Halbmond und Halbwissen [Angelique, Ilario]

[März '17]

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Angelique
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Halbmond und Halbwissen [Angelique, Ilario]

Beitrag von Angelique » Di 21. Mär 2017, 16:36

Angelique war wie versprochen am nächsten Halbmond an der mit Ilario verabredeten Stelle und hatte einige Pergamente und Feder und Tintenfäßchen mitgebracht.

Sie trug wieder dieses absonderliche Kostüm, ließ die Beinchen von einem Grundmauerrest baumeln und schaute dem Getier der Nacht zu.

Aufgeregt wie ein Schulkind wartete sie auf ihren Symposiumspartner.
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Re: Halbmond und Halbwissen [Angelique, Ilario]

Beitrag von Ilario » Di 21. Mär 2017, 16:55

In Begleitung seines menschlichen Schattens, Mercurio der etwas missmutig seinerseits Pergamente und eine Tasche mit Schreibutensilien schleppte, kam Ilario zur vereinbarten Stunde an den Ort ihres ersten, zufälligen Treffens. Er nickte Angelique respektvoll zu, ganz so wie es der Etikette entsprach, und hieß dann Mercurio sein Gepäck abzulegen und abseits Wache zu halten. In Rufweite, doch gerade so weit weg, dass der Bewaffnete das Gespräch der beiden Kainiten nicht belauschen könnte.

"Ich grüße euch werte Angelique. Es freut mich, dass ihr gekommen seid."
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Re: Halbmond und Halbwissen [Angelique, Ilario]

Beitrag von Angelique » Di 21. Mär 2017, 17:16

"Seid auch Ihr gegrüßt, wohlwerter Magister Ilario", antwortete das maskierte Mächen und verbeugte sich in der vollendeten Art der provencialischen Höfe, die als das Epidom der Etikette im westlichen Christentum galten.

"Oder bevorzugt Ihr einen sterblichen Titel? Soll ich Euch bezüglich Eurer sicher edlen Herkunft oder Eurem verdienten Rang in der Mutter Kirche ansprechen? Sagt es nur. Ich würde zerknirscht sein, würden meine unbedachten Worte Euch verletzen."

Keins ihrer Worte wirkte jedoch unbedacht. Im Gegenteil hatte der noch junge Blutsauger das Gefühl, selten ein so eloquentes Exemplar der Töchter Evas oder Lilliths getroffen zu haben. Das enigmatische Mädchen sprach mit solcher geschliffenen Weise in der ihrer Muttersprache nur mässig verwandten Art des Vulgärlateins lombardischer Ausprägung, dass man glauben mochte, sie spiele wie ein Poet oder Sänger damit. Betonung und Rhetorik wurden durch ihren süßen Akzent nur wie eine Melodei verziert.
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Re: Halbmond und Halbwissen [Angelique, Ilario]

Beitrag von Ilario » Mi 22. Mär 2017, 11:20

"Nein, nein werte Angelique. Sterbliche Eitelkeiten sind nichts als Schall und Rauch im Angesicht der Ewigkeit, nützlich bisweilen in der Welt der Menschen aber nicht von Bedeutung zwischen uns. Die Ränge der Kirche habe ich persönlich schon seit langem verlassen. Ilario dürfte im Rahmen dieser Zusammenkunft durchaus genügen.
Gibt es Titel oder Ehren die euch gebühren von denen ich nichts weiß?"


Ilario nahm neben seinen Schreibutensilien auf dem Boden im Schneidersitz Platz, eine einladende Geste deutete dem Malkavianermädchen es ihm gleichzutun.
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Re: Halbmond und Halbwissen [Angelique, Ilario]

Beitrag von Angelique » Mi 22. Mär 2017, 16:12

Angelique tat es ihm gleich und setzte sich bequem ins Gras. Eine chaotische, aber akribische Anordnung ihrer eigenen Utensilien folgte.

