San Pancratius

Die Stolze ist voll von Geschichte, selbst jetzt, voller Orte und Plätze mit ihrem ganz eigenen Charme.
Hier sind einige davon.

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La Vedova
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San Pancratius

Beitrag von La Vedova » Di 13. Mär 2018, 14:49

San Pancratius, die Kapelle gegenüber der großen Basilika San Siro,


sah ein wenig aus wie diese nur in klein. Eine schlichte, dreischiffige Basilika ohne Turm und Querschiff mit viel recht klobiger Wandfläche und nur wenigen, kleinen Fenstern im Obergarden des Mittelschiffes. Die Fassade war immer abwechselnd in zwei verschiedenfarbigen Terracottatönen erbaut, zwei Gesteinsarten, die ein zurückhaltenes horizontales Streifenmuster bildeten.
Das Portal wurde von einem Mosaik in Rot- und Erdtönen bekrönt, das das Martyrium des Heiligen Pancratius zeige: Die Enthauptung des edlen Miles mit Rüstung und Schwert und Märtyrerpalme durch einen gedrungenen Schergen des Kaisers Diokletian, der mit Befehlsgestus dahinter stand.

Bei Betreten der Kapelle hingegen bot sich ein völlig anderes Bild als von außen:
Die schlichte, glatte Innenwand von einst war nun von oben bis Unten mit tiefroten Fresken verziert. Die Arkadenreihen der als einzig weißen Rundsäulen waren über und über mit Mäandern in nordischen Knotenmustern bemalt worden, die umlaufend die verschiedenen Szenen des Zyklus miteinander verbanden. Über den Säulen auf der großen Wandfläche unter den Obergardenfenstern reihten sich verschiedene apokalyptische Szenen aneinander und ergaben im Rundblick eine Geschichte von Chaos und Zerstörung. Ströme aus Blut flossen auf massenhaft toten Leibern hinunter in die nordischen Knoten. Dargestellt waren offenbar die sieben Vorzeichen der Apokalypse mit den entsprechenden Bibelstellen in Textform in Latein darunter.
Über dem Zyklus zwischen den Fenstern des Lichtgardens waren kleinere Szenen dargestellt: Vom Kirchenraum aus nicht im Detail zu erkennen befanden sich dort jeweils ein Skelett und eine weitere Person wie im Tanze sowie ganz vorne in Richtung Chor sich gegenüber stehend Adam und Eva mit Feigenblättern offenbar nach dem Sündenfall, sowie ein Mann mit rotem Mantel und ein Mann in Leichentücher gewickelt, beide mit Heiligenschein.

Im Chor der Kirche war ein einnehmendes Mosaik in Terracotta- Hellrot und Braun angebracht worden. Christus als Weltenrichter in der Mandorla, die als einziges in einem hellen Gelb erstrahlte, hielt in den ausgestreckten Armen die Symbole der Evangelisten. Eine einfache Scheinarchitektur umgab ihn, Engelschöre mit Blasinstrumenten deuteten himmlische Dimensionen an. Unter ihm ins Fresko übergehend öffnete sich eine Landschaft mit einem tiefen Abgrund, aus dem halbskelettierte und in Leichentücher gehüllte Untone entstiegen, umgeben von dunklen Pestwolken und angeführt von monströsen Heuschrecken und anderem dämonischen Gezücht und Feuer spuckenden Pferden.
Aus einem blutroten Meer entstieg ein Tier mit zehn Hörnern und sieben Köpfen, das von einer beinahe barbusigen und bekrönten Frau in einem langen, roten Gewand geritten wurde sowie ein Mischwesen aus einem Mann und einem gehörnten Tier, das ein schwarzer Heiligenschein umgab.
Ihnen entgegen stellten sich in einem unendlichen Krieg Engelsscharen mit Äxten und Krieger zu Pferde mit Lanzen. Hinter ihnen auf einer Erhöhung in der landschaft trug ein Hirte ein Lamm auf den Schultern, seinen Hirtenstab wie ein Schwert führend, ein Heer aus Jungfrauen befehligend.
Links und rechts neben dem Chor waren zwei Heiligengestalten an die Wand gemalt: Der Evangelist Johannes, ein Buch mit sieben Siegeln öffnend auf der linken Seite des Chores. Auf der rechten Seite der heilige Pancratius mit Bischofsstab und Buch in edler zeitgenössischer Kleidung. Sein milder Blick fiel hinunter in den Kirchenraum und war das einzig wirklich beruhigende an der ganzen Wandgestaltung.

An der gegenüberlegenden Seite über dem Portal und erst erkennbar wenn die Kirche schon betreten wurde, war eine überlebensgroße Mondsichelmadonna angebracht. Auf einer Mondsichel stehend, einen Drachen unter sich zermalmend in ein weites, weißes Kleid Gehüllt erhob sie ihren bekrönten Kopf zum Himmel. Ihr Leib strotzte von Furchtbarkeit, offenbar schwanger und barbusig breitete sie ihre Engelsflügel über dem Portal aus wie zum Schutze der Gläubigen unter ihren Fittichen. In einer Hand ein Buch haltend, in der anderen einen Vogel. Umgeben wurde diese eherne Gestalt von der Andeutung eines Baum-Ornamentes. An ihrer Seite schreitend zwei dunkelrote, beinahe schwarze Tiere. An beiden Seiten kamen je zwei Reiter zu Pferde angestürmt, unter den Hufen der Pferde lag eine hügelige Landschaft, die erst bei genauerem Hinsehen als Berge nackter Körper zu erkennen war…Leichenberge…

Die ganze Kirche erstrahlte in verschiedensten erdenklichen Rottönen, die Arbeit an Mosaik und Fresken musste viele Jahre gedauert haben. Die Wände waren völlig mit Symbolik überfrachtet, die Details der Malereien mit bloßem Auge vom Boden aus gar nicht alle auszumachen. Die Kleidung der Personen war von elegantem Faltenwurf, die Gesichter der Personen hatten sogar individuelle Züge.
Offenbar hatte sich der Künstler völlig seiner Manie hingegeben.