Plätze, klein und groß

Die Stolze ist voll von Geschichte, selbst jetzt, voller Orte und Plätze mit ihrem ganz eigenen Charme.
Hier sind einige davon.

Moderatoren: Toma Ianos Navodeanu, Acacia

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Il Narratore
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Plätze, klein und groß

Beitrag von Il Narratore » Do 23. Jul 2015, 13:42

Piazza dei gatti neri
Der Platz der schwarzen Katzen war kein Ort, den die Genovesi liebten. Zum einen war er nämlich einer der hässlichsten Orte der Stadt:
Umstanden von den gerade noch stehenden Wänden der letzten überlebenden Insulae, der römischen Mietskasernen, war er ein dunkler Flecken. Obwohl nur noch Teile, hier ein Flügel und dort ein einzelner Aufgang, der Insulae standen, ragten fast unendlich hoch ihre löchrigen Teile in die Nachtluft – sechs, sieben Geschosse. So löchrig, dass es in den Häusern selbst und dem Magen jedes Beobachters unangenehm zog. Menschen sollten nicht so hoch bauen und noch weniger in den halb eingestürzten Ruinen ihrer Ahnen leben.
Die Menschenlager waren die billigsten und überfülltesten Absteigen der Stadt. Bettler zog es hierhin, die Elenden und Miserablen. Dutzende fanden in einer der Wohnungen Platz und soetwas wie Obdach, manchmal auch Gesellschaft und ein wenig Zuneigung. Immerhin schützte es einigermaßen vor dem Regen und hielt warm, auch wenn bei schwerem Unwetter das Wasser knöchelhoch in den alten Gängen stand. Hier und da riss der Sturm auch mal einen Brocken Putz mit oder kleinere Stücke Bausubstanz.
Wie gesagt – kein schöner Ort.
Das eigentliche Problem aber war, wie offensichtlich verflucht der Platz war. Sicher, die Obdachlosen konnte man noch weg erklären. Es war eben das Armenviertel, es war geräumig und niemand scherte sich hier um sie. Die Katzen, diese Unzahl an miauenden, schreienden, jagenden Katzen, die zu jeder Tages und Nachtzeit über den Platz schlenderten, die im Umkreis von einigen Straßenzügen jede Maus gefressen, jeden Vogel gefangen und jeden Hund verjagt hatten. Die waren vielleicht noch eine Nebenerscheinung der unsäglichen Zustände rund um die kleine Piazza.
Aber warum waren sie alle schwarz? Und warum starrten sie jedem anständigen Bürger hinterher?
Es konnte kein Zufall sein, dass dieser Ort am weitesten entfernt von jedem heiligen Platz war, dass sich nur der Abschaum der Stadt hierher traute und dass jeder respektable Mann diesen Ort mied.

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Re: Plätze, klein und groß

Beitrag von Il Narratore » Do 23. Jul 2015, 13:43

Piazza di San Giorgio
An dem Ort, wo die Via San Bernardo auf die Kirche des heiligen Georg trifft und der Strom an Menschen, Waren und Tieren die Insel des Glaubens umfließt – dort befand sich der Platz des heiligen Georg, der Marktplatz.
Schon zu Zeiten der Römer standen hier Buden und Hallen, Tröge und Ställe für das Vieh. Und obwohl der Boden gepflastert war mit Steinen und eigene Beamte die Rechtmäßigkeit jedes Handels und aller Preise überwachten, so fehlte dem Mercato noch sein stolzer Name und die Kirche.
Heute ist es andersherum.
Der Boden ist matschig und schlammig, selbst bei Trockenheit. Der Schweiß, die Exkremente von Eseln, Schweinen, Kühen, Hühnern und Pferden, die Fischinnereien und die Pisse einiger hundert Betrunkener verwandelt die ausgedörrteste Sommererde in ein Schlammbad. Der Gestank ist überwältigend, wie auch der Lärm und die Enge der zum Markttag aus dem Umland strömenden Menschenmassen.
Tagsüber jedenfalls. Nachts ist der große Platz wie leer gefegt, denn niemand verbringt nach Sonnenuntergang noch seine Zeit mit Geschäften. Die Gefahr an Betrüger und Beutelschneider zu geraten ist zu groß. An der ein oder anderen Ecke wälzen sich noch Zecher und Bettler in ihrem Mist und dem der anderen, vielleicht sucht ein Lumpensammler noch in Bergen aus Abfällen nach etwas verwertbaren, im blutigen Scheißeschlamm nach verlorenen Münzen oder Ringen.
Aber Menschen halten sich nicht mehr hier auf am Abend.
Einsam und verlassen stand nur die Kirche des heiligen Georg auf den Ruinen ihrer römischen Vorfahren und verachtete das nächtliche Treiben des Abschaums.