"Gut, Ilario also", meinte sie lächelnd. "Mich nennt man nur Angelique. Selbst als Sterbliche war ich nur eine Müllerstochter gewesen. Erst meine geehrte Meisterin machte aus mir mehr. ,Den schmutzigen Stein aus der Schweinesuhle holen und zur funkelnden Gemme schneiden', nannte sie das mal. Aber seitdem beanspruche ich keinen Titel unter den Vampiren - ein bezauberndes Wort aus des Drachen Toma finsterer Barbarenheimat - und die Sterblichen nehmen mich besser nicht wahr. Glaubensgenossen der Sophia nennen mich bisweilen Perfecti, aber selbst das ist mir inzwischen eher unangenehm, da ich selbst nicht weiß, was wir genau sind."

Sie legte den Kopf schräg und fragte: "Und? Worum soll unser Gespräch sich drehen, Ilario?"
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Re: Halbmond und Halbwissen [Angelique, Ilario]

Beitrag von Ilario » Mi 22. Mär 2017, 22:07

"Herkunft und Abstammung als Mensch verblassen vor der Bedeutung unserer Existenz als Kainiten. Ich selbst bin lediglich der Bastardsohn eines Klerikers, doch letztlich ist es unser Potential im Untot und der Wille, das Streben nach... irgendetwas, das uns Bedeutung verleiht. Auch wenn unsere Verwandten vom Clan der Könige dies anders sehen mögen."

Sein Vater war lange tot, diese Information konnte schwerlich von Schaden sein, doch gab sie Auskunft darüber wo Ilarios Weg begonnen hatte. Ein Weg der ihn hierher geführt hatte, auf ein steiniges Feld vor den Toren Genuas, mit einer kindlichen Malkavianerin über das Wesen eines uralten Fluchs spekulierend.

"Vampire..." Ilario lies sich das fremdartig klingende Wort förmlich auf der Zunge zergehen. "Dann lasst uns über Vampire reden Angelique, wie seht ihr unsere Art? Unseren Zustand, Segen oder Fluch?"
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Re: Halbmond und Halbwissen [Angelique, Ilario]

Beitrag von Angelique » Do 23. Mär 2017, 22:58

Angelique pfiff anerkennend. "Gleich mit einer der schwersten Fragen überhaupt in die Diskussion einsteigen. Ein so wagemutiger Spielzug, wie es nur ein Magister zustande bringt. Wir sollten unbedingt Schach oder die unaussprechliche Ascomannenvariante davon mit einander spielen."

Sie schaute wehmütig zu den Sternen. "Einstmals war die Antwort so einfach für mich: Die Engel fielen, wurden als Tiere und dann als Menschen wiedergeboren und erlangten als Perfecti einen Zusatnd der Gnade, der dem der Engel wieder näher war. Kain wurde mit der Unsterblichkeit beschenkt, die vorher seinem Vater verwehrt worden war und konnte dies Geschenk weitergeben, ohne dass jemand durch die Erbsünde befleckt wurde.
Aber dann hörte ich die Gesetze der Traditionen, die Kain angeblich gegeben haben soll. Und ich hörte, wie viele der Unseren ihre Unsterblichkeit als Fluch sehen, nicht als Segen. Doch was für ein Fluch wäre das, der uns unglaublich mächtig, ewig jung und potentiell unsterblich macht und die einzigen, die darunter leiden, die armen Menschen sind. Wir brauchen dagegen Agitateure, die uns sagen, dass wir unglücklich und verflucht sind. Ohne sie würden wir vielleicht glücklich und frei durch die Nacht tollen wie neugeborene Gangrel.
Ganz verstören fand ich Andeutungen der Ascomannen, dass nicht unser GOtt, sondern deren Teufel unsere Art schufen.
Und die Juden sagen von Dibbuks wie mir, dass sie Kinder der ersten Frau Adams, einer Nachtdämonin, die Gangrelklauen und Flügel hat, seien: Lillith."
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Re: Halbmond und Halbwissen [Angelique, Ilario]

Beitrag von Ilario » Mo 27. Mär 2017, 08:12

"Wiedergeborene, gefallene Engel? Ein höchst ungewöhnlicher Gedankengang. Meint ihr ein jedes Wesen auf Erden sei einst ein Engel des Herrn gewesen, dann Tier, Mensch und würde schließlich das was der östliche Drache 'Vampir' nennt? Oder trifft dies nur auf einige wenige Seelen zu?"

