake währte es nur allzu kurz.

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Platealonga

Beitrag von Il Canzoniere » Sa 30. Jan 2016, 09:48

Platealonga (um ca.980 n.Chr.)

Der lange Platz ist der Name des Viertel, Piazzalunga, Platealonga. Doch dies ist bloß zur Hälfte wahr. Denn es ist nicht etwa ein einzelner, riesiger Platz wie der Georgsplatz, der von Nord nach Süd aus dem Häusermeer platzt. Vielmehr sind es hunderte und aberhunderter kleiner Piazzen, die sich an den Kreuzungen kleinerer Gassen bilden, die sich in den breiten Wegen zwischen den Kontoren ausbreiten und die an den Kreuzungen der großen Straßen - San Bernardo, Strata Romana, Galgengrube (fossa di platiboli) und Handelsstraße (viale dei scambi) – aufplatzen.

In keinem Sestieri sieht man den Umbruch der Stadt besser als hier. Wo die Plätze vor Jahren noch wie Geschwüre im Leib der Stadt voller Müll und Unrat dalagen sieht man heute die Massen auf ordentlich gepflasterte Marktplätze und Wegen ihren Geschäften nachgehen. Wo früher ein brackiges Hafenbecken heruntergekommene Fischerkähne beherbergte, liegen heute die Handelsschiffe aus Pisani, Nikaer, Rhomaioni, Norsk und noch ferneren Ländern. Geschäftstüchtige Kaufleute tummeln sich zwischen privaten Wachsoldaten und Passagieren die sich lautstark in fremden Sprachen beschimpfen. Säcke und Kisten schleppende Arbeiter gehen in frisch restaurierten Kontoren ein und aus und drängen das, früher überall präsente, Gesindel in die wenigen verbliebenen Rückzugsorte oder gar in andere Viertel.
Alles läuft hier zusammen. Ist Clavicula der Gezeitentümpel, in den nur zu stürmischster Flut das Leben sprudelt, so ist Platealonga der Strand. Die Schiffe aus aller Welt legen hier im Hafen an und Handel aus allen Städten der Umgebung, von der Via Aemilia Scauri, der Via Aurelia oder aus dem Westen her rollten über die schlammigen Straßen. An Markttagen strömt das Volk aus allen Vierteln zum Georgsplatz und selbst an manchem Donnerstagabend ist er mit Lauschenden gut gefüllt, die den Reden des Priesters der San Giorgio Kirche folgen. Auch in der Therme, jenem versteckten und doch allzu bekannten Hurenhaus im Süden, und dem Hof der Wunder, jenem Ort der Exotik und des Rausches, werden die seltsamsten Treibgüter angespült.

Von jeder Seltenheit in der Welt findet sich hier ein Exemplar im Schlamm.
Und wie das Meer unzuverlässige Ebbe und Flut kennt, so auch das nächtliche Platealonga. In guten Nächten trifft man hier weitgereiste, interessante Gesprächspartner und Menschen die man sonst in ganz Italien nicht fände. In schlechten flackert die dunkle Vergangenheit des Sestieris auf. Denn Mord, Diebstahl, und Bandenkriminalität sind in Platealonga niemals weit entfernt.

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Re: I Siesteri

Beitrag von Melissa » Mo 15. Aug 2016, 13:19

Mascharana (Maccagnana) (um ca.980 n.Chr.)

Im Süden Genuas, über den sanften Klippen direkt zum Golf, befindet sich Mascharana. Hier erheben sich die Villen der Reichen wie auch die Klippen über das bewegte Meer hinaus ragen, über den Schmutz der restlichen Stadt: Erhaben, edel, unbeugsam. Mag der Sturm auch kommen, mögen die Wellen sich blutig auftürmen, mag das Chaos auch regieren in der Stadt und auf dem Meer – in den Villen der Patrizier sitzt man sicher, hier sitzt man warm.