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Re: Plätze, klein und groß

Beitrag von Il Narratore » Do 23. Jul 2015, 13:43

Piazza Sarzana
Im Süden Genuas, unweit der Porta di Castello, gab es einen von Häusern, steinernen Bögen und den ummauerten Hügeln des Kastells selbst eingeschlossenen Platz, den die Städter nur "Piazza Sarzano" nannten. Soweit die Erinnerung der Stadt zurückreichte – und dies war sehr weit, nämlich bis zu den Zeiten des ehrwürdigsten Bischofs Valentin vor nunmehr sechshundert Jahren – hatte es an dieser Stelle stets einen Platz gegeben und selbst die Heiden hatten ihn wohl gekannt.
Es war nämlich seine Eigenart, dass er in der Tat von Resten alter, römischer Mauern umstanden war, die nur zwei Durchlässe in Form von Triumphbögen besaßen. Einer von ihnen, der durch eine schmale Mauergasse zum Sitz des Bischofs führte, stand auch zu jenem Zeitpunkt, von dem ich spreche, noch. Der andere jedoch, der auf die Via Ravecca hinaus ging, war schon vor einer Ewigkeit zerfallen.
Nach Meinung der meisten Leute erhielt der Platz seinen Namen von dem doppelköpfigen Heidengott Giano, an dessen Busen Genova gegründet wurde. Der ligurische Dialekt, dessen weiche Aussprache das ohnehin schon süße Italienisch weiter verfeinerte, schliff aus Sàscio di Zanu wohl das einzigartige Wort Sarzana – Stein des Janus. Uneins war man sich nur, was mit diesem Steine denn gemeint sei. Denn nicht nur ist das Kastell auf einem felsigen Hügel errichtet und zweifellos ein Bindeglied, eine doppelköpfige Gestalt auf dem Weg von der Zivilisation Roms und seiner Neuartigkeit in die alte Wildnis Galliens gewesen, sondern auch ein riesiger Findling liegt mitten auf dem Platze.
An diesem Ort jedenfalls, der als einer von nur wenigen in der gesamten Stadt noch mit alten Pflastersteinen gepflastert war, liefen noch wie früher die Zeiten zusammen. Jede Straße der Stadt nahm hier ihren Ausgang, jede Geschichte, jede Affäre, jede Liebe und jede Feindschaft begann am vertrockneten Brunnen in seiner Mitte, nur um schließlich zu ihm zurückzukehren und zugrunde zu gehen. Aus der Vergänglichkeit der Stadt kommend ging alles hier über in die Ewigkeit Gottes.
Wer hierher kam, um sich im Schatten des kleinen Pavillons über dem Janusbrocken auszuruhen oder den urteilenden Blicken der zeitlosen Anwohner auszusetzen, der ward verändert. Seine Seele stand an der Kreuzung von Ewigkeit und Weltlichkeit und sie musste sich für einen der Wege entscheiden: Das alte Ich bleiben oder als neues Selbst geboren werden.
Denn schließlich nahm alles hier seinen Anfang.