So fragte der wissbegierige Magister nach. Eine nach der Lehre der Kirche mehr als fragwürdige Ketzerei, aber Ilario hatte sich auch zu Lebzeiten nicht durch die von Sterblichen gesetzten Dogmen davon abhalten lassen etwas zu ergründen. Solange Angelique also nur von der kirchlichen Lehre abwich und nicht Gott selbst lästerte, blickte der Lasombra wohlwollend auf das erstaunliche, gebildete Malkavianermädchen.

"Ob Segen oder Fluch, vermag ich nicht zu sagen. Unsere Existenz bringt uns machtvolle Gaben ebenso wie Entbehrungen. Es scheint für mich als würden die positiven Aspekte überwiegen, aber wer weiß schon was letztlich der Preis dafür ist? Auch unter kainitischen Gelehrten und Theologen gehen die Meinungen auseinander."
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Re: Halbmond und Halbwissen [Angelique, Ilario]

Beitrag von Angelique » Mo 27. Mär 2017, 21:31

"Die dualistische Weltsicht, die in der neoplatonisch beeinflussten Gnosis Eingang gefunden hat, ist manichäischen Ursprungs, die wiederum von dem Weltbild der Perser beeinflusst wurde. Selbst Kirchenvater Origines war in seiner Jugend Manichäer und nahezu alle frühchristlichen Heiligen waren philosophisch gebildet und konnten ihre Widersacher mit Argumenten anstelle von Dogma besiegen.

Da die drei Mariae meine Heimat bekehrten, ist viel von dieser Tradition dort noch lebendig, selbst wenn der Bischof von Rom das nicht gerne sieht.
Ich wüsste gerne, was kainitische Gelehrte, die ja vielleicht jene Nächte erlebt haben, für Meinungen dazu haben.

Der Kreis aus Leben, Tod und Wiedergeburt ist bei den Heiden meiner Heimat sehr lebendig gewesen. Ich hörte, dass von baltischen Barbaren bis ins ferne Indien dies immer noch geglaubt wird. Winter und Sommer scheinen Beweis dafür zu sein."

Das Mädchen im zweifarbigen Kostüm dozierte wie ein Lehrer an den Lateinschulen, die Ilario besucht hatte.
Irgendwie wirkte es putzig, aber zugleich war es, als packe sie mehr Wissen in die wenigen Sätze, als seine ihn unbefriedigende Meister einst wohl insgesamt besessen hatten.
Ein weniger kluger Mann als der Magister wäre wohl grenzenlos verwirrt von diesen Worten.

Vielleicht meinte man das mit dem ansteckenden Wahnsinn der Malkavianer.
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Re: Halbmond und Halbwissen [Angelique, Ilario]

Beitrag von Ilario » Di 28. Mär 2017, 21:25

Obwohl manches dem Magister fremd erschien, konnte sein Geist den Gedankensprungen der kleinen Malkavianerin folgen und tat dies auch fasziniert. Er schwieg und lauschte aufmerksam, ein geduldiger Zuhörer und machte sich einige Notizen.

"Außerhalb des Gewöhnlichen denken, abseits der festen Schemata... erfrischend ungewöhnlich. Einmal mehr freue ich mich euch getroffen zu haben werte Angelique. Wiedergeburt ist ein interessantes Konzept, manche sagen gar wenn wir vernichtet würden würden wir eins mit der Finsternis um erneut daraus geboren zu werden."

Ilario zuckte mit den Schultern, dieser Gedanke war nicht von ihm und auch nur am Rande von Interesse für diese Konversation. Bei seinen nächsten Worten schlich sich ein wenig Verzückung in die Stimme des Magisters.

"Einen alten Gelehrten unserer Art zu treffen, zu seinen oder ihren Füßen zu sitzen und der Weisheit von Jahrhunderten zu lauschen... ein Traum. Vor allem wenn er die glorreichen Tage Roms erlebt hätte."
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