Prunkvolle kleine und große Stadtpaläste, die sich dort wie an einer Perlenschnur vom Kastell des Bischofs im Osten bis zur Kirche San Nazareth im Westen aufreihen. Aus solidem Stein errichtet, mit kleinen Säulen vor dem Eingang und oft genug mit grimmig dreinschauenden Wächtern, die den hohen Herrschaften unliebsamen Besuch fern halten.

Dabei ist Maccagnana diesem Problem effektiv beigekommen: den Bettlern aus der Stadt dort unten, die Neider und Habenichtse, die den reichen Händlern und arbeitenden Handwerkern im Viertel nicht den Reichtum gönnen, den sie mit harter Arbeit (meist der von anderen) erwirtschaftet haben. Die opulent gepflasterten Straßen sind, sieht man von den sichtlich wohlhabenden Bewohnern des Viertels und der stets wachsamen Stadtwache einmal ab, menschenleer. Denunziantische Blicke folgen denen die sich auf die Straße hinauswagen und nicht den optischen Maßstäben entsprechen, neidische denen die über die eigenen hinausschießen.

Mascharana ist in seinem ganz eigenen Kosmos gefangen und schnell bekommt der Beobachter den Eindruck das die Patriarchen der Genueser Familien in ihren Palazzos über der Stadt viel lieber über ihre weitreichenden Beziehungen bis nach Barcelona, nach Rom, Neapel, Byzanz und Kairo brüten, Pläne schmieden und hinter verschlossenen Türen Feste feiern, als den unbequemen Blick auf die Stadt zu ihren Füßen zu senken.
Ihr Blick richtet sich auf größere Dinge.
La famiglia é il nido dell'uomo.
- Giovanni Faldella

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Re: I Siesteri

Beitrag von Melissa » Mo 15. Aug 2016, 13:20

Domus (um ca.980 n.Chr.)

Will man einen Eindruck von dem Genua bekommen wie es vor den verheerenden Plünderungen der Sarazenen ausgesehen hat, dann sollte man seine Schritte nach Domus lenken. Hunderte kleine Hütten, hübsch, beschaulich und wenig aufregend erstrecken sich überall im größten der Sestieris. Die typischen, aus Planken gezimmerten, Häuschen der Bürger, schief und liebevoll bunt bemalt wurden in den Dekaden nachdem das Viertel beinahe vollständig abgebrannt war in mühevoller Kleinarbeit und viel Nachbarschaftshilfe wieder aufgebaut. Hier lebt das Herz der Bürgerschaft. Wo in Raveccha Bauern, in Clavica Gauner, in Broglio Dörfler, in Platealonga Fremde und in Mascharana Reiche gibt, da gibt es in Domus Bürger. Bürger in beschaulichen Hütten mit ehrlichen Berufen, mit freien Herzen und liebenden Ehefrauen.

Zwar kann man auch ein halbes Jahrhundert nach den verheerenden Bränden, den Plünderungen und den Vertreibungen noch vielerorts sehen das es ein langer Weg zurück zu dem Sestieri war das Domus heute ist, aber die Menschen scheinen die schlimmsten Zeiten hinter sich gelassen zu haben. Die früher allerorten ihre Hände ausstreckenden Bettler sind aus den Straßen verschwunden, sogar die wichtigsten Straßen wurden gepflastert und bedecken den einstmals schwarz verbrannten Boden.

Lediglich an den Rändern, insbesondere nach Clavicula und Borglio kann man noch sehen wie schwer es Domus hatte. Hier stehen noch viele Behausungen aus zusammengestohlenen Brettern und Planen, unter denen die Menschen wie Vieh hausen, stechen die verkohlten Reste der einstigen Häuser aus dem Matsch.
Die drei Kirchen, die maßgeblich am Wiederaufbau beteiligt waren bieten nicht nur dem Auge Halt: San Genesio am westlichen, San Ambrosio am östlichen Ende und die Laurentuskirche dazwischen. Stolz ragen ihre Kirchtürme in den Himmel, das deutliche Zeichen das heute verkünden darf: Domus lässt sich nicht unterkriegen.
La famiglia é il nido dell'uomo.
- Giovanni Faldella

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