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Re: Plätze, klein und groß

Beitrag von Il Narratore » Do 23. Jul 2015, 13:43

Cortile delle Meraviglie
Es gibt viele Plätze in der Stadt von Genua, die keine Gesetze kennen. Es gibt einige Orte, an denen sich der Abschaum sammelt. Es gibt wenige Gegenden, die völlig von den Handlangern des Gesetzes gemieden werden. Es gibt seltene Ort, in denen man echte Magie bestaunen kann. Es gibt nur einen Hof der Wunder.
Das Schlimmste des Schlimmen sammelt sich hier in diesem Hinterhof, gedrängt zwischen die aschenen Felder im Norden, das Jauchebecken von Clavicula im Süden, den Hafen und seine Wildheit im Westen und die braven Bürger von Broglio im Osten – Juden, Zigeuner, Quacksalber, Schauspieler, Magier und Huren.
Ein Gewimmel von Farben, von Gerüchen und Geräuschen herrscht hier Tag wie Nacht. Die Menschen schlafen unter freiem Himmel, auf dem Boden oder an den Wänden, bunte Tücher der Zigeuner flattern im Wind, gespannt zwischen Bäume und Häuser und Läden und Zelte, Glöckchen klingeln an nackten Füßen, Lust stöhnt durch das Gemenge, wenn Mann und Frau sich wie Tiere unter dem Blätterdach vereinigen, Kräuter, Duftholz und Wunderwerk brennen in Kohlepfannen.
Rund um die große Eiche in seiner Mitte, auf Höhe der Brust, schwingt sich ein hölzernes Gerüst, auf dem die Jongleure, die Spaßmacher, Messerwerfer, Tänzerinnen, Zauberkünstler, Sänger, Dichter und alles andere arbeitsscheue Gesindel ihr Fleisch feilbieten, unter anhaltendem Johlen der Zuschauer. Alle durch- und nebeneinander, gleichzeitig und ständig.
Der Hof der Wunder ist ein Fest für die Sinne.

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Re: Plätze, klein und groß

Beitrag von Il Narratore » Do 23. Jul 2015, 13:44

La Terme
In Platealonga, unweit der Via San Bernardo, existiert ein Ort, von dem niemand wahrhaft zu berichten wagt und den dennoch jeder kennt. Er heißt die Therme und so muss ein jeder auf seine Worte achten, denn in Genua heißt "Ein Bad nehmen" etwas gänzlich anderes als in den meisten Städten.
Tatsächlich handelt es sich bei diesem Ort auch um ein Bad, das einst die Römer für ihre Garnison erbaut hatten – kaum ein Soldat war bereit, ohne gewisse Annehmlichkeiten seinen Dienst zu fristen. Betritt man durch den gut versteckten und doch sehr offensichtlichen Zugang dieses Bad, so gelangt der geneigte Gast zunächst in den Vorraum, wo schlicht gekleidete Muskelmänner ihren Obulus entgegen nehmen. Sie führen ihn sodann in den Entkleideraum, wo auf langen Reihen von Bänken die Kleidung der Gäste sich ausbreitet und weitere Männer die Sicherheit der Börse überwachen.
Dampf wabert hinein aus den seitlich angrenzenden Schwitzbädern und unter den Füßen liegt der mit geheimer Zauberkunst der Römer angewärmte Boden, der mit Mosaiken, mit Steinchen und Bildern verziert ist.
Aus dem geradezu gegenüber des Eingangs liegenden Caldarium ertönt Geschrei und das rhytmische Klatschen von Wasser auf Stein. Männer und Frauen tummeln sich hier im Gischtnebel und das heiße Wasser bringt ihr Blut zum kochen, sodass allerlei Grausamkeiten und Wildheiten geschehen. Dahinter folgt das Tepidarium, in dessen gemäßigter Temperatur die Mädchen keck lachen und spielen und die Männer mit Freude genießen, während im darauf folgenden Frigidarium die Liebe mit dem Wasser zusammen abkühlt und die Gäste und ihre Bedienung sich einander entfremden.
Ein jeder Wunsch lässt sich hier befriedigen, einem jedem Gelüst nachgehen. Rothaarige Iren, blonde Sachsen, brünette Franken, rabenhaarige Byzantiner, gelockte Juden, haarige und fellige Herren und Damen, königlich bleich oder arabisch braun, vollgestopft und gertenschlank, beringt, bekleidet oder nackt. Die Prinzessin von Hindustan, die Königin von Amiramis, die Männersklaven der Amazonen – sie alle finden sich in diesen Räumlichkeiten und sie alle haben nur das eine im Sinn.

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